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Die Sache mit dem Elterngeld

Die Sache mit der Elternzeit

Liebes Familienministerium,
wir müssen über das Elterngeld reden.

Versteht mich nicht falsch. Ich bin glücklich und dankbar, dass wir in Deutschland Elterngeld beziehen können. Ich bin mir der Sache bewusst, dass es uns damit besser geht, als den meisten Eltern weltweit. Aber nur weil etwas richtig und gut ist, ist es noch lange nicht richtig gut.

Aus der Kategorie „Sollen se sich halt nur Gören anschaffen, wenn se sich die auch leisten können!“

„Das Elterngeld gleicht fehlendes Einkommen aus, wenn Eltern ihr Kind nach der Geburt betreuen“, schreibt ihr auf eurer Informationsseite. Damit sichere es „die wirtschaftliche Existenz der Familien“. Denn, hey, toll, man bekommt bei niedrigerem Einkommen bis zu 100 % seines Voreinkommens.
Von „Ausgleichen“ kann selbstverständlich keine Rede sein.
Die Debatte ist verzwickt. Immer wieder berufen sich Väter darauf, dass sie höchstens (aber auch allerhöchstens!) die zwei „Vätermonate“ nehmen können, da ihr Elterngeld auf den Höchstbetrag von 1.800 Euro im Monat beschnitten wird. Das ist natürlich Jammern auf hohem Niveau. Denn wer genug verdient, um den Höchstbetrag an Elterngeld zu erhalten, der hat in der Regel auch genug, um für die Elternzeit zurück zu legen.
Daneben stehen all diejenigen, deren Elterngeld nicht beim Höchstbetrag gedeckelt ist. Dabei handelt es sich kaum um eine bemitleidenswerte Minderheit, sondern wohl eher um die schweigende Mehrheit. Wie viele davon diese Argumentation wohl verfolgen und nicht wissen, ob sie lachen oder weinen, weil sie überhaupt noch nie in ihrem Leben 1.800 Euro netto verdient haben? Anyway, ihr vom Familienministerium habt natürlich auch an diese Menschen gedacht und deswegen eine clevere Staffelung eingeführt, bei der man schließlich mit ein bisschen „Glück“ sein volles Einkommen erhalten kann.

Vater mit Baby

Gucken wir uns diese Staffelung doch mal genauer an. Ab einem Netto-Einkommen von 1.240 Euro erhöht sich das Elterngeld von 65 % auf 67 %. In kleinen Schritten, versteht sich. Soll ja alles fair bleiben. Von welcher Einkommensdifferenz sprechen wir hier, um diese 2 % zusätzliches Elterngeld zu erhalten? 40 Euro. VIERZIG EURO!
Immerhin: Bei allen, die weniger als 1.200 Euro netto verdienen, spart ihr euch die Rechnerei. Aber ab 1.000 Euro Nettoverdienst geht es wieder los mit den kleinen Schritten. Das große Versprechen: Wer wenig verdient, der bekommt seinen vollen Verdienst ersetzt. Also rechnet ihr los. Pro 2 Euro, die zur Grenze fehlen, erhöht sich der Prozentsatz um 0,1 %. Das sind dann sage und schreibe 330 kleine Schritte, um von 67 % auf 100 % zu kommen. Pro 2 Euro – rechnen wir doch schnell mal nach … abgezogen von dem Grenzbetrag … kommen wir auf … 440 Euro. Ab einem maximalen Nettoverdienst von 440 Euro erhält man sein volles Einkommen ersetzt. Wow.
Da fragt man sich doch, wie viel Geld euch dieser ganze Rechen-Aufwand kostet. Geld über das sich eben diese Familien sehr freuen würden.

Man könnte jetzt argumentieren, dass gerade diese Geringverdiener es ja gewöhnt sind, mit wenig Geld zu leben. Und, hey, nach einer Berechnung des statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2003 geben Eltern mit niedrigem Einkommen ja auch nur durchschnittlich 325 Euro pro Monat für ihr Baby aus. Der Betrag wird in den letzten 17 Jahren sicherlich nicht gestiegen sein …
Da gibt es aber noch ein weiteres Risiko, besonders für Mittelverdiener: die Gefahr während der Schwangerschaft arbeitslos zu werden. Zwar sind Schwangere in der Regel vor einer Kündigung geschützt, nicht jedoch vor befristeten Arbeitsverträgen. Und trotz Bemühungen der GroKo diese einzudämmen, sind weiterhin 8,3 % aller Beschäftigungsverhältnisse befristet. Noch schlechter ergeht es dem nicht-schwangeren Elternteil. Dieses besitzt gar keinen Schutz vor Arbeitslosigkeit. Da Arbeitslosengeld I nicht in die Berechnung des Elterngeldes mit einbezogen wird, fällt das Elterngeld hier leicht auf den Mindestbetrag – bei gleichbleibenden Lebenserhaltungskosten. Denn wer zieht schon für ein Jahr in eine günstigere Wohnung (sofern es die überhaupt gibt)? Und da wundern wir uns wieder, dass so wenig Männer Elterngeld beziehen.

