Tuch
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Die Islamisierung des Abendlandes und das Kopftuch

Pegida und Konsorten haben Angst vor der „Islamisierung des Abendlandes“. Sie haben Angst, dass ihre Töchter bald Kopftuch tragen müssen.

Wer hat Angst vor einem Stück Stoff?Ich muss zugeben: Ich möchte auch nicht gezwungen werden, ein Kopftuch zu tragen. Ich möchte auch nicht, dass meine 9-jährige Nichte Kopftuch tragen muss. Oder unsere etwaigen Töchter und Enkeltöchter. Oder die syrische Frau, die aus ihrem Heimatland geflohen ist, um nicht vom IS dazu gezwungen zu werden. (Literaturtipp am Rande: „Persepolis“, Marjane Satrapis Autobiografie über ihre Kinderheit und Jugend nach der Islamischen Revolution im Iran – als Comic* oder als Film*.)

In meiner Grundschulklasse gab es mehrere Mädchen, die sich nach strengen religiösen Regeln richten mussten. Sie durften keine Hosen tragen, teilweise nicht einmal im kältesten Winter, oder sich die Haare schneiden. Das einzige muslimische Mädchen meiner Klasse gehörte nicht dazu. Diese Mädchen waren Christinnen. Ihren Eltern war es verboten, zu verhüten, weswegen die Mütter oft sechs, sieben, acht Kinder zur Welt brachten. In ihren Haushalten gab es keine Medien wie Fernsehen, Bücher oder Radio, außer ausgewählten christlichen Werken. Diese Familien waren keine kleinen Randgruppe in einem großen Ballungsraum. Sie waren wichtige Bestandteile in einer kleinen Gemeinde. Die Väter hatten zum Teil gute und einflussreiche Positionen.
Meine Familie ist nicht besonders religiös. Auch nicht die Familien meiner Schulfreundinnen. Trotzdem besuchten wir regelmäßig die Aktivitäten des CVJM. Es gab ja nichts anderes. Wir bastelten zusammen, machten Ausflüge, fuhren ins Zeltlager und nahmen am Bibel-Unterricht teil. Dabei lernten wir, dass wir Dämonen in unser Herz lassen, wenn wir meditieren. Oder träumen. Dass wir in die Hölle kommen, wenn wir Rock-Musik hören oder „Harry Potter“ lesen. Selbstverständlich war Sex vor der Ehe verboten. Und Verhütung in der Ehe.
Ich hatte Mitschüler, die nicht davon abzubringen waren, dass sie nicht wissen, dass Gott existiert, sondern es allenfalls mit ganzem Herzen glauben können. Oder die nicht davon zu überzeugen waren, dass außerirdische Lebensformen existieren könnten, auch wenn in der Bibel nichts davon steht.
Ich habe mein Heimatdorf hinter mehr gelassen. Aber natürlich hat es mich geprägt. Eine solche religiöse Erziehung hinterlässt Spuren. Trotzdem trage ich Hosen. Schneide mir die Haare. Ich höre Rock- Musik und lese „Harry Potter“. Und ich lebe seit Jahren ohne Trauschein mit einem Mann zusammen. Ich wurde nicht „christianisiert“.
Und ihr Pegida-Anhänger glaubt, eure Töchter müssten bald Kopftuch tragen, nur weil irgendwo in der Nachbarschaft eine muslimische Familie wohnt?

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Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 32 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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7 Kommentare

  1. Eva

    Ganz tolle Worte zu diesem für mich sehr nervigen Thema. Am schönsten wäre doch, wenn alle Seiten einfach glücklich und achtsam (!) miteinander leben. Und wenn Unterschiede einfach egal sind. Egal ob Religion, Geschlecht, Figur oder sonstiges.
    Hab ein wunderschönes Wochenende, Larissa!

  2. Sehr guter Post! Ich könnte jedes Mal laut schreien, wenn Christen sich über Zitate aus dem Koran den Mund fusselig reden, ohne darüber nachzudenken, dass genauso in de Bibel zu STEINIGUNG DER FRAU aufgerufen wird, oder Abgabe der Kinder.. Zum brechen!

