Am Ende des Rauschs
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Am Ende des Rauschs

Bevor ich euch diese Geschichte erzähle, müssen wir erstmal ein paar Sachen klären. Zum einen bin ich keine militante Drogengegnerin. Ich halte die momentane Gesetzeslage für überholt, so wie viele andere auch. Was ich euch erzähle, ist einfach nur eine Geschichte, sie hätte ebenso gut Alkohol zum Thema haben können oder andere ähnliche Suchtmittel, aber in diesem Fall waren es eben Drogen.
Und auch geht es in dieser Geschichte nicht darum, mit dem Finger auf jemanden zu zeigen, weswegen die Namen aller Beteiligten natürlich auch nicht die echten sind – wie ihr unschwer erkennen werdet.

Drogen Rausch

Foto: Unsplash/Jakob Owens

Es ist eine sehr persönliche Geschichte, in der es um den Niedergang eines Menschen geht, der mir einmal sehr viel bedeutet hat. Es geht auch um persönliche Grenzen, die man ziehen muss, wenn man nicht selbst an etwas zugrunde gehen möchte. Und vielleicht geht es auch um Fehler, die gemacht wurden, von Eltern, Freunden, mir.
Die Geschichte beginnt vor über fünfzehn Jahren, ich war ein Teenager, vielleicht ein bisschen wild, aber weit weniger als viele meiner Freunde. Unter den Wilden war ich die Brave. Wir betranken uns, probierten uns durch diverse Drogen, wie das viele Jugendliche und auch nicht mehr ganz so jugendliche machen. Bei vielen geht das gut, bei einigen nicht.
Eric war mein bester Freund. Wenn es jemals eine perfekte platonische Liebe zwischen einer heterosexuellen Frau und einem heterosexuellen Mann gegeben hatte, dann unsere. Und Eric war mit meiner Freundin Arielle zusammen und sie waren das perfekte Teenager-Traumpaar. Eric liebte Arielle unendlich. Unser Freundeskreis war schön und vertrauensvoll und wir machten viel Party und Quatsch.
Die Welt ging für Eric an dem Tag unter, als Arielle sich von ihm trennte. Young hearts run free. Ich meine, sie waren zu dem Zeitpunkt bereits über ein Jahr zusammen gewesen. Für unser damaliges Alter beachtenswert. Ich nahm ihn in den Arm, tröstete: „Ihr könnt ja Freunde bleiben …“ Aber sie konnten es nicht, denn er konnte sie nicht mehr sehen, es riss die Wunde immer wieder auf. Ich sah ihn viel seltener und in der Clique gar nicht mehr.
Vielleicht war Eric den Drogen die ganze Zeit schon viel mehr zugetan als der Rest von uns und wir haben es einfach nicht gemerkt. Vielleicht waren auch die Dealer schuld, die nun sein neuer Freundeskreis geworden waren, nachdem sein alter mit einem blutenden Herzen weggebrochen war.
Jedes Mal, wenn ich Eric anrief, hing er bei den Dealern rum. Ich war seine beste Freundin, ich kannte ihn wohl besser als er selbst und ich konnte ihm anhören, wenn er gerade etwas intus hatte. Weil wir uns immer seltener sahen, waren die Veränderungen, die mit ihm vorgingen, so deutlich zu erkennen. Und ich war nicht die Einzige die es bemerkte. Als Erstes verlor Eric seinen Führerschein, kurze Zeit später bestand er den Drogentest seines Arbeitgebers nicht. Man gab ihm eine zweite Chance, er musste aufhören. Ich brachte ihn zur Drogenberatung und er gelobte Besserung. Doch er bestand auch den zweiten Drogentest nicht und verlor eine Ausbildungsstelle, um die sich viele geprügelt hätten. Ich hörte es aus zweiter Hand, war wütend auf Eric, war vor allem deshalb wütend, weil ich mich persönlich hintergangen gefühlt habe. Ich habe ihn zur Schnecke gemacht und wir haben zusammen nochmal bei der Drogenberatung angerufen. Er war bei genau drei Terminen dort und danach nicht mehr.
Und hier fängt vielleicht auch der Teil an, ab dem ich selbst versagt habe. Ich denke bis heute darüber nach, wie schwer meine eigene Schuld wiegt. Ja, natürlich hatte ich auch meinen Koffer zu tragen; ich hatte eine Beziehung, pendelte täglich anderthalb Stunden zur Schule, hatte Praktika zu machen, zog kurze Zeit später nach München und musste fürs Abi lernen.

