Abenteuer Sprache: Anglizismen

Die Sache mit dem Anglizismus

Anglizismen – viele lieben sie und benutzen sie nonstop, oft genug nerven sie aber sogar liberale Sprachkünstler. Man muss es ja nicht übertreiben, okay? Dann gibt es wiederum die, die darin den Untergang der deutschen Kultur sehen – und die lauert ja bekanntlich an jeder Ecke. Wir erinnern uns an unseren omni-präsenten Gesundheitsminister Jens Spahn, der sich vor geraumer Zeit aufregte, dass all die coolen Hipster in Berlin nur noch anglizisteln.
Ich sehe Kultur ja gerne wie eine Tierart: Sie unterliegt der Evolution, der Zeit, ihrer Umgebung und oft dem puren Zufall. Manche Kulturen sind Chihuahuas, andere eben Dackel – ganz so, wie es das Leben, das Universum und der ganze Rest formt. Und wo Kultur ist, da ist eben auch die Sprache. Mein Mittelstufen-Geschichtslehrer bezeichnete Deutschland gerne als „Pufferstaat“: Egal, wer in Europa gerade wen besucht hat, oder wer gerade mit wem Beef hatte – mit großer Wahrscheinlichkeit ist er dabei durch Deutschland gewandert. Und hat dabei ein bisschen was da gelassen: die neueste Mode, ein paar Gene oder eben ein Wort. Man könnte sagen, Deutschland ist eine ziemliche Promenadenmischung. Oder wie die Deutschen sich zu Beginn des letzten Jahrhunderts gerne brüsteten: die Krone der Ananas – die deutsche Kultur einigt sich alles Fremde an, um es zu übertrumpfen. Welche Aussage der eigenen Meinung eher entspricht, soll jeder selbst für sich entscheiden.
Da nehmen wir nur mal Jens Spahns Christ-Demokratische Union: Das Wort „Christ“ bezieht sich bekannterweise auf Jesus Christus, kommt dabei aber aus dem Griechischen, bedeutet „Gesalbter“ oder „Messias“ und kam im syrischen Raum zuerst auf. „Demokratie“ („Volksherrschaft“) entstammt ebenfalls dem Griechischen, während „Union“ auf lateinisch „unus“ („eins“) basiert. Warum die Partei nicht „Einheitliche Volksherrschaft unseres Herrn Jesu“ heißt? Nun ja, es gab eben Zeiten, in denen es unglaublich cool war, Latein oder Griechisch zu sprechen. Die alten Hipster.

Berliner Hipster
Kann Jens Spahn gar nicht leiden: Berliner Hipster

Dagegen gibt es vielleicht auch Staaten, die vom Kreuz-und-quer-Herumwandern verschont bleiben. Inselstaat zum Beispiel, nehmen wir mal … England. Da rennt nicht jeder mal durch. Sollte man meinen. Demnach basiert das heutige Englisch auf dem Keltischen.
Das ist jedoch falsch. Keltisch findet sich zwar noch in Groß-Britannien, zum Beispiel im Irischen oder Schottisch-Gälischen, aber die englische Sprache hat heute nur noch wenige keltische Wurzeln. Stattdessen finden sich auch hier verschiedene andere Sprachen wieder, die auf jahrhundertelange Eroberungen zurückzuführen sind. Einer der bekanntesten ist dabei wohl Wilhelm der Eroberer, ein Herzog der Normandie, der 1066 im heutigen England einfiel und den Beginn der normannischen Dynastie begründete. Zusammen mit dem Angevinischen Dynastie herrschten anschließend gut 400 Jahre „Franzosen“ über England – und beeinflussten damit auch maßgeblich die Sprache und Kultur.
Vor Wilhelm waren die Wikinger oder auch Nordmänner (oder skandinavisch: Normannen, ach, die kannten wir ja schon) da. Die haben besonders an der Ostküste geraubt, geplündert und Kloster niedergebrannt. Dabei hinterließen sie nur eine Spur aus Leichen? Nicht nur. Auch sie ließen auch sie Gene und Wörter da. Die Nordmänner zeigten auf die Wolken und sagten „sky“ (sprich: „schü“, basierend auf der modernen skandinavischen Sprache), die Engländer machten „Himmel“ draus. Die Nordmänner sagten „gata“ und meinten „Straße“, die Engländer machten „Tor“ draus.  Schön ist auch das skandinavische Wort „skirt“ (sprich: „shirt“), das auf Schwedisch „Rock“ heißt. Im Englischen gibt es heute sowohl „skirt“ für „Rock“, als auch „Shirt“ für, na ja, „Shirt“. Damals war beides vermutlich ein und dasselbe.
Aber nein, das war’s noch nicht. Bevor die Skandinavier die englische Sprache formten, waren schon ein paar andere da. Vertrieben das Keltische und formten die Grundlage der heutigen Sprache, das Alt-Englische. Nämlich: die Friesen und Jüten und natürlich die Angeln und Sachsen. Ja,  ihr ahnt es schon. Aus heutiger Sicht waren das: Deutsche.

Ein Schild in England
Angeln, Sachsen, Angel-Sachsen, ach, wie auch immer

Und so schließt sich der Kreis. Wer im heutigen Deutschland hip sein will, der spricht in Anglizismen und meint damit Englisch. Wer vor 1500 Jahren im heutigen England hip sein wollte, der sprach in Anglizismen und meint damit Deutsch (im weitesten Sinne). Was schließen wir daraus? Bleibt locker. Sprache ist nicht statisch, sondern immer in Bewegung. In diesem Sinne: Ein Hoch auf die Sprache! Cheers!

Quellen: Wikipedia, Wikipedias Wiktionary, Wissen, das ich während meines Studiums aneignete – Lücken nicht ausgeschlossen

Fotos: Unsplash

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 33 Jahre alt und lebt mit Mann und zwei Kindern in München.

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