Model mit Ananas
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Die Geschichte meines Körpers

Ich habe ja den Körper, den sich die meisten Frauen wünschen. Zumindest, wenn man der Mode- und Frauenzeitschriften-Industrie Glauben schenkt. Ich bin 1,81 m groß und habe in meinen Erwachsenenleben zumeist einen BMI irgendwo um die 18/19. Sprich: Unteres Normalgewicht bis Untergewicht. Meine Körbchengröße ist angemessen, meine Beine sind lang. Und ich habe es auch auch nicht nötig, mir die Lippen aufspritzen zu lassen. Und ich setze noch eins obendrauf: Der After-Baby-Body war ein Klacks. Ich bin ja so eine, der die Jeans, der die Jeans gleich wieder passt. So ist das doch mit diesen Frauen. Das kennen wir aus den Klatschmagazinen. Na, hast du jetzt ein Bild von mir vor Augen?

Vielleicht spielt deine Fantasie gerade ein Spiel mit dir und vervollständigt meine Beschreibung: Bestimmt bin ich in deiner Vorstellung fit und trainiert, habe einen festen Apfelpo und einen flachen Bauch. Eine verführerischen Augenaufschlag und seidiges, voluminöses Haar. Ich bin erfolgreich, sowohl im Beruf als auch in Liebesdingen. Und vor allem bin ich glücklich. Unfassbar glücklich. Denn das ist es doch, was man großen, schlanken Frauen zusagt, ist es nicht so?

Wenn ihr mich jetzt aber fragt, mit welchem Obst oder Gemüse ich meinen Körper so vergleichen würde (das macht man ja schließlich so), dann würde ich sagen: eine Bohne. Nein, besser: eine Banane. Denn Haltung war leider noch nie so richtig mein Ding. Das ist aber auch verflixt, wenn man leider nicht hört wie ein Luchs und alle Gespräche eine Etage tiefer stattfinden. Yoga soll ja helfen. Yoga ist eine gute Sache. Schade nur, dass ich so faul bin und lieber mit einem Schokokeks auf der Couch liege und Netflix gucke, während meine Gymondo-Mitgliedschaft sich mehr auf meinem Konto verbucht, als in meiner Fitness. Dementsprechend könnt ihr aus eurem bisherigen Bild von mir schon mal die Begriffe „fit“, „Apfelpo“ und „flachen Bauch“ streichen (einen flachen Bauch hatte ich übrigens nicht mal bei BMI 16 – so etwas nennen Profis ja „skinny fat“). Ach, und wenn ihr schon dabei seid, dann streicht auch gleich „den verführerischen Augenaufschlag“ und die „voluminösen Haare“.

Model im Sonnenuntergang

Das bin nicht ich. Und werde es auch niemals sein.

Bin ich dank meines BMI nun erfolgreicher als andere Menschen, so wie es sein sollte? Sagen wir mal so: Ich bin nicht nicht erfolgreich. Hätte man mich mit fünfzehn gefragt, wo ich mit zweiunddreißig sein will (verheiratet, Mama, beruflich angemessen gefordert und in der Großstadt lebend), dann stehe ich doch ziemlich gut da. Ist gut gelaufen für mich, würde ich sagen. Ich würde diesen Umstand jetzt allerdings weniger meinem BMI danken, als der Tatsache, dass ich relativ gut wusste, wo ich hin will und meine Oma mir wenigstens ein gesundes Mittelmaß an Ehrgeiz mitgegeben hat. Obwohl … vielleicht war der BMI doch nicht so ganz unschuldig. Da ein „Klappergerüst“ wie ich ja „keine echte Frau ist“ und „kein Mann sowas will“, war meine Jugend auch nicht gerade von glänzendem Erfolg in Liebesdingen geprägt. Dementsprechend wurde ich auch nicht von unwichtigen Dingen abgelenkt und konnte mich mit voller Energie auf meine Lebensplanung konzentrieren. Ganz nach dem Motto: Pech in der Liebe, Glück im Spiel.

