Bier
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500 Jahre Reinheitsgebot

2016 hat das Reinheitsgebot seinen 500. Geburtstag und wurde in ganz Deutschland als „ältestes Lebensmittelgesetz der Welt“ gefeiert. Bei genauerer Betrachtung werden hier allerdings nur Industrie und die Lobbyarbeit dahinter bejubelt.

Das Reinheitsgebot bezieht sich auf die bayerische Landesordnung von 1516. Im Originaltext heißt es dort: „Wir wollen auch sonderlichhen dass füran allenthalben in unsern stetten märckthen un auf dem lannde zu kainem pier merer stückh dan allain gerstenhopfen un wasser genommen un gepraucht solle werdn„.

Kurios. Bier wird doch eigentlich aus Malz, Hopfen, Hefe und Wasser hergestellt, wieso fehlen Malz und Hefe im Text von 1516?

Reinheitsgebot: alles über deutsches Bier

Foto: Unsplash/Wil Stewart

Die Gerste musste damals vom Brauer vermälzt werden, um Gerstenmalz zu erhalten und somit überhaupt verzuckern zu können. Ziel der Landesordnung war nicht zu bestimmen, wie die Gerste weiterverarbeitet wird, sondern dass für die Bierherstellung einzig und allein Gerste und kein anderes Getreide benutzt wird. Die Beschränkung auf ausschließlich Gerste ist zurückzuführen auf Getreideknappheit. Weizen eignete sich für Brot und Bier gleichermaßen gut, Gerste nur für Bier, also wurde beschlossen: Gerste fürs Bier, Weizen fürs Brot. Kapitalismuskritik ist nachfolgend durchaus angebracht, da Herzog Maximilian I. eine Ausnahmegenehmigung für das Brauen von Weißbier innehielt und Genehmigungen zum Brauen von Weißbier quasi im ganzen Herzogtum gegen eine Abgabe vergab. Ein äußerst lukratives Geschäft, um die durch den Dreißigjährigen Krieg geleerte Staatskasse wieder aufzufüllen. Nichtsdestotrotz ist ein Weißbier mit einem „gebraut nach dem deutschen Reinheitsgebot von 1516″-Etikett Verbrauchertäuschung.

Hefe wurde zu dieser Zeit als Nebenprodukt angesehen, welches bei der Gärung entsteht. Man hat es als selbstverständlich angesehen, dass ein Bier die Hefe macht und nicht die Hefe das Bier, da die Hefe in dieser Zeit nicht aktiv zugesetzt, sondern wild eingefangen wurde. Erst 1876 wurde die Hefe, so wie wir sie heute verstehen, durch Louis Pasteur erkannt und verstanden.

Die Landesordnung wurde in den letzten fünfhundert Jahren ständig verändert, gedreht, ersetzt und ergänzt. So waren zeitweise Koriander, Lorbeer, Wacholder und Kümmel als weitere Zutaten zugelassen. Final wurden erst am 9. Juli 1923 Gerstenmalz, Hopfen, Hefe und Wasser als einzige Zutaten fest im Deutschen Biersteuergesetz verankert. Nach dem Zweiten Weltkrieg, ausgenommen Bayern, wurden wieder kurzzeitig Zusatzstoffe wie Kartoffelflocken, Zuckerrüben, Zucker und Hirse zugelassen. Einige Jahre später, 1952, wurden die heute bekannten Zutaten im Biersteuergesetz fest verankert. Man kann sich an diesem Punkt also die Behauptung sparen das Reinheitsgebot – pardon – die Landesverordnung von 1516 als „ältestes und unverändert gültiges Lebensmittelgesetz der Welt“ zu bezeichnen.

Der Begriff Reinheitsgebot fiel im 20. Jahrhundert zum ersten Mal. Die Interessen dahinter und die Entstehung eines Alleinstellungsmerkmals waren der Marktausschluss importierter, und eine höhere Verkäuflichkeit inländischer Biere. Das Importverbot ausländischer Biere wurde erst im März 1987 vom Europäischen Gerichtshof gekippt. Seit damals dürfen Biere, die nicht dem „Reinheitsgebot“ entsprechen und im Ausland gebraut wurden, in Deutschland als Biere verkauft werden. Das führt zu äußerst kuriosen Szenen: Ein Stout, welches beispielsweise in Irland gebraut wurde, darf hier in Deutschland verkauft werden, obwohl es unvermälzte Gerste enthält. Das gleiche Produkt mit einer 1:1 gleichen Rezeptur darf in Deutschland allerdings nicht gebraut und verkauft werden.

Besonders erschreckend ist der Einfluss der Industrie und die Erschaffung des Alleinstellungsmerkmals Reinheitsgebot in den Köpfen der Kundschaft. Nicht selten hört man: „Ausländische Plörre. Trinke ich nicht!“. Es wird alles außerhalb des Reinheitsgebots abgelehnt. Der daraus resultierende übermäßige Nationalstolz des eigenen Gesöffs und das schlechtmachen ausländischer Biere ist äußerst beängstigend. Möglicherweise kann der aktuelle Craft-Beer-Trend, der Biere mit allerlei exotischen Zutaten auch nach Deutschland bringt, dieser konservativen Strömung entgegenwirken.

Quellen:

wikipedia
braumagazin.de
besser-bier-brauen.de

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe „#3 Heimat“ des No Robots Magazines. Lies hier kostenlos das komplette Magazin!

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