Bodyshaming ist ein Teil unserer Gesellschaft
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Bodyshaming beginnt zu Hause

Ich will ja nicht angeben, aber als Germany’s Next Topmodel 2006 startete, hätte ich die formalen Voraussetzungen für eine Teilnahme erfüllt. Ich war einundzwanzig, ich war (und bin es noch) 1,81 m groß und wog (und tue es nicht mehr) 53 kg.

Ich hätte im Traum nicht daran gedacht, mich zu bewerben.

In diesen Tagen ist das weibliche Körperbild wieder ein großes Thema in den Medien: die Empörung um ein Werbefoto mit praktisch nackten Frauen, die mit dem Gesicht im Dreck liegen müssen, ein sexistischer Seitenhieb von Felix Baumgartner und ein Rückschlag mit Bravour von Corinna Milborn …

… gleichzeitig wirbt Nora Tschirner für ihr Herzensprojekt Embrace …

… und es zeigt sich, dass Frauen sich zunehmend gegen das Körperbild wehren, dass ihnen von den Medien zugeschrieben wird.

Ich applaudiere. Und doch zwickt es mir im Bauch, als das Wort „Medien“ fällt. Und ich denke an ein Video zurück, dass ich vor etwa einem Jahr speicherte. Es zeigt die sechzehnjährige Johanna, die Eis isst und erzählt, wie sie sich neulich eine neue Jeans kaufte. Sie probierte die Hose zu Hause an, betrachtete sich im Spiegel, als ihre Mutter dazu kam und sagte: „Wenn ein Junge einen wirklich mag, spielt es keine Rolle, wie groß dein Po ist.“ Punkt für Mama? Nope. Denn Johanna hat bis zu diesem Augenblick nicht darüber nachgedacht, ob ihr Po zu groß sein könnte. Es gab nicht mal einen speziellen Jungen in ihrem Leben. „Unsere Eltern sind viel größere Vorbilder für uns als alle Blogger“, erklärt Johanna. „Wie du als Erwachsene über den Körper deines Kindes sprichst, über deinen eigenen Körper und den Körper anderer, das beeinflusst das Körpergefühl deines Kindes viel stärker als alle Unterwäschereklamen der Welt.“ Ihr Fazit: „Bodyshaming beginnt zu Hause. Und ein gesundes Körpergefühl auch.“

Medien haben in meiner Kindheit keine große Rolle gespielt. Ich bin in einem kleinen Dorf aufgewachsen. Es gab dort keine Werbeplakate. Es gab bei uns zu Hause keine Modezeitschriften. In meiner Kindheit war in unseren vier Wänden niemals von „Diät“ oder „abnehmen“ die Rede. Wir guckten wohl viel fern, ich erinnere mich an nackte Frauen unter Wasserfällen in der „Duschdas“-Werbung. Wir Kinder wussten wohl, wer Claudia Schiffer ist und entschieden, dass wir unsere Mütter schöner fanden. Doch die Welt da draußen und ihr Schönheitsbild zog an uns vorbei.

Ich war kein schüchternes Kind, jedenfalls nicht als ich klein war. Über meinen Körper machte ich mir keine Gedanken. Doch spätestens im Kindergarten fingen die Kommentare an. Es begann mit beiläufigen Bemerkungen der Erwachsenen: „Du bist aber ein dürres Hemd!“, „An dir ist ja nichts dran!“ oder „Mensch, was für ein Spargeltarzan du bist!“ Es ging weiter mit liebevollen Ermahnungen, dass ich doch bitte mal mehr essen soll.
Mit dem Kindergarten kamen die Kommentare der Gleichaltrigen hinzu: Zu dünn, zu brünett, zu lang, die falschen Klamotten, die Zähne zu groß, zu dies, zu jenes.
Woher kam die Bosheit? Weil es einfach in uns steckt? Vielleicht. Weil Kinder einfach ungefiltert ihre Meinung kundtun? Sicherlich. Oder vielleicht auch, weil sie es zu Hause so gelernt haben?

Bodyshaming ist ein Teil unserer Gesellschaft

Foto: Unsplash

Ich wusste nichts von „BMI“, ich hatte kein Ahnung, was „Cellulite“ ist und ich lernte erst mit sechzehn, als ich anfing, Frauenzeitschrift zu lesen, dass „kein Mann dünne Frauen mag“. Doch das spielt keine Rolle, denn: Bodyshaming beginnt zu Hause – in der Familie, der Nachbarschaft, dem Kindergarten oder der Schule. Wir werden von klein auf abgecheckt und beurteilt, hören abschätzige Bemerkungen über andere, bekommen mit, wie wunderbare Frauen sich selbst kleinreden. Wir lernen, dass wir zu dick oder zu dünn sind. Dass man nur beliebt sein kann, wenn man blond ist. Dass man kein „richtiges Mädchen“ ist, wenn man zu kurze Haare trägt oder der Körper nicht auf eine bestimmte Weise geformt ist. Dafür brauchen wir keine Industrie, keine Frauenzeitschriften, kein „Germany’s Next Topmodel“ – die Propaganda der Gemeinschaft reicht schon aus.

Der Kampf gegen den Sexismus und das Schönheitsdiktat der Medien ist wichtig. Und er wird immer wichtiger in einer sich verändernden Welt, in der Kinder früher und früher mit ihren Idealen in Berührung kommen. Doch die Medien sind nicht die Wurzel des Übels. Sie sind nicht der Ursprung, sondern nur ein Multiplikator der Bissigkeit, die seit jeher unter uns herrscht – lange bevor es überhaupt Frauenzeitschriften oder Werbeplakate von dünnen Topmodels in Unterwäsche gab. Selbst wenn wir die Medien zu Fall bringen, werden Menschen vor dem Spiegel stehen und sich als ungenügend empfinden. Denn: Bodyshaming beginnt zu Hause. Und dort muss es auch enden.

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 32 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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1 Kommentar

  1. Stimmt und recht hast Du, denn obwohl Medien bei mir schon immer eine große Rolle spielten – die ersten Rückmeldungen zum Outfit, Aussehen etc. erhält man zuhause: Gut gemeinte Ratschläge von Onkels und Tanten, Omas und Opas und natürlich Mama und Papa.
    Krass!
    Deshalb müssen wir tatsächlich erst einmal vor der Haustüre anfangen.
    Danke für den Beitrag!

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