Verschwörungstheorien
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„Dich haben sie also auch schon.“

Verschwörungstheorien

Foto: Unsplash/Jonny Clow

„Dich haben sie also auch schon.“ Die neue Kneipenbekanntschaft hatte uns in den letzten Stunden ausgiebig erklärt, was in der Welt gerade schief läuft. Nun sehe ich in seinen Augen, wie er mich in die Schublade mit den Menschen steckt, die wie hirnlose Zombies hinter dem Establishment herlaufen. Der Grund: Ich erwiderte auf seine Tiraden auf den Überwachungsstaat, dass ich doch ganz froh bin, wenn die Leute vor Großveranstaltungen oder Flügen durchgecheckt werden.
„Eines Tages bist du vielleicht dran“, prophezeite er meinem Mann. „Irgendwann verfolgen sie dich vielleicht nur deshalb, weil du braune Augen hast.“
Damals war es eine lustige Geschichte. Ein Freak, den man in der Kneipe getroffen hat, über den wir uns auf dem Heimweg amüsierten. Heute trifft man sie an jeder Kommentar-Ecke, die Verschwörungstheoretiker.

Wann hat das angefangen? Oder gab es das vielleicht auch früher schon in dieser Alltäglichkeit? Ich muss zugeben, auch wir haben vor fünfzehn Jahren theoretisiert. „Da stimmt doch was nicht“, mutmaßten wir nach Nine-Eleven. „Das ist doch inszeniert!“ Oder vielleicht auch nur: „Ich bin überzeugt, dass Kurt Cobain sich nicht umgebracht hat! Das war eindeutig Mord!“ Aber freilich, es waren wilde Theorien unter Teenagern. Gedankenspinnereien, die eigentlich nichts mit unserem Leben zu tun hatten. Wir hätten genauso gut überzeugt sein können, dass der Präsident des Universum von Beteigeuze stammt, und die Erde bereits einer intergalaktischen Umgehungsstraße gewichen ist.

Aber dann gibt es auch diejenigen, die ihr komplettes Weltbild auf Verschwörungstheorien aufgebaut haben. Die auf den sozialen Medien pöbeln oder auch vielleicht nur um Aufmerksamkeit für ein ihnen wichtiges Anliegen kämpfen. Von Chemtrails ist da gerne die Rede – der Glaube, dass die Kondensstreifen der Flugzeuge in Wahrheit Chemikalien sind, die uns krank machen sollen. Oder die Vorstellung, dass unsere Regierung absichtlich so viele Flüchtlinge aufnimmt, um „das deutsche Volk auszurotten“. Denn, man darf nie vergessen: „die können sich alles erlauben“, „wir sind denen ja hilflos ausgeliefert“ und „du brauchst nicht zu glauben, dass die uns sagen, was wirklich los ist“.

Die Gegenseite verspottet sie als „Aluhutträger“ und pöbelt zurück. Satireseiten wie der Postillon sind ein Hybrid aus Unterhaltung, Kampf gegen Halbwahrheiten und Denunziation der Dummen – wenn besonders abstruses Feedback öffentlich zum Zwecke der Belustigung zur Schau gestellt wird.

Was geht in den Köpfen der Verschwörungstheoretiker vor, fragt man sich. Glauben die wirklich an ihre wirren Behauptungen? Was führt zu ihren bizarren Vorstellungen? Nun, im Allgemeinen ist es schnell erklärt: Es ist eine Mischung aus geringer Bildung und nagender Unsicherheit – vor allem in der aktuellen Weltsituation, bei der selbst abgebrühte Menschen kalte Füße bekommen können. Gekoppelt mit Drahtziehern aus politischen Randgruppen oder der esoterischen Ecke, die Leichtgläubigkeit für gezielte Propaganda nutzen.

„Ja, mei, lass sie doch in ihren Hirngespinsten“, könnten liberale Menschen nun abwiegeln. „Sie schaden ja niemandem, oder höchstens sich selbst.“ Wenn die Leute sich unbedingt von der Lichtenergie von Einhörnern heilen lassen wollen – bitte, sollen sie doch. Schwierig wird es jedoch bereits, wenn Gegner der Schulmedizin ihren Kindern Chlorbleiche zur Wunderheilung verabreichen. Privatsache oder Kindesmissbrauch? Und was ist mit denen, die sich vor der „Abschaffung des christlichen Abendlandes“ fürchten und ihre „Ängste“ im Netz verbreiten? Polizeilich melden und sich als Denunziant beschimpfen lassen? Belächeln? Oder einfach ignorieren, weil diese Menschen sowieso keine Relevanz haben und sich in zehn Jahren keiner mehr an sie erinnern wird?

Ganz so einfach ist das leider nicht. Denn die Verschwörungspropaganda hat die Menschheitsgeschicke bereits vor hundert Jahren in die Katastrophe gelenkt. Erinnerst du dich noch an die Theorien über das „Weltjudentum“ und die „Dolchstoßlegende“, die den Zweiten Weltkrieg auslösten? Die Welt hat sich seitdem nicht verbessert. Heute heißt es: jeder gegen jeden. Impfgegner gegen Schulmediziner. Genussmenschen gegen Vegetarier. „Besorgte Eltern“ gegen die „Schwulenlobby“. „Patriotische Europäer“ gegen die Regierung, Presse und Muslime. Muslimische Holocaustleugner gegen Israel. Kommunisten gegen die USA.

Wir leben in einer Zeit, in der eine Partei Wahlergebnisse von bis zu 24,3% erzielt, deren Mitglieder von der „Zionisierung der westlichen Politik“ sprechen. Deren Mitglieder behaupten, Multikulti „homogenisiere die Völker und habe damit die Aufgabe, sie religiös und kulturell auszulöschen“. Eine Partei, die sich auf Bismarcks Zitat besinnt: „Nicht durch Reden werden die großen Fragen der Zeit entschieden, sondern durch Eisen und Blut“.

Vielleicht sind es nicht unsere Regierung oder die „Lügenpresse“, nicht unsere Hausärzte, die Nichtraucher, Fahrradfahrer oder Homosexuellen, die Deutschland, Europa und die ganze Welt „abschaffen“. Vielleicht, aber nur vielleicht, sind es die Verschwörungstheoretiker mit ihren Hetzen.
Möglicherweise ist das aber auch nur eine Verschwörungstheorie.

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe „#2 Früchte des Zorns“ des No Robots Magazines. Lies hier kostenlos das komplette Magazin!

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 32 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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