    Und zu Harry Potter, der hier ja auch wieder ne Rolle spielt, haha, ich finds auch total interessant, wie du die Filme einschätzt, bzw. was so deine Favoriten sind! Total cool 😀 Versteh deine Standpunkte auch, aber wenn der erste Eindruck bei mir so ist, dann bleibt das irgendwie auch, keine Ahnung 😀 Aber wie du schon meintest, die Bücher sind eigentlich die Base und das merke ich jetzt ja auch… trotzdem könnte ich die Filme immer weiter anschauen haha 😀

    Liebe Grüße,
    xx

    • Schön ist es ja auch, dass es auch in der Bibel sehr bizarre Geschichten gibt … wie Lot, der seine Töchter schwängert, weil alle anderen Männer zu schlecht sind. Aber ja, ja, das ist das Alte Testament und damit hat das Christentum nichts mehr zu tun … :p

      Der erste Eindruck bleibt ja meistens. Dagegen können wir uns selten wehren. 🙂

  3. Find ich gut, diesen Gedankengang! Jeder sollte sich bewusst machen, dass es nicht darauf ankommt welcher Religion man angehört, sondern wie man mit anderen Religionen umgeht, ob man deren Sichtweisen tolerieren kann. Überall gibt es Fundamentalisten, egal ob Christ, Moslem, Jude, oder irgendeine verrückte Weltraumreligion. Deshalb sind doch nicht alle Menschen, die diesem Glauben angehören, gleich gefährlich.

    Ich bin sehr froh, dass diese sinnentleere Pegida-Bewegung mehr Gegner als Anhänger hat (wobei mich auch hier mal die „Dunkelziffer“ interessieren würde). Wie kann man denn nur in ständiger Angst leben, vor allem was neu oder einfach nur anders ist? Das muss ein derart anstrengendes Leben sein, dass man überhaupt keine Zeit mehr hat vernünftig nachzudenken…

    • Dass man verunsichert ist und das aktuelle Weltgeschehen einen ängstigt, das verstehe ich ja. Aber mir ist absolut schleierhaft, warum man von einer Handvoll Migranten „islamisiert“ werden sollte. Vor allem in Regionen, wo die meisten Migranten katholisch sind…

  4. Verstehe ich nicht ganz, die Argumentationsreihe. Damit würdest du ja sagen, dass die Christianisierung genauso/schlimmer ist als die Islamisierung. Mal abgesehen davon, dass die Christen Missionarsbestrebungen haben, deswegen Christianisierung passt…von anderen Religionen kenne ich diesen Gedanken her nicht so sehr, was den ganzen Wortkomplex: Islamisierung völlig absurd macht. Eine christlicher Gedanke mit einem eingedeutschtem Wort auf den Islam übertragen, aber da kann ich mich ja noch belehren lassen…bedeutet also: es gibt sie gar nicht, die berühmte Islamisierung.

    Historisch gesehen ist es auch nun mal so, dass das Christentum sehr wohl verstanden hat, Tötungen und Terror in allen Formen zu legitimieren.

    Aber auch hier: Man findet immer einen Vergleich.

    Oder ich verstehe den Text so: Liebes Abendland, jetzt mal halb lang. Alles, was du als Schreckgespenst Islam an die Wand pinselst, hast du schon längst selber erfunden. Kein Fremder kann dir in Sachen Frauenrechte missachten/religiöser Fanatismus und Steinzeit-Lebensmodelle so schnell etwas vormachen. Ist schon alles da. Nennt sich fundamentales Christentum.

    right?

    • Right. „Wir“ sind nicht automatisch die Guten und „die“ sind nicht automatisch die Bösen. Fundamentalismus gibt es überall. Damit muss man immer kritisch umgehen, aber nur weil man auf einen Fundamentalisten trifft, heißt das nicht, dass man sofort von ihm versklavt wird.

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