stillende Statue
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Brustschau

Ich gebe zu, ich bin ein bisschen spießig: Ich stehe nicht so sehr auf nackte Brüste. Mir ist es unangenehm, wenn die Damen am Strand/im Freibad/im Park sofort alle Hüllen von sich werfen und ihren Vorbau in die Sonne recken. Oder noch schlimmer: Frauen, die nach dem Duschen gefühlte Stunden nackt in der Umkleidekabine auf und ab laufen. Ich möchte das nicht sehen.

Ihr könnt euch also vorstellen, dass ich nicht zu den Frauen gehöre, die gerne ihre Brüste zeigen.
Jetzt habe ich allerdings ein Kind. Und falls es jemanden gibt, der das noch nicht verstanden hat: Babys werden durch Brüste ernährt. Das ist der Sinn und Zweck von Brüsten. Und nicht, um auf Werbeplakaten gut auszusehen.
Ja, man kann jetzt lachen. Das sollte wohl allen klar sein, oder? Tatsächlich haben wir im Jahr 2015 zwar die Zeit längst hinter uns, in der Muttermilch als ungesund verteufelt wurde – im Gegenteil, mittlerweile ist eigentlich jeder Mutter bewusst, dass Stillen das Beste für ihr Kind ist (natürlich kann es trotzdem Gründe für eine Mutter geben, ihr Kind mit der Flasche zu ernähren). Und auch bei Hinz und Kunz von nebenan sollte das angekommen sein. Auch wenn sie vielleicht aus einem Jahrgang stammen, wo sie anderes gelehrt bekamen. Oder aus einem, wo Biologie nur irgendwas Komisches, Analoges ist.
Brustschau: italienische StatueTraurigerweise ist das nicht der Fall. Traurigerweise gibt es immer noch Leute, die sich daran stören, wenn eine junge Mutter ihr Baby in der Öffentlichkeit stillt. Leute, die eine stillende Mutter aus dem Bus werfen. Oder aus der Bahn.
Das heißt also: Eine gute Mutter stillt. Aber bitte nicht in der Öffentlichkeit. Man soll das bitte verdecken. Oder noch besser: sich auf die Toilette zurückziehen. Denn so etwas Ekliges soll man nicht zur Schau stellen.
Nein, meine Brüste zur Schau zu stellen, das liegt mir fern. Mir kommt nicht im entferntesten der Gedanke, mich mitten in ein Café, ein Restaurant oder einen Bus zu stellen und zu rufen: „Schaut mal alle her!“, bevor ich mir die Kleider vom Leib reiße und den Nachwuchs andocke. Unser erster Besuch im Biergarten nach der Geburt endete mit einem Marathonlauf nach Hause, weil das Kind Hunger bekam – und ich mich geschämt habe, es öffentlich zu füttern.
Nun ist die Sache aber die: Babys wollen nicht nur dreimal am Tag essen. In der Regel bekommen Babys etwa alle drei bis vier Stunden Hunger. Was soll Mama also tun? Die gesamte Stillzeit (von der WHO gefordert: sechs Monate ausschließlich stillen, auf jeden Fall keine Beikost vor dem fünften Monat) nicht länger als zwei Stunden das Haus verlassen?
Und dann gibt es natürlich auch die Momente, in denen man sich einfach in der Zeit verschätzt. Weil man einen Termin irgendwo hatte, der länger gedauert hat als erwartet. Weil man den Bus verpasst hat. Weil die Schlange im Supermarkt zu lang war. Und dann haben wir denn Salat: Das Kind hat Hunger. Jetzt. Sofort. Was nun? Ja, dann muss eben die nächste Bank herhalten. Oder in meinem Fall auch mal ein Platz hinter den Bildbänden in der Bücherei. Nicht besonders angenehm. Aber noch viel unangenehmer für die Mutter, die Mitmenschen und vor allem das Kind ist eins: ein verzweifelt schreiendes Baby, das Hunger hat.
Nun, man kann ja angeblich auch angemessen stillen. Man könnte sich ja in eine dunkle Ecke setzen. Oder ein Tuch über das Kind legen. Oder sich auf die Toilette zurückziehen.
Was vielen vielleicht nicht klar ist: Bis Mutter und Kind das Stillen richtig gelernt haben, vergehen nach Faustregel ungefähr sechs Wochen. In dieser Zeit kann das Füttern gut und gerne eine Stunde oder länger dauern (und zwei Stunden später geht es dann schon wieder von vorne los). Eine Stunde alleine in eine dunkle Ecke zurückziehen? Hm, da bleibe ich vielleicht doch lieber zu Hause.
Und was vielen anscheinend auch nicht klar ist: Ein Baby ist ein Mensch, kein Stofftier und auch kein Roboter. Und die wenigsten Menschen essen gerne unter einem Tuch versteckt. Oder gar auf der Toilette.
Ja, liebe Stillgegner, es kann passieren, dass das Kind vielleicht beim Trinken den Kopf von der Brust nimmt und für einen kurzen Augenblick die Brustwarze zu sehen ist. Das macht es, weil es ein Mensch ist und mit seiner Umwelt kommuniziert. Genau wie ihr auch selten in Gesellschaft schweigend euer Essen in euch reinstopft. Oder vielleicht auch, weil es merkt, dass Mama nervös ist, weil sie von allen Seiten angestarrt wird. Das sollte euch nicht unangenehm sein, liebe Stillgegner, denn im besten Fall schaut ihr einfach nicht hin. Denn wisst ihr, wem das wirklich unangenehm ist? Der stillenden Mutter.
Und wisst ihr, was wirklich ekelhaft ist? Das man über solche Dinge überhaupt diskutieren muss.

