Live Action Role Play - LARP
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Die Freiheit der Spieler

Eine kurze Geschichte über das Rollenspiel

Stell dir vor, du bist Mitte Zwanzig und grad frisch verliebt. Die Beziehung ist noch jung und unschuldig, alles läuft perfekt. Handys können noch keine Fotos schicken, Facebook gibt es auch noch nicht. Man weiß einfach noch nicht so viel voneinander.
Da passiert es dir, dass es Samstag ist und du mit deinen Freunden ausgehst. Man trifft sich an U-Bahn-Haltestellen, fährt zu einem Club – alles retro. Und dann kommt die Frage.
„Wo ist eigentlich dein Freund?“
Ja, da ist sie, die Frage. Wo ist der Kerl diesen Samstag Abend – wenn nicht mit euch in einem schäbigen Club beim Tequila trinken?
Ich (wahrheitsgemäß und trotzdem bisschen nuschelnd): „Der ist im Wald und jagt Orks.“
Aha, danke für den Kommentar. Scheint ja zu laufen bei euch.

Nein, der ist wirklich im Wald und jagt Orks.

Manche ziehen dann die Augenbrauen hoch, andere fangen schallend an zu lachen. Ist ja auch ein Burner-Spruch.
Ich kann es aber auch nicht anders ausdrücken. Mein Freund ist ein Larper. Was soll man da sagen können?

Der Mensch ist ein Spieler. Die Geschichte seiner Spiele ist lang. In fast allen Kulturen wurde irgendwas gespielt – und zwar von Erwachsenen.
Bei Kindern ist es ein normaler Entwicklungsprozess, dass sie sich irgendwann für eine bestimmte Art von Spielen interessieren, und zwar Rollenspiele. Vater-Mutter-Kind, Einkaufsladen, Cowboy und Indianer, Tiere sein. Sie stellen damit ihre reale Welt nach, verarbeiten Erlebtes, verfestigen ihr Sozialverhalten, blabla.
Wenn erwachsene Menschen sich immer noch für diese Art von Spielen interessieren, dann hat das a Gschmäckle. Nerd halt. Bisschen verrückt.
Gut, die Larper sind auch ein bisschen verrückt. LARP – das ist die Abkürzung für Live Action Role Play. Irgendwie selbsterklärend – ein Rollenspiel, dass live und in Farbe stattfindet.
Es gibt so viele verschiedene Arten von Rollenspielen – welche, die sich mit Science Fiction und dem Weltall auseinandersetzen. Welche, die eher romantisch mit einem phantastischen Mittelalter liebäugeln. Es gibt die 20er Jahre, es gibt die Zombies und das Ende der Welt, es gibt die Vampire.

Doch wie genau funktioniert das?

Zunächst ist es eine Veranstaltung, zu der man sich anmeldet. Die Macher organisieren den Ort (eine Burg? Jugendherberge? Zeltplatz?) und erzählen eine Geschichte. Wo man sich befindet, wenn man anreist. Wie das Land denn heißt, welche Wesen da denn leben und wie die Menschen denn so ihren Alltag haben. Wie jede gute Geschichte gibt es natürlich ein besonderes Ereignis. Lager streiten sich um Vorherrschaft, ein Turnier findet statt. Irgendwas.
Man meldet sich an, zahlt einen Beitrag und dann reist man dorthin. Mit vollgestopften Autos, Anhängern – alles, was geht. Denn man baut sich dort ja seine eigene Welt. Ein Zelt, dass irgendwie in das Ambiente passt. Eine Feuerstelle, Vorräte, Waffen, Kleidung. Denn man kommt ja nicht als Hinz und Kunz, man hat sich ja vorher einen Charakter ausgedacht – eine Geschichte.
Jeder trägt einen anderen Namen, hat bestimmte Eigenschaften. Manche Charaktere begleiten manche Spieler bereits seit Jahren. Andere werden von der Spielleitung gecastet, damit das Spiel überhaupt stattfinden kann – sollen nämlich die Untoten angreifen, muss das ja auch irgendwer machen. Aber viele pflegen ihre Charaktere mit Hingabe. Nähen sich die passende Kleidung dazu, schreiben sich ihre eigenen Geschichten auf, basteln sich ihre Waffen dazu.
Das ist natürlich ein großer Aspekt davon: die Pflege des Charakters. Die Handarbeit, die weit verbreitet ist unter den Larpern, die sich interessiert über Stickereien beugen oder lange über verschiedene Nähmaschinen philosophieren können. Ja, die meiste Zeit hat es was mit Basteln zu tun. Denn du kannst nur der sein, der du sein willst, wenn die anderen dich als denjenigen auch erkennen. Und da kann es schon ins Detail gehen. Ich sag nur: Schuhe! Kann ein abendfüllendes Thema sein.
Gut, neben der äußeren Erscheinung kommt dann auch die Geschichte dazu. Ich habe einmal zwei Trolle getroffen, die ihren Gott gegessen haben und jetzt auf der Suche nach einem neuen waren. Und deswegen haben sie alle nach ihren Religionen und Göttern befragt. Gut, als Troll irgendwo hinzukommen ist auch gefährlich – die meisten haben was gegen Trolle und die Geschichte musste gut sein, sonst hätten sie als diese Charaktere keine zwei Minuten überlebt. Aber so kamen sie mit allen ins Gespräch, waren äußerst lustig und ja, das war eine gute Geschichte.

