Mutter mit Kinderwagen

15 Sätze, die ich gesagt habe, bevor ich selbst ein Kind hatte …

Seien wir ehrlich: Kinderlose Menschen haben zu allem eine Meinung und feste Überzeugungen. Das ging uns wohl allen so. Wir haben uns Gedanken gemacht, beobachtet und zig Ratgeber gelesen. Wir waren uns sicher, dass wir wissen, wie das mit Kindern ist. Klar, ist es schwer, das sagt ja jeder. Aber man muss sich nur Regeln setzen und dann wird das schon.
Aber, liebe Kinderlose, mit dem Elternwerden ist das ungefähr so: Stellt euch mal vor, ihr lernt Autofahren in der Theorie, besteht die schriftliche Prüfung und bekommt dann den Lappen, um sofort ganz allein in der Rushour einmal quer durch München zu fahren. Und das ist eigentlich noch untertrieben.
Für diejenigen, die es sich immer noch nicht vorstellen können: Alle guten Vorsätze sind in der Minute, in der das Kind geboren wird, hinüber. Finito!
Hier kommen also fünfzehn Sätze, die ich gesagt habe, als ich noch kein Kind hatte.
Und was ich jetzt sage.
Hiermit entschuldige ich mich für alles, was ich gesagt oder gedacht habe, als ich selbst noch keine Mutter war!

  1. Früher: „Ich werde immer wissen, was mein Kind hat! Wir haben eine magische Verbindung!“

    Heute: „Du bist satt, du bist ausgeschlafen, du hattest genügend Mama-Zeit und jede Menge Spielzeug … was läuft denn jetzt wieder falsch?!“ Die Theorie klingt so einfach: Wenn kleine Babys schreien, haben sie Hunger oder eine volle Windel. Stimmt leider nicht. Vielleicht drückt der Bauch, der Po ist wund oder sie sind müde. Oder ihnen ist langweilig. Oder alles ist zu viel. Oder sie haben einfach so schlechte Laune. Genauso wie es bei uns auch ist. Eine magische Verbindung gibt es nicht. Wer so etwas behauptet, ist entweder ein Baby-Medium oder lügt. Wir wissen ja oft genug schon nicht, was unser Partner gerade hat und der kann wenigstens reden!

  2. Früher: „Mein Kind schläft in seinem eigenen Zimmer!“/“Mein Kind schläft niemals im Elternbett!“/“Mein Kind schläft nur im eigenen Bett!“

    Heute: „Hauptsache, er schläft.“ Menschen, die noch weit weg von der Vorstellung sind, Kinder zu haben, können sich meistens nicht vorstellen, dass das Baby mit im elterlichen Schlafzimmer schläft. In der Praxis sieht es aber so aus, dass Neugeborene es oft gar nicht ertragen können, von der Mama getrennt zu sein. Ganz zu schweigen davon, dass man nachts nicht erst noch in ein anderes Zimmer rennen will. So landen die meisten dann eben doch beim Beistellbett. Und auch wenn man anfangs sagt, dass es nur für kurze Zeit ist. Das ist es meistens nicht. Und da ist auch okay.
    Aber der Baby-Schlafort ist ja ein großes Spektrum. Da wäre ja noch die Warnung, dass Babys auf gar keinen Fall im Elternbett schlafen sollten, weil dort die Gefahr des Plötzlichen Kindstodes erhöht ist. Und wer riskiert das schon? Wie lange habe ich gebraucht, bis ich eingeknickt bin? Ungefähr sechs Stunden. Schon in der Nacht nach der Geburt landete das Kind in meinem Bett. Denn: Babys wollen Nähe. Das ist ganz nah bei der Mama im Bett einfach oft das Beste. Allerdings sollte man dabei sicherlich gut auf das Kind aufpassen, um es vor Überhitzung oder Erstickung zu schützen.
    Und dann gibt es ja noch die dritte Regel, die viele Mütter, die ich treffe, immer noch einhalten: Kinder sollten immer in ihrem Bett schlafen und nirgends sonst. Vor allem nicht auf der Mama. Ich halte das nicht ein. Genau genommen hatte ich mir früher nicht mal so genau Gedanken dazu gemacht, dass ein Kind woanders schlafen könnte als im Bett. Babys schlafen die ganze Zeit, das weiß man doch, oder? Ja, am Anfang ist das so. Allerdings wollen viele Babys nur auf der Mama schlafen. Manche Mütter schaffen es, ihrem Kind das von Anfang an abzugewöhnen. Ich nicht. Mein Kind hat wochenlang tagsüber im Tragetuch geschlafen. Das war unpraktisch, aber ich bin glücklich, wenn das Baby glücklich ist.

