Als ich noch jung war: erfundene Freunde

Hilfe! Invasion! Nach einer Kooperation, die etwas ausgeufert ist, ist unser Büro (das auf meiner richtigen Arbeit!) vollgestopft mit Kuscheltieren. Alle Kolleginnen flippen aus. Nur mich lassen die Viecher halbwegs kalt. Was stimmt nicht mit mir?

Als Kind hatte ich sicher viele Spielzeuge, die einen Namen trugen: NICI-Enten, die irgendwo rumstanden, Barbie-Puppen, und sicher trugen sogar meine Spielzeugautos einen Namen. Aber dennoch ließen Kuscheltiere mich weitestgehend kalt. Meine einzigen konstanten Spielzeugfreunde waren eine schwarze Puppe namens Juliana und ein Kuschellöwe namens Leo Baghira, den ich vor allem aus Romantikgründen mit in den Urlaub schleppte und der irgendwann keine Mähne mehr hatte. Was wohl aus ihm geworden ist?
War ich ein kaltherziges Kind?
Der Fakt ist, als ich noch jung war brauchte ich keine Kuscheltiere. Dafür war in meinem Leben gar kein Platz mehr. Denn damals, als kleines Mädchen auf dem Land, wo es nur wenig Nachbarkinder zum Spielen gab und die nächste Freundin unten im Tal wohnte, ja, damals musste man sich eben andere Freunde suchen.
Wenn ich heute an das Mädchen vom Land denke, dann habe ich fast schon Dornröschen vor Augen, wie sie mit all den Tieren durch den Wald tanzt. Und damals wäre das auch sicher mein allergrößter Lebenstraum gewesen, mit Fuchs und Hase in einem Baumhaus im Wald zu leben. Das Baumhaus habe ich leider nie bekommen, dafür habe ich mir (und meine Eltern sich wohl auch)  alle Mühe gegeben, unser Haus mit Leben zu füllen: zehn Meerschweinchen (inklusive Nachwuchs), sechs Katzen (inklusive Nachwuchs), vier Hunde, drei Schildkröten und ein Zwergkaninchen lebten (wenn auch nicht alle gleichzeitig) unter unserem Dach.
Dem aufmerksamen Leser wird allerdings auffallen, dass eine äußerst wichtige Tierart in dieser Liste fehlte: Leider könnte ich meine Eltern niemals davon überzeugen, mir ein Pony zu kaufen. Dieser Schmerz ist bis heute nicht vollständig überwunden. Also musste ich mir etwas anderes überlegen und erfand kurzerhand meine eigene Herde. So existierten, wenn ich mich recht erinnere, vier auserwählte Reittiere in unserem Garten. Plus noch mal etwa fünfzig meiner Oma auf der anderen Straßenseite. Jedes mit Namen, Rasse und natürlich einem eigenen Stall. Wie? Die habt ihr nicht gesehen? Also, ich schon!
Wer aber jetzt meint, vierundfünfzig Luftpferde, zehn Meerschweinchen (inklusive Nachwuchs), sechs Katzen (inklusive Nachwuchs), vier Hunde, drei Schildkröten und ein Zwergkaninchen seien nun wirklich genug Haustiere, der hat sich erheblich in dem Mädchen vom Land getäuscht! Bis zur Pubertät war ich entschieden der Meinung, dass alles, was krabbelt und lebt, zum Freund taugt: Ich habe Schnecken gesammelt, im Wald Froschlaich aus den Tümpeln gefischt, um die Kaulquappen im Gartenteisch aufzuziehen, und vermutlich habe ich sogar versucht, mich mit Spinnen anzufreunden.
Und da fragt mich jemand, warum ich keine Kuscheltiere hatte? Wer braucht denn bitte so ein lahmes Plüschtier??

Als ich noch jung war: erfundene Freunde

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 32 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

Letzte Artikel von Larissa//No Robots Magazine (Alle anzeigen)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich akzeptiere