Der Mann auf dem Balkon

Der Mann auf dem Balkon weiß, wie man Kinder erzieht

„Sie sind eine Rabenmutter!“, schreit mir der Mann auf dem Balkon entgegen. Das sitzt. Mit den Tränen kämpfend schnappe ich mir meine Kinder und suche das Weite.

Vor etwa einem Jahr las ich einen Artikel, der mich furchtbar aufgeregt hat. Eine Mutter echauffierte sich über andere Mütter. Darüber, dass man sich zu wenig Zeit für seine Kinder nehme. Dass sie ständig Mütter sehe, die ihre schreienden Kinder durch die Gegend ziehen. Sie selbst mache das ja ganz anders. Mit Freuden würde sie ihren Kindern noch ein paar Extraminuten auf dem Spielplatz gönnen. Das Leben ist ja so kurz. Und die Kindheit sowieso.
„Vielleicht hat sie mich gesehen“, denke ich. Vielleicht hat sie mich gesehen, wie ich ein paar Tage zuvor einen schreienden Zweijährigen hinter mir her zur U-Bahn gezogen habe. Vielleicht hat sie noch gesehen, dass ich in der anderen Hand einen schweren Einkaufsbeutel trug und einen vollen Rucksack auf dem Rücken. Was sie wahrscheinlich zu der Annahme verleiten ließ, dass ich mein Leben nicht im Griff habe. Einkaufen könnte man ja schließlich auch ohne Kind.
Was sie definitiv nicht gesehen hat: Dass ich im ersten Trimester mit Nummer 2 schwanger war. Was sie auch nicht gesehen hat: Dass ich mittags nur eine kurze Pause im Büro machen konnte, weil zu viel zu tun war. Dass ich direkt nach der Arbeit zur Kita gefahren bin und von da aus weiter in die Bücherei. „Nur ganz kurz. Wir müssen nämlich noch einkaufen.“ Aber, wenn wir schon mal da waren, dann konnten wir natürlich auch noch ein Buch lesen. Oder zwei. Na gut, auch drei, aber jetzt bekam ich doch langsam Hunger. Eins noch, dann mussten wir aber wirklich gehen. Nach fünf Büchern war mir schummrig. Nach sechs Büchern war mir schummrig und schlecht. Nach sieben Büchern wollte ich wirklich nicht mehr. Das Kind schon. Aber nun war ich definitiv am Ende. Und so zog ich ein mürrisches Kind in den Supermarkt. Dort wollte es einen Quetschie. Oder Gemüsebrühe. Egal. Ich sagte Nein. Ich kämpfte mit starker Übelkeit, Bärenhunger, Komamüdigkeit und einem Kind im „Ich will aber“-Modus.
Und so kam es, dass ich einen schreienden Zweijährigen zur U-Bahn zog. Weil ich eine schlechte Mutter bin, die sich keine Zeit für ihr Kind nimmt. Oder, die nicht für Ordnung und Ruhe sorgt. Oder weil ich mich nicht genügend für mich selbst kümmere. Sucht euch bitte etwas aus.

„Sie sind eine Rabenmutter!“, rief also der fremde Mann auf dem Balkon. Aber spulen wir ein wenig zurück: Dann sehen wir, wie ich den ganzen Vormittag das zahnende Baby getröstet habe. Dann sehen wir, wie der nun Dreijährige auf dem Weg zum Einkaufen auf den Spielplatz abbog. Das war eigentlich nicht mein Ziel. Aber okay, so viel Zeit haben wir. Dann sehen wir aber auch den anderen Jungen. Der mit einem obercoolen Traktor um die Ecke gekommen ist. Und wie mein Kind vor Neid erblasste, verständlicherweise. Welcher Dreijährige will nicht so einen obercoolen Traktor? Und zwar jetzt. Auf der Stelle. Ihr seht mich, wie ich dem Dreijährigen erkläre, dass es mir sehr leid tue, ich aber leider keinen Traktor habe. Er könne sich aber gerne einen zum Geburtstag wünschen. Nein, ich könne jetzt keinen kaufen, denn es gibt meines Wissens in der ganzen Stadt kein Traktorgeschäft. Nein, es kommt auch nicht in Frage, jetzt ein Auto zu kaufen, um damit außerhalb der Stadt in ein Traktorgeschäft zu fahren. Nein, ein Auto mieten ist auch keine Option. Ob das Kind nicht lieber mit seinem Laufrad noch eine Runde fahren wolle?
Und so saßen wir da. Das Kind weinte, schrie und tobte. Ich versuchte zu trösten. Es half alles nichts. Das Drama war nicht zu retten. Schließlich packte ich mein Kind, um der Situation zu entkommen. Und das Laufrad. Und den Kinderwagen mit dem Baby.
Ich kam nicht weit. Denn so ein Dreijähriger ist ganz schön schwer. Vor allem, wenn man noch ein Laufrad tragen und einen Kinderwagen schieben muss. Das Kind setzte sich auf den Boden. Und schrie. Ob er nicht doch lieber mit den anderen Kindern eine Runde Laufrad fahren wolle, bot ich an. Nein, er wollte einen Traktor. Ob wir dann wenigstens einkaufen gehen könnten? Nein, er wollte einen Traktor. Mit meinem Latein am Ende ging ich zwei Meter weiter. „Sag Bescheid, wenn du dich beruhigt hast“, ließ ich ihn als letzten Strohhalm wissen und zückte mein Handy, um mich aus auszuklinken, bevor ich die Nerven vollkommen verlor.
„Wie lange geht das denn noch?“, brüllte da der fremde Mann auf dem Balkon. „Sie sind eine Rabenmutter!“