Foto: Pixabay

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 31 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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10 Kommentare

  1. Ich habe letztens einen Artikel über Kinder in einem muslimisch geprägten Ländern gelesen, die verhungern, weil sie nicht gestillt werden – weil sie dann ja an der Brust wären! Das stand, glaub ich im Stern. Ich fand so schrecklich…

    Wenn das Kind erst nach drei Stunden wieder gestillt werden will, ist das ja schon super am Anfang! Bei Stillkindern ist der Bedarf nach einer Mahlzeit ja oft schon nach zwei Stunden wieder da. Oder nach einer halben Stunden wird eine kleine Portion Nachtisch gewünscht…
    Ich habe in der Schwangerschaft manchmal echt gedacht, dass ich nicht rausgehe. Weil es mir selbst so unangenehm ist, wenn Leute meine (sehr großen) Brüste angucken. Das will ich nämlich nicht (ich mach auch kein Fkk und gehe auch nicht in die Sauna, das ist einfach nicht meins). So, aber: Ich habe doch auch keine Lust, mich zu verkriechen! Und ich hätte es fast nicht geschafft zu stillen (schwieriger Geburt, Kind in Kinderklinik, erstmal nur abpumpen möglich…), dass ich jetzt so froh und so stolz bin, dass wir den Großteil bis alle Mahlzeiten durch Stillen schaffen. D.H. wenn mein Kind gleich im Café brüllt, weil es Hunger hat, dann wird eben angedockt (und ich suche mir allerdings schon einen Platz, wo wir nicht mitten im Raum sitzen, für MEIN Wohlbefinden), so und das soll bitte niemanden stören. Wir reden hier von der natürlichsten Sache der Welt – ohne Stillen würde es keine Menschheit mehr geben…
    Ich bin nämlich schon froh, wenn wir es schaffen, ohne Stillkissen eine ordentliche Portion Milch ins Kind zu bekommen. Schade, dass die so groß sind, dass man sie nicht mitnehmen kann :o)

    • Oha! Manchmal wundert man sich wirklich, warum die Menschheit sich noch nicht selbst ausgerottet hat …
      In der Schwangerschaft dachte ich noch, dass alles bestimmt ganz easy wird, ich locker alles noch machen kann wie vorher. Bis ich dann festgestellt habe, dass ein Stillvorgang am Anfang nicht nach fünf Minuten fertig ist, sondern gerne 1,5 Stunden dauern kann und es dann nach 1,5 Stunden wieder von vorne losgeht. Das Schöne: Eines Tages ist das Kind plötzlich nach fünf Minuten fertig und man weiß gar nicht, was los ist. Und dann kommt irgendwann der schöne Tag, an dem man das Kind nach seinen üblichen drei Stunden anlegt und es sich beschwert, weil es überhaupt keinen Hunger hat. 🙂

