Weihnachten in der Kirche
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An Weihnachten bin ich Christ

Weihnachten in der Kirche

Foto: Unsplash/Karl Fredrickson

Es ist Samstag. Ich stehe in der Schlange vor der Supermarktkasse. Neben mir Paletten mit Aktionsware, hauptsächlich Kekse, Spekulatius und Marzipan. Der Duft einer zerbrochenen Flasche Glühwein mischt sich mit einem penetranten, fruchtigen Parfum einer älteren Dame vor mir. Über mir erklingt „Feliz Navidad“ in einer unsäglichen Instrumentalfassung, und hinter mir brüllt seit zwei Minuten jemand „Kasse, Kasse! Können Sie noch ne Kasse aufmachen?“ – Nein, können sie nicht, alle Kassen sind besetzt und die weihnachtliche Stimmung ist auch für das Personal kaum noch zu ertragen.
Weihnachten. Diese Zeit, die stillste zu nennen, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Und ich sammle meine Ruhe, so gut ich das nur kann. Dabei kommt mir eine Frage in den Sinn, die mir kürzlich gestellt wurde. Ich wurde gefragt, ob ich religiös sei. Bei der Frage schwang die Erwartung mit, dass ich Atheistin sei. Nein, ich bin nicht atheistisch. Eine einfache Antwort konnte ich dennoch nicht geben.

Meine Kindheit war von meinem katholischen Umfeld geprägt. Ich selbst verbrachte viel Zeit in der Kirche, ob mit der Jungschar oder der katholischen Jugend – meine Freunde waren katholisch und ich auch. Das veränderte sich schlagartig, und ich war auch im evangelischen Religionsunterricht als Gasthörerin. Mein Motiv war weniger ein spirituelles, als vielmehr eine Nebenerscheinung meiner Pubertät: eine wunderschöne Frau, die eben nicht katholisch war und der ich nur auf diese Art nahe sein konnte. Oh ja, das Leben als Teenager führte mich auf neue Wege. Vier Jahre meiner Schulzeit besuchte ich freiwillig auch den „anderen Religionsunterricht“. Der Lehrer war ein junger, engagierter Pfarrer, der auch mal Tora, Koran und buddhistische Grundlagen in den den Unterricht einfließen ließ. Das war alles sehr spannend, und ich vergaß, was mich ursprünglich in diese Klasse gebracht hatte. Religionsunterricht war nicht mehr nur trocken und einseitig, denn anders als bei den Katholiken war hier alles undogmatisch und es war nicht nur erlaubt, sondern erwünscht auch mal den eigenen Glauben zu hinterfragen.
In meiner Familie war alles beim alten geblieben, ich war noch lange aktives Kirchenmitglied. Das änderte sich erst, als einige Jahre später meine Großeltern ins Heim mussten, weil sie zu Hause nicht mehr zurecht kamen. Meine Großmutter wuchs in einer Zeit auf, als man Katzen noch ein Schälchen Milch ans Fenster stellte. Es gab klare Regeln: Der Mann hatte das Sagen und die Frau hatte sich um Kinder und Haushalt zu kümmern. Meine Großmutter hatte sich immer an alle Regeln gehalten. Aber plötzlich hielt sich ihr Gehirn nicht mehr an die Regeln. Ihre Erinnerungen wurden lebendig und ihr Alltag erschien ihr wie ein Traum. Demenz hatte von ihr Besitz ergriffen. Die Augenblicke, in denen sie klar war wurden seltener. Es fiel mir schwer, mit ihr zu sprechen, denn der geliebte Mensch, der sie mal war, war nur noch schwer in ihr zu erkennen. Eines Tages erzählte sie etwas, das am Anfang wie einer ihrer Tagträume klang.

Während meine Großmutter versuchte, Kaffee zu kochen, erzählte sie von ihrer Mutter, die ihre körperlichen Reize einsetzte, um von einem Beamten saubere Papiere zu bekommen. Sie erzählte von ihrer Mutter mit einer Mischung aus Verachtung und Stolz. Mir wurde in diesem Augenblick klar: Meine Urgroßmutter war Jüdin und somit meine Großmutter auch. Niemals hatte jemand in der Familie auch nur ein Wort darüber verloren. Es gab eine Mauer des Schweigens. In mir wuchs aus diesem Gespräch eine große Neugierde, und ich begann mich mit dem Judentum zu beschäftigen. Es reichte nie aus, um zu konvertieren. Niemand in meinem Umfeld praktiziert den Glauben und niemand lebt die Rituale. Dennoch blieb eine spirituelle Note, wie eine Grundton in meiner Seele zurück.

Ich bin keine Atheistin, keine Katholikin, keine Jüdin. Mein Glaube passt in keine Religion, mein Gott in keine Kirche, meine Gebete in keine Bücher. Wenn ich mit meinem Gott spreche, dann duze ich ihn. Wenn ich bete, dann meist allein.

Endlich erreiche ich die Kasse, darf meine Einkäufe bezahlen. Die Verkäuferin beantwortet meine weihnachtlichen Grüße höflich, aber automatisiert. Ich gehe durch die beleuchtete Stadt, nach Hause zu meiner Familie. Heute Abend werden wir zusammen sitzen, Kerzen anzünden und Lieder singen. Für mich ist es nicht ein Fest der Geschenke, es ist ein Fest der Liebe, das Fest der Familie. Ja, an Weihnachten bin ich wohl immer noch Christ.

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