    Baby mit Teddy
    „Kinder können wunderbar alleine spielen!“ – „Was spiele ich denn nur jetzt mit dir?“
  3. Früher: „Man sollte ein Kind niemals zum Schlafen zwingen! Es wird schon schlafen, wenn es müde ist!“

    Heute: „Du bist müde, also schlaf doch bitte!“ Viele Babys schlafen leider nicht, wenn sie müde sind. Im Gegenteil, dann weinen sie erst recht und wollen alles, aber bloß nicht ins Bett gelegt werden. Das hat überhaupt nichts damit zu tun, dass man die Bedürfnisse seines Kindes nicht beachtet oder es zu etwas zwingt.

  4. Früher: „Mein Kind bekommt keinen Schnuller!“

    Heute: „Nicht den Schnuller rausziehen!“ Schnuller sind ungesund und beeinträchtigen die Kommunikation zwischen Mama und Kind. Ich finde Schnuller auch jetzt noch ätzend. Aber wie lange hat es gedauert, bis mein Kind einen bekommen hat? Zwei Wochen. Babys haben ein hohes Saugbedürfnis. Aber da können mir Experten sagen, was sie wollen: Oft geht es kaum anders und man kann den Schnuller nicht nur geben, wenn das Kind gerade durchdreht. Ich bemühe mich allerdings immer noch, ihn so selten wie möglich anzubieten.
    Bei einer Regel versuche ich allerdings konsequent zu bleiben: „Willst du mit uns reden, nimm den Schnuller raus!“ (Ja, diese Regel ist auch bei einem vier Monate alten Kind durchaus schon angebracht.)

  5. Früher: „Das mit dem Schlaf ist doch übertrieben. Ich werde schon eine Weile damit klarkommen, nachts öfter wach zu werden!“

    Heute: „… … …“ Dazu kann ich nichts sagen. Ich bin zu müde.
    Man denkt, man kennt schlaflose Nächte, weil man ja früher auch schon oft nachts wachgelegen hat oder schon in der Schwangerschaft zweimal die Nacht raus musste, weil die Blase drückte. „Oft wachliegen“ ist aber nicht gleichzusetzen mit „jede Nacht zwei- bis fünfmal geweckt werden“. Gerade am Anfang dauert das Stillen dann auch oft über eine Stunde. Und wenn das klappt, dann ist es plötzlich etwas anderes und man stillt zwar nicht mehr so lange, dafür aber super oft. Und dann kommt plötzlich eine Zeit, in der man super früh aufstehen muss. Nein, es ist nicht einfach. Überhaupt nicht. Habt Geduld mit einer Mutter im Zombie-Modus.

  6. Früher: „Ich gebe mir zwei Wochen, dann bin ich zurück im Leben. Und natürlich werden wir auch weiterhin abends etwas unternehmen!“

    Nach zwei Wochen: „Kannst du bitte für mich in den Supermarkt nebenan gehen und einkaufen? Ich kann noch nicht so weit laufen.“
    Heute: „Es ist ja schon halb zehn! Ich muss sofort ins Bett!“
    Auch bei einer natürlichen Geburt kann es unter Umständen sehr lange dauern, bis man sich halbwegs davon erholt hat. Und dann sind da ja noch die schlaflosen Nächte (siehe Punkt 6). Ich bin zwar immer noch der Meinung, dass man ein Kind durchaus auch in ein soziales Leben integrieren kann (ich habe oft genug gesehen, dass es geht). Aber so einfach, wie man sich das vorstellt, ist es eben nicht. Hut ab vor den Eltern, die das hinbekommen!