  2. Rina

    Hallo 🙂
    Ich bin gerade zufällig von „beste Freundin gesucht“ auf dein Blog gestoßen.
    Ich muss auch sagen, ich bin noch keine Mama, aber kann mich dem vollkommen anschließen!
    Eine Frechheit.
    Wenn das Kind hunger kriegt, hat man nunmal keine andere Wahl, wenn man stundenlang unterwegs ist, oder gar sein muss.
    Toller Beitrag (Y)

  3. Wegen dem Nichtstudentin-Post: Ich beschränke das ja gar nicht. Ich möchte auch niemanden angreifen. Das kann gerne jeder so machen, wie er möchte. Das ist bloß pure Ironie gemischt mit Sarkasmus und schlicht weg (außer das mit der Frisur, die sieht wirklich kacke aus :D) nicht ernst gemeint <3

  4. Zwillinge werden in der Regel gleichzeitig gestillt. Jeder an einer Brust. Da ist nichts mehr mit Abdecken. Wenn ich jemals eine Zwillingsmutter in der Öffentlichkeit sehe, die das hinkriegt, dann ziehe ich mich sofort neben ihr aus und male mit Lippenstift auf meine Brust: Seht hier hin, ICH bin zum Angucken und die neben mir ist meine Heldin. Lasst sie in Ruhe.

    Nein, bei Zwillingsmütter wird Milch abgepumpt und mitgenommen. Oder auch gar nicht gestillt, weil die Milchproduktion so in die Höhe gehen muss, dass es echt unangenehm wird. Ich verstehe das Konzept *Amme*….

    Aber das Stillen wird zum Stillkampf mit unterschiedlichen Botschaften. Mütter sollen ihre Babys stillen, aber nicht im Bus. Sollte ich noch mal das Glück haben, ein Baby zu bekommen und dann ist es nur eines, werde ich mich erleichtert überall hin setzen und so stillen, wie es die Allgemeinbevölkerung kennt. Ein Baby liegt im Arm und nuckelt. Wie friedlich. Wie schön. Nichts mehr mit jedes an einer Brust. Rosige Zeiten werden das. Und dann soll mal einer kommen, und mir erzählen, dass es nicht hübsch aussieht. Die haben ja keine Ahnung.

    • Wie schön gesagt! Und jetzt verrate ich dir nicht, dass das mit dem „friedlich nuckeln“ auch bei einem Kind eher Wunschdenken ist. 😉 Dennoch hat mein Kind ein Recht darauf, nicht auf der Toilette essen zu müssen. Und ich habe ein Recht darauf, das Haus zu verlassen.

  5. Ich kann mir wirklich beim besten Willen nicht vorstellen, was an einer stillenden Mutter so schlimm sein soll! Ich habe im Allgemeinen überhaupt kein Problem mit Nacktheit, aber eine stillende Mutter hat auch nichts mit Nacktheit oder Obszönität oder irgendwas zu tun: es ist eine Mutter, die ihr Kind füttert. Egal ob es ein Fläschchen ist oder sie es mit dem Löffel aus einem Glas füttert, oder es an ihren Brüsten hängt. Mutter füttert Kind. Basta.
    (Und wann und warum dachte man denn Muttermilch sei ungesund? Hab ich noch gar nicht gehört. Was die Leute sich manchmal für nen Bullshit zusammenphantasieren, als ob die Natur den Babys direkt etwas vorsetzt, das schlecht für sie ist…)

    • Ich denke, das kam mit der Erfindung der Fertignahrung, als die Industrie ein Interesse daran hatte, dass Mütter lieber ihre Produkte kaufen anstatt zu stillen. Genau will Claus Hipp immer noch sagt, Mütter sollten aufhören, für ihre Kinder zu kochen und das lieber ihm überlassen.

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