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Blogparade: Menschen, die ich nicht bemerke

Die liebe Sabine von Fadenvogel hat eine schöne Blogparade gestartet: „Menschen, die ich nicht bemerke“ (bitte alle mitmachen!). Sie schreibt darüber, wie vielen Menschen sie ständig begegnet – vom Postboten bis zur Bäckereifachverkäuferin -, mit denen sie fast täglich spricht und über die sie trotzdem fast nichts weiß. So gehen wir alle Tag für Tag aneinander vorbei.

Ja, uns begegnen täglich unfassbar viele Menschen, die etwas für uns tun, und die wir nach und nach irgendwie ins Herz schließen, ohne sie wirklich zu kennen. Die Supermarktverkäuferin, die immer so nett Hallo sagt, als würde sie einen schon ewig kennen. Oder auch die U-Bahn-Fahrerin, die die Haltestellennamen so lustig betont, dass man sich immer freut, wenn sie fährt, auch wenn man sie noch nie gesehen hat.
An all diesen Menschen laufen wir in unserem Alltag jeden Tag vorbei, ohne wirklich Notiz von ihnen zu nehmen. Und diese Menschen sitzen jeden Tag irgendwo, erledigen ihre Arbeit und sehen die Menschen an sich vorbeiziehen. Oftmals ist es eine riesige anonyme Menge. Aber das ein oder andere Gesicht bleibt doch hängen im Laufe der Zeit.
Und wie ist das eigentlich mit uns? Wer läuft an uns vorbei? Wer begegnet euch in eurem Beruf, der euch im Gedächtnis geblieben ist? So wie in meiner Zeit als Redakteurin, wo im Laufe der Jahre meine Leserinnen immer weniger anonym wurden. Wie heißt es so schön? Man kennt ja seine „Pappenheimer“. Irgendwann wussten wir genau, wer uns immer die nettesten Leserbriefe schreibt, wer sich über alles beschwert, wer gerne Fotos von seinen Meerschweinchen einschickt oder auch wer versucht, mit zehn verschiedenen Namen an einem Gewinnspiel teilzunehmen. Ja, Leute, so anonym seid ihr gar nicht!
Aber lange vorher war ich auch mal einer dieser „Service-Menschen“.
Who are you?Mein Heimatdorf ist so klein, dass viele Geschäfte vermutlich echte Namen haben, aber die bemerkt schon lange keiner mehr. Die meisten kleinen Läden werden schlichtweg nach ihrem Inhaber benannt. Wenn man zur „Marliese“ ging, dann holte man sich neue Schulbücher. Und bei „Frank“ konnte man sich DVDs ausleihen. Und ich, ich machte mehr als drei Jahre lang Abenddienst an der Tankstelle.
War ich eine von denen, die man nicht bemerkt?
Ich war in meiner Dorfgemeinschaft nicht besonders integriert. Ich ging in der Nachbar-Gemeinde zur Schule, und sowieso waren meine Mutter und ich „Zugezogene“. Anfangs kannte ich kaum eines der Gesichter, die zu mir kamen, um Benzin, Zigaretten oder Brötchen für den nächsten Morgen zu kaufen. Das galt aber erstaunlicherweise nicht immer im Gegenzug. Viele wussten, wer ich bin. Nämlich „die Schwester von“ oder auch mal „die Tochter von“. Das war oft ganz schön verwirrend.
Aber zwei Abende pro Woche, drei Jahre lang, das ist eine lange Zeit für einen jungen Menschen. Und die Variation an Kunden ist auf unserem Dorf auch tatsächlich nicht besonders groß. Bald erkannte auch ich die Zusammenhänge. Bald fiel mir auf, dass dieser und jener „die Brüder von“ waren oder dass die Kinder, die oft Süßigkeiten holten, zu dem Mann gehörten, der sich öfter Zigaretten kauft. Und der auch wiederum eine Frau hat. Irgendwann hatte man die Ausweise der Teenager so oft kontrolliert, dass sie gar nicht mehr nach Zigaretten fragten. Ich wusste, wann sie Geburtstag hatten und dass die Achtzehn noch ein Stückchen entfernt lag.
Mit den Gesichtern kamen auch die Geschichten. Abend für Abend saß ich da und sie kamen. Manche erzählten mir von sich. Anderen sah man ihre Geschichte an. Ein flüchtiger Bekannter aus meinem Freundeskreis kam eine Zeit lang fast jeden Abend, um seine Prepaid-Karte aufzuladen. Wir hatten so ein Gerät, bei dem man seine Handynummer eintippen musste (gibt’s die noch?). Nach ungefähr zwei Wochen hatte ich ihm so oft dabei zugesehen, dass ich seine Nummer auswendig kannte, während er immer von seinem Zettelchen ablas.
Oder der kräftige Metal-Fan, der seinen MP3-Player immer ohrenbetäubend laut eingestöpselt hatte und wortlos seine zwei  Dosen Faxe kaufte.
War ich anfangs völlig überfordert von der schieren Menge an Marken in unserem riesigen Zigarettenregal, wusste ich irgendwann ganz gut, wer was raucht. „Oh, guten Abend, Herr XY, eine große West, hier haben wir sie schon!“
Aber natürlich gab es auch weniger schöne Geschichten. Manche Leute verschwanden einfach. Wo waren sie nur hin?
Manche Kunden waren auch sehr unangenehm. Manche waren bekanntermaßen sehr unfreundlich und quittierten jeden kleinen Fehler mit bösen Worten. Andere nahmen es mit der Körperhygiene nicht so genau und man öffnete vorsorglich schon mal die Tür, um frische Luft reinzulassen, wenn man sie nur von weitem sah.
Manche Menschen lernte man als Otto-Normal-Mitbürger kennen, die gelegentlich kamen, um sich eine  kleine Flasche Schnaps zu holen. Bis sie immer öfter kamen, und das Zittern ihrer Hände beim Bezahlen nicht mehr zu übersehen war. Ist das noch eine anonyme Geschichte? Oder wird man in diesem Moment schon selbst verantwortlich? Sollte man beim nächsten Mal einfach Nein sagen und sich weigern, den Nachschub zu verkaufen?
Und was dachten die Leute wohl über mich? War ich „das nette junge Mädchen“? Oder vielleicht auch „die, die immer faul rumsitzt und Zeitung liest?“ oder sogar „Ach, nee, nicht die, die ist immer so wortkarg“? Man weiß es nicht.
Irgendwann zog ich in die Stadt. Der Weg zur Arbeit wurde zu weit, ich wechselte an die Kasse eines bekannten Möbelhauses, wo jeden Tag mehr Kunden Schlange standen als ich an der Tankstelle jemals bedient hatte. Auch dort blieben Geschichten zurück, aber die Gesichter sind in einer einheitlichen Masse untergegangen.
Ob meine Tankstellen-Kunden wohl bemerkt haben, dass ich weg war?

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 31 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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3 Kommentare

  1. Ein schöner Text! Vielen Dank, dass du mitmachst.

    *Mit den Gesichtern kamen auch die Geschichten….Anderen sah man ihre Geschichte an.*

    Obwohl die Menschen, die wir nicht bemerken, scheinbar an unserem Leben spurlos vorüberziehen, habe ich dennoch das Gefühl, dass dies ein sehr persönlicher und tiefer Text ist und eben kein oberflächlicher. Danke dafür.

  2. Wir haben immer bei der „inge“ (edeka) eingekauft ;-)) du hast Recht, lebensphasen-abhängig trifft man manche Leute ständig und dann zieht man um oder der andere , wechselt den Job oder sonst was und derjeneige ist verschwunden…

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