  7. Früher: „Ich werde keine dieser Mütter, die nur über ihr Kind redet!“

    Heute: „Also, bei uns ist das ja so …“ Mit Kind wird die Welt plötzlich seltsam klein, wenn man nicht eine von den Wundermüttern ist, die nebenbei noch zig Projekte stemmen. Worüber soll man denn reden, wenn man nichts anderes sieht und hört als das Kind? (Es tut mir leid!)

  8. Früher: „Ich werde sobald wie möglich wieder arbeiten! Vielleicht schreibe ich in der Elternzeit ja endlich mal mein Buch?“

    Heute: „Das Kind schläft. Ich habe eine halbe Stunde. Was mache ich jetzt nur als erstes? Essen? Aufs Klo gehen? Lesen? Arbeiten? Den Haushalt? Oh, er ist aufgewacht …“ Ja, am Anfang schläft ein Kind sehr viel. Aber meistens nur auf dem Arm, da hat mein keine Hand frei, etwas anderes zu machen. Außerdem soll sich die Mutter auch erstmal erholen. Und dann schläft das Kind irgendwann nicht mehr so viel. Und gerne nur noch beim Spazierengehen. Und außerdem sind viele Mütter auch viel zu müde. Ein bisschen was geht vielleicht. Wie dieser Blog-Beitrag. Den ich auf dem Boden neben der Krabbeldecke schreibe. Aber richtig arbeiten gehen? Horrorvorstellung! Wer von Müttern verlangt, dass sie nach sechs Wochen wieder arbeiten sollen, hat echt eine Meise!

  9. Früher: „Seine Elternzeit kann man wunderbar mit anderen Müttern im Café verbringen!“

    Heute: „Is there anyone out there?“ Okay, so richtig Gedanken habe ich mir nicht gemacht, was ich wohl in meiner Freizeit während der Elternzeit anstellen werde. Aber ich hätte sicher keine Zweifel gehabt, dass man locker die ganze Zeit mit anderen Müttern im Café rumsitzen kann. Das lernt man ja schließlich in der Blogger- und Instagram-Welt. Da gibt es genügend Mütter, die kaum etwas anderes zu tun scheinen. Die Realität sieht nach meiner Erfahrung allerdings anders aus: 1. Habe ich gar keine Freizeit. 2. Ist es gar nicht so einfach, andere Mütter kennenzulernen. Man trifft zwar natürlich viele Mütter im Geburtsvorbereitungs-, Rückbildungs-, Babymassagenkurs, aber richtig enge Kontakte sind bei mir noch nicht entstanden. 3. Haben viele Kinder auch gar keine Lust, ewig lang im Kinderwagen im Café rumzuliegen. Viele Kinder mögen Kinderwagen nämlich gar nicht. Und nicht zuletzt: 4. Bleiben einem mit Elterngeld einfach nur noch maximal 67 Prozent des alten Gehalts – bei eher mehr als weniger Ausgaben. Wer hat da schon noch die Kohle, um ständig im Café Latte Macchiato zu trinken?

    Frau in Hängematte
    Verkrümeln? Geht nicht.
  10. Früher: „Ich werde niemals in der Öffentlichkeit stillen!“

    Heute: „Mein Kind hat Hunger – guck doch weg, wenn es dich stört!“ Dazu habe ich mich schon hier ausgiebig geäußert. Wer voll stillt und trotzdem das Haus verlassen will, muss in der Öffentlichkeit stillen. Punkt.

  11. Früher: „Ich werde ein gutes Vorbild sein!“

    Heute: „Noch schnell vor dem Fernseher ein Stück Schokoladen reindrücken. Scheiße, ist auf den Boden gefallen!“ Kein Fernsehen unter drei Jahre, keine Videospiele, bis das Kind ein „richtiges“ Hobby hat, keine Süßigkeiten, dafür aber ordentliches Hochdeutsch. Schöne Vorsätze, oder? Noch schöner wär’s natürlich, wenn man sich selbst an die hohen Maßstäbe halten könnte, die man seinem Kind auferlegt. Daran übe ich noch.

