Prinzessinnnen-Puppen und ein Prinz
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Das Prinzessinnen-Syndrom

„Mei, wie süß! Is des a Buab?“, fragen die alten Damen immer, wenn sie einen Blick in unseren Kinderwagen werfen. „Ja, des muss ja a Buab sein! Die Madln tragen ja kein Blau!“

Als ich ein kleines Mädchen war, habe ich Blau getragen. Ich wollte auch Pirat werden. So wie Pippi Langstrumpf. Mit den Jungs habe ich dann Freibeuter gespielt.
Ich hatte auch die obligatorische Barbie. Und auch eine Lieblingspuppe. Sie war schwarz und hieß Juliana. Ich hatte einen Puppenwagen, mit dem ich Juliana durch die Straße geschoben habe. Oder auch die Katze. Ich hatte Lego, Playmobil und Autos zum Spielen. Ich mochte Ringkämpfe mit meinen großen Brüdern. Und Stock-Schwertkämpfe und Schlammschlachten im Wald. Ich kann mich nicht erinnern, dass mir jemand gesagt hätte: „Du bist doch ein Mädchen! Mädchen spielen nicht Stock-Schwertkampf!“
Meine beste Schulfreundin mochte keine Puppen. Das war auch okay. Dafür haben wir beide Pferde geliebt. Heute ist sie Chemikerin. Stört das jemanden?
Meine ehemalige Kollegin liebt Nerd-Zeug, Star Wars und Monster. Sie häkelt gerne kleine Drachen. Oder Facehugger. Aber, nein, Moment. Dafür interessieren Frauen sich doch nicht!

Prinzessinnnen-Puppen und ein Prinz

Allgemein bekannt: Frauen interessieren sich für Kleider und Süßigkeiten – und schöne Typen, die die Führung übernehmen.

In diesen Tagen ist der neue Star Wars gestartet. Star Wars heißt natürlich auch: Merchendise ohne Ende. Besonders für Kinder. (Obwohl der Film einen FSK 12 hat und Kinder ihn gar nicht sehen dürfen …) Star-Wars-Shirts gibt es zum Beispiel bei C&A. Auf dem Plakat ficht ein Vater mit seinen zwei Söhnen einen Laserschwertkampf aus. Wo ist die Mutter und eventuelle Töchter? Wahrscheinlich in ihrer rosa Puppenwelt und spielen Prinzessin. Feine Prinzessin natürlich, mit Glitzer und Schleppe und Chi-Chi. Eine Studie hat kürzlich erst rausgefunden, dass die Kindermodewelt Mädchen vor allem diese Label aufdrückt: little, sweet, lovely – denn das sind natürlich die vorrangigen Eigenschaften einer Prinzessin eines XX-Chromosoms.
Dabei gibt es auch bei Star Wars weibliche Wesen. Der Protagonist des aktuellen Films ist ein hübsches Mädchen. Was aber offensichtlich nicht bedeutet, dass man sie auch in die Actionen-Figuren-Sets mit aufnehmen muss. Die sind ja natürlich auch nur für Jungs. Und die spielen bestimmt nicht mit Mädchen-Action-Figuren. Wo kämen wir denn dahin?
Allerdings … wir erinnern uns: Schon in den Original-Episoden (1977-1983) gab es eine Prinzessin. Und Leia trug kein Glitzer und Chi-Chi. Sie ist klug und hält wenig davon, gerettet zu werden. Sie kann auf sich selbst aufpassen und wartet nicht auf irgendeinen Prinzen. Übrigens sollte auch der Bösewicht nach George Lucas‘ ursprünglichen Plänen eine Frau sein.
Frauen sind in der Science-Fiction-Welt vielleicht unterbesetzt, aber sie sind vorhanden. Und zwar den Männern ebenbürtig vorhanden.
Bereits in der alten Star-Trek-Serie gab es eine (schwarze!) Frau in der Führungsetage.
Im Team der Avengers ist Natasha Romanoff nicht nur großbusig und hübsch anzusehen, sondern auch klug und knallhart. Die rechte Hand von S.H.I.E.L.D.-Chef Nick Fury ist die ebenfalls kluge und hübsche Maria Hill.
Erst vor Kurzem startete auf Netflix die neueste Marvel-Serie Jessica Jones um eine Privatdetektivin mit Superkräften.
Die Begleiterinnen des Doctors können mehr als sich nur kreischend an seinen Mantelzipfel hängen.
Nicht zu vergessen Katniss Everdeen der Hunger Games (gespielt von Jennifer Lawrence, die außerdem noch Mystique in der neuesten X-Men-Trilogie von Marvel ist) oder Hermine Granger, ohne die Harry Potter wahrscheinlich schon in seinem ersten Hogwarts-Jahr hopps gegangen wäre.
In der Science-Fiction-Welt sind Frauen also weit mehr als nur unnötiges Eye Candy.