Männer, Frauen und Kinder spielen LARP, wobei die Kinder meistens die besten sind. Aber nicht alle Veranstaltungen sind für Kinder ausgeschrieben. Es soll sich ja alles möglichst real anfühlen, die Leute sollen in eine bestimmte Welt abtauchen, manchmal auch Wesen treffen, die es so nicht gibt – nicht immer ist das gut für Kinder.
Der Eindruck kann entstehen, dass es vor zehn oder fünfzehn Jahren eher ein Ding von männlichen Teenagern war. Als diese ganze Spielkultur überhaupt zu uns kam. Frauen oder Mädchen waren selten. So (und ohne es wirklich nachprüfen zu können) ist der Eindruck, der völlig individuell ist. Heute trifft man sehr viele Frauen. In ganz unterschiedlichen Rollen – war es vor zehn Jahren noch ein Ding, wenn sich unter Kriegern eine Schildmaid dazu gesellte – so ist es heute ein völlig normaler Anblick, dass es kämpfende Frauen gibt. Es gibt ja auch ein bestimmtes Wort dafür: Schildmaid. Manche sehen aus wie die letzte Version von Xena, andere haben völlig unsexy einfach die Männersachen an, wieder andere sind gleich Elfen. Wer kämpfen will und brüllen und saufen – der soll das ruhig tun. Egal, welchem Geschlecht er angehört. Ich bin jetzt nicht die kämpfende Berserkerin, aber ich habe viele gesehen. Und ich kann nichts anderes sagen, als dass es völlig normal ist.
Dabei gibt es neben dieser Entwicklung natürlich auch sehr viele Tänzerinnen – orientalische bevorzugt. Mit Schleiern und bauchfrei. Frauen, die sich da in absoluter Weiblichkeit ergeben. Mit Kettchen und falschen Wimpern. Anmutige wie weniger anmutige. Echte Tänzerinnen und solche, die es sein wollen. Kann jeder machen, wie er meint. Zwischen Schildmaid und Schankmaid sind alle Rollen offen.