Das rede ich mir ein. Es stimmt ja auch irgendwie.

Aber dann ist da der Teil, der sich fragt, ob ich nicht einfach müde war. Einer sehr intensiven und auslaugenden Freundschaft müde. Müde all der Kontrollanrufe – „Ja, ich hab was genommen, aber nicht so viel, ist halt heute ein Scheißtag.“ Jeder Tag war ein Scheißtag. Oder: „Ja, ich hab was genommen, aber es gab was zu feiern!“ Jeder Tag war ein Scheißtag oder ein Feiertag.
Ich war auch müde all seiner Verzweiflung. Müde seiner Ticks, die er entwickelt hatte.

Ich erinnere mich an eine Szene: Eric und ich sitzen auf dem Balkon und er ist entweder so voll oder schon so geschädigt, dass er für die Formulierung einfachster Sätze eine Ewigkeit braucht. Man kann keine richtige Unterhaltung mehr mit ihm führen. Er kann sich nur schwer konzentrieren. „Hör mal Eric, das geht so nicht weiter.“
„Ich weiß. Ich schaffe es einfach nicht.“
„Arielle und ich bringen dich morgen in die Entzugsklinik, okay?“
„Okay.“
„Das ist deine letzte Chance. Wir können nicht mehr. Wir bringen dich hin, du machst den Entzug und du schaffst es und wenn nicht, dann sind wir raus. Dann kannst du nicht mehr mit uns rechnen, dann können wir dir nicht mehr helfen. Verstehst du?“
„Ja.“
Ein Ultimatum. Darf man sowas, wenn man jemanden liebt? War es Selbstschutz? Müdigkeit? Enttäuschung?
Am nächsten Tag brachten wir ihn in die Klinik. Ich hatte mir extra von meiner Mama das Auto geliehen. Wir halfen ihm, sein Zimmer zu beziehen, tranken noch einen Kaffee in der Cafeteria, spazierten noch eine Runde auf dem Gelände und überließen Eric mit viel Hoffnung und guten Worten der Klinik.

Ich glaube er hat ganze zwei Wochen dort ausgehalten. Wir haben unsererseits das Ultimatum eingehalten. Wir waren raus aus der Sache.

Irgendwann, wir waren alle längst schon raus aus der Provinz, haben in der Großstadt studiert, stand Eric in den frühen Morgenstunden vor dem Elternhaus von Arielle. Er hatte nicht geklingelt, sondern wartete dort nur einfach. Arielles Mutter sah ihn, als sie zur Arbeit gehen wollte.
„Eric, was machst du denn hier?“
„Ich wollte Arielle zur Schule bringen.“
„Eric, die Arielle wohnt schon lange nicht mehr hier. Die ist zum Studieren weggezogen, die geht nicht mehr zur Schule.“
„Ach so. Wann hat sie denn Schule aus? Ich kann sie ja abholen.“

Arielles Mutter rief mich an. Dann sprach sie mit seinen Eltern, seine Mama weinte. Eric war mehr oder weniger obdachlos. Auch seine Eltern hatten irgendwann kapituliert. Die liebsten und fürsorglichsten Eltern der Welt hatten ihren Sohn vor die Tür gesetzt. Seine Sucht hat auch eine tiefe Kerbe in der Familie hinterlassen. Sie fragen sich mit Sicherheit auch, was sie falsch gemacht haben. So wie ich. So wie vielleicht auch Arielle.

Ich habe Eric nun seit über zehn Jahren nicht mehr gesehen. Er wollte mich mal in einem sozialen Netzwerk adden, aber ich habe abgelehnt. Ultimatum ist Ultimatum. Oder nicht? Oder doch?
Wie ich hörte, soll er zeitweise in einer betreuten WG gelebt haben, später wieder in der Klinik gelandet sein. Was davon genau stimmt, weiß ich nicht.
Aber eines weiß ich: er hat sein Leben nicht wieder in den Griff bekommen.

Roxy

Roxy, *1983, kam als Sechsjährige mit ihrer Familie aus Rumänien. Heute bloggt sie unter early-birdy.de und beweist. dass auch aus einem rumänischen Flüchtlingskind eine Architektin werden kann.

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