Dreißig Jahre

Die große Drei

Heute vor dreißig Jahren habe ich den Bauch meiner Mutter verlassen. Muss ich mich jetzt irgendwie komisch fühlen?

Vor ein paar Jahren hat eine Neunzehnjährige mich gefragt, ob ich es schlimm fand, zwanzig zu werden. Ich fand es nicht schlimm. Ich fand es toll. Jetzt ist es also die Dreißig. Und das ist vollkommen okay.

Ich mit fünfzehn
Ein halbes Leben und Welten entfernt: Mit meinem fünfzehnjährigen Ich habe ich nur noch den Mangel einer Frisur gemeinsam.

Ich weiß noch, als ich so fünfzehn, sechzehn, siebzehn war, hatte ich eine saudoofe Frisur, mit der ich richtig altbacken aussah. Einmal meinte jemand zu mir, ich sähe aus wie dreißig. Das war eine harte Beleidigung damals. Denn für Fünfzehnjährige ist dreißig das Synonym für „echt alt“.
Man sagt ja meiner Generation gerne nach, dass wir nicht erwachsen werden wollen. In mancher Hinsicht stimmt das vielleicht auch. Ich verbringe immer noch gerne ganze Tage in Jogginghose auf dem Sofa. Zocke dämliche Computerspiele. Und neulich gab es einen Auflauf aus billigen Tortilla-Chips und Dosen-Gemüse zum Abendessen. Möglicherweise ist das nicht wirklich erwachsen. Nicht so, wie es von einer dreißigjährigen Frau vor fünfzig Jahren erwartet wurde.
Aber eigentlich stimmt es auch nicht. Ich bin gerne erwachsen. Ich finde es total okay, die wilden Zwanziger hinter mir zu lassen. Ich freue mich immer noch jedes Mal, wenn ich im Supermarkt irgendwelche banalen Haushaltsdinge kaufe. Denn sie bedeuten, dass ich mein eigenes Leben führe. Ich bin Hauptmieter einer Wohnung, die sogar richtige Möbel hat. Ich mache meine Steuererklärung und habe einen Beruf, auch wenn der gerade ein bisschen in der Schwebe hängt.
Sicher gibt es noch tausend Dinge, die ich nicht weiß. Manchmal muss ich immer noch meine Eltern anrufen und um Rat fragen. Aber genauso oft fragen sie mich mittlerweile. Ich würde nicht behaupten, dass ich „angekommen“ bin in meinem Leben. Es gibt noch viele Wege, die ich gehen könnte. Aber ich meine, sollte man überhaupt jemals wirklich „ankommen“? Sollte man nicht sein Leben lang immer mal wieder inne halten und überleben, ob man in die richtige Richtung geht? Egal, ob man dreizehn ist oder dreißig oder dreiundsechzig.
Und überhaupt – was bedeuten schon diese ganzen Zahlen? Ich habe Fünfzehnjährige erlebt, die gelebt haben, als seien sie fünfzig. Und Fünfzigjährige, die mitten in der Pubertät zu stecken scheinen. Die Hauptsache ist doch, du gehst einen Weg, mit dem zufrieden bist und biegst vielleicht mal ab, wenn der Pfad dir nicht mehr passt.
Mein fünfzehnjähriges Ich ist nicht nur ein halbes Leben sondern Welten entfernt. Aber hätte man mich damals gefragt, wo ich mit dreißig sein will, dann hätte ich wohl geantwortet: Ich möchte in der Stadt leben, ich möchte einen spannenden Beruf haben und in einer liebevollen Beziehung sein. Im Großen und Ganzen habe ich das also ganz gut hinbekommen. Und das mit dem Beruf wird bestimmt auch noch.

Titelbild-Vektor-Grafik: Angie Makes

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 32 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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