Du siehst, ich bin eines Tages in den Wald mitgekommen und habe Orks gejagt. Auch ich habe getanzt und mich an verschiedene Situationen gewöhnt.
Dabei gibt es natürlich nicht nur Spieler, die es können – es gibt auch eine Menge Möchtegerne und Labertaschen. Ich spielte mal eine Tochter von jemanden – nur leider hat dieser diesen Umstand sofort vergessen, wenn es um die Schankmaid ging. Da saß ich nun – wie bestellt und nicht abgeholt. Und er verschwand – vom Spiel blieb nichts mehr übrig.
Ich hatte gute Situationen und schlechte, wobei sich die schlechten wirklich an einer Hand abzählen lassen. So oft war ich dann doch auch nicht dabei. Aber ich weiß, dass die guten überwiegen. Denn selten hat man eine Gruppe von Menschen, denen es völlig egal ist, wie der gesellschaftliche Status in der echten Gesellschaft denn ist. Orientalische Tänzerinnen, die im echten Leben Polizistinnen sind. Bürgermeister und Schankwirte, die im echten Leben Maurer und Handwerker sind. Diebe und Sänger, die im echten Leben Anwälte sind und in einer normalen Arbeitswoche fünfzehn weiße Hemden verbrauchen.
Auch darin liegt für viele der Reiz. eine Parallelgesellschaft kreieren, die ihre eigenen Geschichten erzählt und ihre eigenen Helden hat. Oft reden Larper untereinander nur über Treffen, Schlachten und fremde Namen. Sie sind wie Pilzsucher, die sich stundenlang über Pilze, geheime Waldplätze und schlechte Wetterbedingungen austauschen können.
Es ist manchmal kaum zu glauben, dass LARP nur für sich selbst existiert. Es gibt keine Zuschauer, keine Touristen, kein zahlendes Publikum. Es wird ein unglaublicher Aufwand betrieben – für ein Wochenende, für Schall und Rauch. Ich habe mal Leuten zugesehen, die eine ganze Kirche für ein Wochenende aufgebaut haben. Und dann wieder abgebaut.
Larper sind aber nicht die ganze Zeit in ihrer Rolle, es gibt Out time. (so nennt sich das – Out time und In time). Wenn sich zwei Leute unterhalten, also als Hinz und Kunz unterhalten und nicht als Heinrich von Schallerleben und Konrad, der Bäckermeister, dann kreieren sie eine Out-time-Blase. Mache sehen das nicht so gerne. Für andere ist es schwierig, im Spiel zu bleiben, wenn um sie herum nur Out-time-Blasen existieren. Geht man an jemanden vorbei, der seine Hände vor sich kreuzt, so heißt das, dass dieser grad nicht spielen will – wahrscheinlich muss er aufs Klo. Oder er möchte auch sonst kein Aufsehen erregen.
Manche kommen mit mehr als einem Charakter. Ein Charakter, der als Adliger beispielsweise nie das Lager aufräumen kann und auch sonst eher hochnäsig durch die Gegend läuft – und ein anderer, der dies eben alles kann. Mal was trinken, mal was feiern, mal mithelfen beim Abspülen.

Im Laufe meines Erzählen darüber – über die Handarbeit, die wichtig ist und die Frauenrollen, die sehr vielfältig sind – nun der Schlüssel: zum LARP kommt man über Larper. Es sind Gruppen, Vereine, denen man sich anschließt oder wie ich als loses Mitglied angeheiratet ist. Die Vereine kaufen die Zelte und stellen sie ihren Mitgliedern zur Verfügung. Manchmal organisieren sich Familien auch komplett autark. Aber Essen, Zelte, Gegenstände – um ein ordentliches Ambiente hinzubekommen sind viele Einzelteile notwendig. Manchmal nur in Gruppen zu schaffen. Und diese Gruppen erkennt man auch nach außen hin. In gleicher Kleidung, Flaggen, Wappen, Religionen. Mit manchen möchte man befreundet sein, mit anderen nicht. Je nachdem, was diese Gruppe sucht: Lagerfeuerlieder oder Streit.
Richtig ausflippen kann man. Schreien, fluchen, mit jemanden wirklich streiten. Die normalen Streitgespräche sind ja mitunter sehr zivilisiert – das LARP ist das Gegenmodell dazu. Ein böses Wort, ein Handgemenge – alles möglich.
Dabei wird natürlich nicht wirklich gekämpft. Es wird nachgestellt. Keiner möchte, dass jemand ernsthaft verletzt wird. Deswegen ist es ja auch möglich, richtig zu streiten. Allen ist klar, dass es ein Spiel ist. Sollte zumindest so sein. Bis jetzt habe ich noch nichts anderes gesehen. Gerade mit schwierigen Charakteren, die anecken, lässt sich gut spielen. Und wer denkt, es falle einem nichts ein, wenn man mal mit jemanden spricht – oh, es ist sehr befreiend, alles mögliche erzählen zu können, ob es nun völlig erfunden ist, einen wahren Kern enthält oder total wahr ist. Niemand verbindet deine reale Person damit. Manche triffst du auch im realen Leben nie. Du kannst über deine Mutter Gift und Galle spucken, kannst dir Brüder oder Schwestern andichten, kannst jede Geschichte erzählen, die du willst.

Im LARP bist du frei.

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe „#4 Freaks & Geeks“ des No Robots Magazines. Lies hier kostenlos das komplette Magazin!

 

Sabine

Sabine, *1981, ist Mutter von Zwillingen. Als Fadenvogel bloggt sie auf fadenvogel.de über den Vogel in ihrem Kopf, dem Spatz in der Hand, ihren Augenblicken dazwischen.

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