  12. Früher: „Ich werde keinen Kinderkram machen, bevor mein Kind es nicht ausdrücklich verlangt!“

    Heute: „Fingeeer und Zeeehen, Fingeeer und Zeeehen …“ Ich hasse Kinderlieder, wie ich hier schon berichtet habe. Und so ein Mutti-Gedöns ist echt nicht mein Ding. Aber, was soll man machen? Wenn man jeden Tag stundenlang mit einem Kind spielen muss, das noch gar nicht richtig spielen kann, dann muss man sich eben etwas einfallen lassen oder Kompromisse schließen. Und wenn man es zu Hause nicht mehr aushält, dann findet man sich bald in der Krabbelgruppe wieder, wo man fast schon das Namens-Begrüßungslied mitsingt. Aber auch nur fast.

  13. Früher: „Mein Kind bekommt nur hochwertiges Spielzeug und kein Plastik!“

    Heute:  „Gibt’s sowas auch in Plastik?“ Die Umwelt liegt mir ja sehr am Herzen. Mir ist es wichtig, dass so wenig Plastik wie möglich in unser Haus kommt. Natürlich wollte ich nur hochwertiges Holzspielzeug für mein Kind. Holz hat aber zwei Nachteile: Es ist 1. schwer und 2. nicht so gut abwaschbar. Da ist Plastik leider praktikabler. Hochwertig sollte es aber trotzdem sein. Wegen der Farben und so. Ähm, wo wurde das Teil da noch mal hergestellt? Ach, auch wenn viele darüber schimpfen: Wir haben es früher auch überlebt.
    Und dann gibt es ja noch die Mütter, die finden, Babys brauchen gar kein Spielzeug. Vielleicht habe ich das auch mal gedacht. Ich kann mich nicht erinnern. Wie kommt man ohne Spielzeug durch den Tag?

  14. Früher: „Ich werde mich nicht verrückt machen lassen!“

    Heute: „Ich mache alles falsch!“ Ein wichtiger Tipp, den man allen jungen Eltern gibt: Lass dich nicht verrückt machen. Einer der wichtigsten Tipps überhaupt. So einfach ist das aber nicht. Mit einem Kind hat man Ängst, die man vorher nicht gekannt hat. Und plötzlich überlegt man doch, ob man eine von diesen Herzfrequenz-Mess-Matten braucht, damit man nicht ständig in Panik ausbricht, nur weil das Kind ruhig schläft. Zum Glück stellt man bald fest, dass man damit nicht alleine ist. Und vielleicht hat man ja eines Tages mehr Ruhe? (Wohl eher nicht.)

  15. Früher: „Ich werde mein Kind niemals schreien lassen!“

    Heute: „Ein schreiendes Kind gehört auf den Arm!“ Und zum Schluss etwas, das bei mir immer noch die oberste Regel ist: (Kleine) Babys sollte man niemals schreien lassen. Wenn sie schreien, weil gerade ihre kleine Welt untergeht, dann muss man sie auch trösten. Aber was bedeutet eigentlich „schreien lassen“? Ich habe irgendwann eingesehen, dass „schreien lassen“ nicht bedeutet, dass das Kind einen kleinen Augenblick warten muss. Denn manchmal geht es einfach nicht sofort. Weil man im Bus sitzt und es zu gefährlich wäre, das Kind aus dem Wagen zu heben. Weil Mama das Gefühl hat, dass sie umkippt, wenn sie nicht sofort wenigstens eine winzige Kleinigkeit isst und trinkt, bevor sie das Kind stillt. Oder einfach ganz ganz dringend auf die Toilette muss. Experten mögen etwas anderes sagen. Aber „kurz warten“ ist für mich nicht „schreien lassen“. Und wann ist schreien überhaupt schreien? So ein Mensch hat ja viele Formen der Unmutsäußerung, auch der ganz kleine schon: vom Nörgeln über ausgewachsene Wutausbrüche bis zum verzweifelten Weinen. Manches davon muss ein Kind meiner Meinung nach auch mal aushalten.
    Und dann gibt es auch genügend Mütter, die finden, dass es ihnen und ihren Kindern nicht gut tut, wenn sie sofort rennen, wenn das Kind schreit und die wirklich schreien lassen. Gut finde ich das nicht. Aber wer bin ich, dass ich darüber urteilen könnte?

To be continued …

Fotos: Pixabay

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 32 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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