Verzweifelte Mutter
Ich bleib jetzt einfach hier liegen. der Mann auf dem Balkon regelt die Sache schon.

Der Mann auf dem Balkon hätte sicher eine gute Lösung für mein Problem gehabt. Als gute Mutter hätte ich mir ja ein Auto mieten und den verdammten Traktor kaufen können. Ich hätte mein Kind natürlich auch mit Gewalt wegziehen können. Kindern mangelt es heutzutage schließlich grundsätzlich an Disziplin und Ordnung. Alles Schuld der Mütter. Früher gab es sowas nicht. Früher hat sich eine Mutter noch liebe- und aufopferungsvoll um ihre Kinder gekümmert. Und für Disziplin und Ordnung gesorgt. Und eine Mutter darf natürlich auch bloß nicht vergessen, auch für sich selbst zu sorgen! Früher ging das ja auch. (Wann dieses „Früher“ war, das sagen sie natürlich nicht. Wann früher? In den Achtzigern? Den Fünfzigern? Im Zweiten Weltkrieg? Im Mittelalter? Wann?)
Es gab im Laufe der pädagogischen Menschheitsgeschichte schon so einige Erziehungsansätze. Über lange Zeit sorgte man mit einer autoritären Erziehung für Disziplin und Ordnung. Liebe- und aufopferungsvoll war das allerdings nicht. Alternativ konnte man es mit Laissez-faire versuchen: Das Kind bestimmt, die Mutter folgt. Das ist allerdings nicht besonders gut angekommen. Oder vielleicht sollte die Mutter doch erstmal für sich selbst sorgen?
Ich weiß nicht, was der beste Erziehungsweg ist. Ein Weg, der alles umgreift, nehme ich mal an. Ich versuche es mit dem bedürfnisorientiertem Weg. Ich möchte meinem Kind Liebe, Respekt und Verständnis entgegen bringen. Auch, wenn alles in mir schreit, dass es „verdammt noch mal keinen Traktor bekommt“. Ich versuche aber auch, meine Kinder für die Bedürfnisse anderer zu sensibilisieren. Nein, das klappt nicht immer. Oft genug scheitere ich an mir, dem Kind oder einfach der Welt.

Ich weiß nicht, welchen Weg der Mann auf dem Balkon gegangen wäre. Vielleicht gehört er zur alten Schule und guckt verächtlich auf die heutigen Tyrannenkinder. Oder auf die lieblosen Tyranneneltern, die nur auf ihr Handy starren. Oder beides. Je nach Situation. So oder so hätte ich alles besser machen können. Mit ein bisschen mehr Liebe hätte sich alles von selbst beruhigt. Oder mit einer ordentlichen Portion Prügel.
Überhaupt. Ich hätte das Kind von Anfang an nicht so verhätscheln sollen.
Und war es denn nicht sowieso schon meine Schuld gewesen, dass das Leben vom Kind schon so mies angefangen hat? Hätte ich mich nur mal ein bisschen entspannt, hätte sich das Kind mit Freuden in die optimale Geburtsposition gedreht, um dann auf einem Regenbogen aus mir raus zu rutschen.
Oder vielleicht hätte ich mich schon bei der Zeugung mit Feenstaub berieseln und nackt im Mondschein tanzen sollen, damit mein Kind nicht so unsäglich sensibel wird.
Der Mann auf dem Balkon weiß es sicher. Ich sollte mal klingeln und fragen. Damit ich solche Fehler ja nicht noch einmal mache.

Fotos: Unsplash

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 33 Jahre alt und lebt mit Mann und zwei Kindern in München.

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