Aber, hey, ja, manchmal kann ich ja verstehen, dass jede Frau sich meinen Körper wünscht. Es ist schon verdammt praktisch, auch an die oberen Regale zu kommen, ohne einen Mann um Hilfe bitten zu müssen. Und auf Konzerten hatte ich auch immer frische Luft. Das ist nicht zu verachten. Es gibt aber auch genug Momente, in denen ich kleine Frauen beneide. Im Winter zum Beispiel, wenn ihnen in Stiefeln und knielangen Röcken mollig warm ist – während ich frierend die zwanzig Zentimeter ungeschützte Fläche dazwischen verfluche. Oder wenn sie auch einfach mal „niedlich“ und „schützenswert“ sein dürfen, während man ab einer gewissen Länge automatisch „taff“ und „selbstbewusst“ sein muss.

Aber was hilft es, zu vergleichen oder sich zu beschweren? Oder andersrum: Sich etwas auf was einzubilden, das einem von der Natur so mitgegeben wurde? Mein Körper ist, wie er ist. Er ist ein wenig länger als der von anderen Frauen und gerne ein bisschen schief. Er sieht toll aus in figurumspielenden Jumpsuits, aber in Standard-Mini-Röcken zeige ich automatisch mehr weiße Haut und frauengegebene Delligkeit als andere. Meine Körperlänge gehört zu mir wie mein Geburtsort oder mein Elternhaus, mein Geschlecht oder meine Hautfarbe: Es ist etwas, mit dem ich in diese Welt getreten bin. Etwas, das ich nicht erarbeitet oder erkämpft habe, etwas, das ich nicht ändern könnte, wenn ich wollte. Es hat mich geprägt, sicherlich, aber es hat mich deshalb nicht  automatisch zu einem glücklicheren, erfolgreicheren oder besseren Menschen gemacht.

Ach, und in die alte Skinny Jeans passe ich übrigens auch nicht mehr. Denn nachdem ich in der Stillzeit durch Schlaf- und Essensmangel in ein Zombie-Dasein geschrumpft bin, hat sich sogar mein Körper danach ein paar Kilos mehr gegönnt. Den Klatschmagazinen würde dazu bestimmt eine tolle Schlagzeile einfallen.

Und was ist die Geschichte deines Körpers? Teile sie mit der Welt und zusammen zeigen wir: Jeder Mensch ist anders, jeder Mensch ist einzigartig und so ist jeder Körper auf seine Art nervig, aber trotzdem wunderbar!

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Fotos: Unsplash

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 32 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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4 Kommentare

  1. Liebe Larissa, das ist ein toller Text! Vielen Dank für´s Teilhabenlassen an Deinen Gedanken zum Thema Körper! Ich habe auch eine Geschichte mit meinem Körper… seit Kindertagen fühle ich mich ständig zu dick. Mein erwachsenes Gewicht schwankte zwischen 58 und 85 Kilogramm bei einer Größe von 1,62 m. Zur Zeit wiege ich 84 kg und versuche mich endlich nach all den Jahren mit meinem Körper anzufreunden. Es klappt bisher ganz gut, das Gewicht halte ich seit etwa einem Jahr und mittlerweile glaube ich sogar, dass jeder Mensch ein Gewicht hat auf das er immer wieder zurück kommt, egal was er macht… Naja egal, ich versuch das dann mal weiter mit der Körper-Freundschaft! Viele liebe Grüße, Kathrin

    • Vielen Dank für deine Geschichte! Ich glaube auch, dass die meisten von uns eine „Naturfigur“ haben, die wir nur mit extremster Anstrengung ändern können. Man sollte sich natürlich nie „gehen lassen“ und immer auf seine Gesundheit achten. Aber Gesundheit kennt eben mehr als eine Form.

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