Karma
Kommentare 0

Ausgleichende Gerechtigkeit

Ich bin nicht religiös

Keine der fünf sogenannten Weltreligionen hat mich je so richtig überzeugen können. Weder das Christentum, der Islam, der Hinduismus oder Buddhismus, noch das Judentum hat mich angesprochen oder mich dazu gebracht, dazugehören zu wollen. Religion an sich, so, wie ich sie als Kind erlebt habe und wie sie in meiner Wahrnehmung ausgeführt wird, war mir immer suspekt.
Dabei habe ich keine negativen Erfahrungen gemacht oder wurde je dazu gezwungen, auf irgendeine Weise religiös zu sein.
Ich bin in Norddeutschland aufgewachsen, hier ist die christliche Kirche zwar präsent, aber sicherlich weniger, als in anderen Teilen Deutschlands. Ich wurde getauft, aber meine Eltern sind beide nicht sehr religiös. Abgesehen von den Pflichtveranstaltungen mit der Schule oder zu Beerdigungen hatte ich keinen Kontakt mit der Institution Kirche. Und darüber war ich irgendwie auch froh. Als sich alle konfirmieren ließen, erschreckte ich meine Großeltern mit der Aussage, dass ich da nicht mitmachen will. („Was sollen denn die Nachbarn denken?“)
Keine Konfirmation für mich, das hieß, dass mir auch viel Geld entging. Der Grund, warum sich der Großteil meiner Altersgruppe konfirmieren ließ: Es gab Geschenke. Und zwar nicht wenige.
Aber ich wollte nicht.
Vielleicht wäre ich jetzt religiös und ein aktives Mitglied der Kirche, wenn ich dem Gruppenzwang stattgegeben hätte und mich für das Geld hätte konfirmieren lassen. Wer weiß das schon? Vielleicht hätte es aber auch nur dazu geführt, dass ich noch weniger für die Kirche übrighätte, als ich es jetzt habe.

Karma

Foto: Unsplash/Annie Spratt

Unwissenheit ist nicht der Grund

Es ist nicht so, dass ich es nie probiert hätte. Ich habe mich informiert, ich wollte lange Zeit religiös sein. Viele Bücher las ich, viele Artikel überflog ich und mit manchen Menschen sprach ich. Ich dachte, an eine Religion glauben gehört einfach dazu, ich hätte nur noch nicht die für mich richtige gefunden.
Aber nein, ich fand sie auch nach intensiver Suche nicht. Die Grundgedanken wie Nächstenliebe, Fürsorge und andere nette Taten sprachen mich immer an, aber es machte nicht„Klick“ und ich fand schnell etwas, dass ich mit mir nicht in Einklang bringen konnte. Meist nicht in der Theorie, sondern in der praktischen Umsetzung der Gläubigen.

Ich bin gläubig

Obwohl ich nicht religiös bin, würde ich mich selbst als gläubigen Menschen bezeichnen. Ich glaube. Nur nicht an eine Religion.
Da mir andere Begriffe dafür fehlen, nenne ich es Karma, Schicksal und ausgleichende Gerechtigkeit.
Ich glaube daran, dass guten Menschen Gutes widerfährt und schlechten Menschen Schlechtes.
Klingt erst mal einfach, ist in der Umsetzung dann aber doch etwas komplizierter.
Denn dieses Gute oder Schlechte passiert nicht einfach so. Wir müssen unser Leben selbst in die Hand nehmen und etwas dafür tun, dass uns etwas Gutes passiert. Wenn wir ein schlechter Mensch sind, dann kann uns genauso Gutes passieren, wenn wir hart dafür arbeiten. Und wenn wir ein guter Mensch sind, dann passieren uns auch schlechte Dinge wie Krankheiten oder Unfälle, allerdings liefert uns das Schicksal immer einen Ausgleich. Wir müssen zugreifen und die Chancen, die sich uns bieten, auch nutzen.
Wir haben es selbst in der Hand.
Wenn wir krank sind und uns in Selbstmitleid suhlen wollen, uns in unserem Elend verkriechen, dann kann uns nichts Gutes als Ausgleich passieren. Wir geben dem Schicksal keine Chance, uns die Hand zu reichen. Den Traumpartner findet man nur, wenn man unter Menschen geht. Im Lotto gewinnen kann man nur, wenn man einen Schein ausfüllt.

Jeder entscheidet selbst

Es kommt auch darauf an, ob man sich selbst als guten oder schlechten Menschen sieht.
Vielleicht ist der Kollege bei der Arbeit ein Idiot und tierisch unfreundlich und trotzdem passieren ihm dauernd tolle Dinge. Das kann sein, wenn er sich selbst nicht als schlechten Menschen sieht und jede Möglichkeit nutzt, die sich ihm bietet.
Weißt du, ob er eine schwere Kindheit hatte oder sich aufopferungsvoll um kranke Familienmitglieder kümmert? Oder der weltbeste Freund überhaupt ist und alles für seine Freunde tut?
Jeder Mensch hat immer mehrere Seiten. Nur weil wir denken, dass jemand so viel Glück nicht verdient hat, heißt das nicht, dass es wirklich so ist.
Genauso ist es natürlich auch mit Schicksalsschlägen. Es erkranken immer die guten Menschen an Krebs? Die nettesten Menschen haben immer den größten Liebeskummer? Das kann sein – oder auch nicht. Vielleicht haben sie es verdient, weil sie dunkle Geheimnisse haben. Und wenn sie es nicht verdient haben, dann wird ihnen das Schicksal einen Ausgleich anbieten, der sie in der Gesamtsicht glücklicher macht. Wenn sie diesen Ausgleich nicht annehmen, nicht zugreifen, dann gibt es weitere Chancen. Aber irgendwann hat auch das Schicksal die Nase voll, bemüht sich nicht mehr um ausgleichende Gerechtigkeit und akzeptiert, dass manche Menschen am glücklichsten sind, wenn sie unglücklich sein dürfen.
Schlechte Menschen bekommen diese Chancen nicht angeboten. Sie müssen sie sich härter erarbeiten, können nicht einfach zugreifen. Sie werden nicht unbedingt direkt bestraft, aber auch das nicht erhalten einer Belohnung kann eine Bestrafung sein.

Wir zerbrechen ohne Glauben

Ich glaube nicht nur an ausgleichende Gerechtigkeit, ich bin auch der Überzeugung, dass jeder Mensch einen Glauben braucht, um zu leben. Jeder Mensch glaubt an etwas, gibt seinem Leben dadurch einen Sinn. Ohne Glauben würden wir verzweifeln, an der Welt zerbrechen. Dieser Glaube kann eine Religion sein, kann der Gedanke an die Familie sein oder wie bei mir selbst zusammengeschustert.
Keines ist schlechter oder besser, solange es funktioniert.

Lexa

Lexa, *1990, schreibt auf lexasleben.de über alles, was ihr aus den Fingern fließt. Immer mit viel eigener Meinung und oft einem Augenzwinkern.

Letzte Artikel von Lexa (Alle anzeigen)

Schreibe eine Antwort