Okay, okay. Es gibt also auch Frauen unter den Superhelden und coole Prinzessinnen, die zwar gut aussehen, aber auch klug sind. Fazit: Absolute Traumfrauen für Nerds. Männliche Nerds. Weibliche Nerds? Freaks! Frauen gucken Nicholas-Sparks-SchmonzettenRomanzen.
Ja, aber, Moment mal! Die großen Science-Fiction-Filme würden sicherlich nicht schon seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, so eifrig die Kassen klingeln lassen, wenn sie sich nur an ein kleines männliches Nischenpublikum richten würden.
Ich habe die meisten Marvel-Filme der letzten Jahre gesehen, ich bin ein bisschen in Chefingenieur Scotty der Enterprise verliebt – und nicht in Ober-Macho Captain Kirk. Und, nein, ich bin kein Super-Freak. Nicht mal Naturwissenschaftlerin. Nur eine ganz normale junge (Ehe-)Frau und Mutter.
Meine ehemalige Kollegin trägt Darth-Vader-Shirts und häkelt Facehugger. Sie ist vielleicht ein bisschen nerdiger als andere. Aber im Endeffekt ist auch sie: eine normale junge Frau.
Leah von Splitter von Glück erläutert gerne die Unterschiede von Star Wars und Star Trek. Auch sie: eine normale junge Frau. Wir haben sogar den gleichen T-Shirt-Geschmack!
Nele von Bunt, gestreift und hüpfig hat eine ganze Sammlung von Geek-Shirts. Cool, finde ich.
Wir sind ganz normale Frauen. Wir gucken Star Wars oder auch Star Trek – wir kennen den Unterschied. Wir gucken Marvel oder Doctor Who. Denn wir wissen: Das sind keine Männerfilme.
Und wenn wir als Kinder Prinzessin werden wollten, dann wollten wir auch in einem Raumschiff durch die Galaxie fliegen und das Universum retten.
Zielgruppe der Werbung sind wir aber offensichtlich nicht.
Sind kleine Mädchen heute anders? Sitzen sie lieber in ihrem Turmzimmer, trinken Tee und warten auf den Prinzen? Oder lassen sie sich, ganz Twilightlike, irgendwo einsperren, weil die Welt „zu gefährlich“ ist, während die Jungs die Bösen vermöbeln? Weil das so romantisch ist?
Vielleicht steckt dahinter auch ein ganz perfider Plan der Werbeindustrie: Trimmt die kleinen Mädchen auf möglichst treudoof, damit sie später nicht plötzlich in eine Führungsposition wollen. Sie könnten den Männern ja die Jobs wegnehmen!

Neulich habe ich eine Mutter gefragt, warum alle kleinen Mädchen so auf Elsa aus Frozen abfahren – die schlecht gelaunte Eiskönigin allein in ihrem Eisschloss – während ihre kleinen Schwester Anna doch viel cooler ist.
„Weil sie eine Glitzerschleppe hat“, bekam ich als Antwort. „Und weil es endlich mal ein Mädchen mit Superkräften ist.“
Vielleicht sind kleine Mädchen heute eben doch nicht so viel anders als wir. Hoffentlich werden sie in ein paar Jahren Führungskräfte in der (Film-)Werbebranche. Und kreieren dort coolen Nerd-Merch für Mädchen.

P.S. Ja, des is a Buab. Er trägt Blau. Steht ihm gut. Manchmal trägt er aber auch die alten Klamotten der Tochter von Freunden auf. Das ist ihm egal. Er ist ein Baby. Und sollte ich später mal noch eine Tochter bekommen, dann trägt sie die Sachen ihres Bruders auf. Und wenn sie dadurch zum Nerd wird? Sehr gut!

Foto: Pixabay

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 32 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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4 Kommentare

  1. Cooler Artikel, aber gibt es heutzutage nicht sogar schon „Buisness-Barbie“? ;D
    Wie auch immer, ich stand nie auf Glitzer und habe trotzdem mit meiner Barbie Hochzeit gespielt. Ich mag immer noch Arielle, gerade weil sie ihren eigenen Kopf hat und alls gibt um ihre Wünsche wahr werden zu lassen, und ich mag gleichzeitig Katness Everdeen, Dark Angel, Pippi Langstrumpf und und und. Und warum die Marvel Actionmänner trotzdem so viel beliebter sind? Na weil das Frauen gucken! Und Kinder vielleicht. Bisher sagte noch nie ein Mann in meiner Gegenwart „Ich steh auf Thor!“ ;D
    Gruß

  2. Mal ganz ehrlich: Wen interessieren die Bedenken ältlicher Damen bzgl. Babykleidung? Is doch echt kackwurst welche Farbe das Kind trägt. Ich würde nem Jungen auch nicht unbedingt rosa anziehen, aber ist doch egal. Wenn sich Eltern kleine Prinzessinnen oder Actionjungs großziehen wollen, können die das ja gerne machen. Muss man ja nicht mitmachen. Ich war eine absolute Paradeprinzessin in Kindestagen, mit Barbies, Glitzer und möglichst viel Rosa. Heute kann ich außer Nähen und Stricken aber auch Häuser bauen, Schlagbohren, Lampen anschließen und die Computerprobleme meiner Kollegen lösen – können viele Männer die ich kenne nicht. Pink und Barbies haben mich also nicht fürs Leben versaut und zur Bree Van de Kamp gemacht…

  3. uli

    Also ich kenn mich bei Star Wars/Trek so gar nicht aus, dafür kann ich alle Simpsons Charaktere benennen inkl. Sprecher und Synchronstimmen – mein Mann bekommt auch ständig Komplimente für MEINE Simpsonssammlung und MEINE Dvd-Sammlung, also von Männern – als ob Frau nur Nagellack sammeln und Pretty Woman und Co schauen dürfte…

    Die Eisprinzessinnen-Werbe-Maschine hat natürlich auch meine Tochter gefressen, das Christkind hat trotzdem Playmobil gebracht: „Aber das passt schon, das Chrstkind is ja a Bua.“

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