Geschwister

Besonders schwierig wird es für viele Familien ab dem zweiten Kind, da in den meisten Familien ein Elternteil seine Arbeitszeit reduziert, um den Nachwuchs zu betreuen. Einen Geschwisterbonus gibt es natürlich. Allerdings nur, wenn das Geschwisterkind bei Geburt maximal 36 Monate alt ist. Da fragt man sich: Kostet ein dreijähriges Kind weniger als ein zweijähriges? Und geht ihr bei eurer Kalkulation wirklich davon aus, dass die meisten Eltern nach dem zweiten Geburtstag wieder Vollzeit arbeiten gehen, damit sie sich ein weiteres Kind leisten können?

Aus der Kategorie „Die tut doch den ganzen Tag nichts machen! Soll se halt mal arbeiten gehen!“

Aber ihr habt natürlich mitgedacht. Schon lange werden die Stimmen laut, dass man Müttern den Wiedereinstieg leichter machen muss. Dass deutsche Eltern und vor allem deutsche Frauen sowieso viel zu lange Elternzeit nehmen – im Gegensatz zu unseren tollen Nachbarn, wo die Mütter nach sechs Wochen wieder fröhlich in Vollzeit arbeiten und der Nachwuchs auch gleich noch viel besser erzogen ist. Ja, dafür habt ihr natürlich eine Lösung und das ElterngeldPlus eingeführt. „Das (…) stärkt die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und erkennt insbesondere die Pläne derjenigen an, die schon während des Elterngeldbezugs wieder in Teilzeit arbeiten wollen.“ Noch besser: Nutzen es beide Elternteile und reduzieren ihre Arbeitszeit auf 25–30 Stunden, erhalten sie sogar zusätzliche Partnermonate. Für viele Familien ist das sicher toll, wir wollen ja nicht alles schlecht machen. Und es hilft sicher auch, dass mehr Väter sich Zeit für die Familie nehmen. Aber seien wir ehrlich, das hilft in erster Linie einem: der Wirtschaft. Warum gibt es keinen Puffer, der es Eltern ermöglicht, auch während des Elterngeldbezugs beruflich am Ball zu bleiben? Warum muss man jeden Cent abtreten, den man sich in gelegentlichen Mini-Jobs dazuverdient, um den Anschluss nicht zu verlieren? Selbst beim Arbeitslosengeld I gibt es einen Freibetrag von 165 Euro Zusatzverdienst pro Monat.
Aber ja, in eurem Erklärvideo klingt das so schön, wie Carmen und Arthur sich die Erziehung teilen. Toll, dass sie nur für drei Tage eine Kinderbetreuung benötigen. Fragt man sich nur: Wo soll die herkommen? In anderen Städten scheint das wohl anders auszusehen, aber hier in München bekommt man sicher keine Kinderbetreuung für nur drei Tage. Und für zwei Elternteile in Teilzeit schon gar nicht.

Vater mit Kindern

Schön ist es natürlich, dass man jetzt auch über das dritte Lebensjahr hinaus unentgeltlich Elternzeit nehmen kann. Damit kommen wir aber schon zum nächsten Thema: Was ist eigentlich mit den Familien, die ihr Kind gerne länger betreuen wollen, ohne nebenbei zu arbeiten? Oder einfacher ausgedrückt: Warum genau muss das Elterngeld eigentlich unbedingt in den ersten 14 Lebensmonaten des Kindes bezogen werden? Warum können die Eltern das nicht selbst entscheiden, wann sie ihre Elternzeit nehmen? 14 Monate sind schließlich 14 Monate oder etwa nicht?
Nehmen wir dazu mal zwei Beispiele. Auf der einen Seite haben wir Corinna und Ludwig*. Corinna bezieht zwölf Monate Basiselterngeld, möchte aber gerne länger zu Hause bleiben, und zwar 18 Monate. Und bevor ihr jetzt schreit: „Das ist Benachteiligung der Frauen! Und die Männer machen gar nichts!“ Die beiden haben entschieden, ihr Kind erst mit drei Jahren in Fremdbetreuung zu geben. Die weiteren 18 Monate bleibt Ludwig zu Hause. Toll, oder? Schade aber, dass Ludwig nun gar kein Elterngeld mehr erhält. Nicht mal seine zwei „Vätermonate“.
Okay, anderes Fallbeispiel: Marie und Stefan* wollen sich die Betreuung 50:50 aufteilen und früh wieder arbeiten. Sie nehmen für ihren Sohn Hans zehn Monate Elternzeit, sprich: jeder fünf. Ihnen bleiben also vier Monate übrig. Diese würden sie gerne verwenden, um die Sommerferien in Hans‘ Grundschulzeit zu überbrücken. Geht nicht. Ja, doch, geht schon. Aber Geld kriegen sie dafür keins mehr. Ich weiß nicht, wie ihr das seht. Aber ich finde das nicht wirklich fair.

So, nun habe ich genug gemeckert. Ich weiß, ihr kriegt das schon hin. Wir leben doch in einem demokratischen Staat, in dem der Mensch im Mittelpunkt steht. Richtig?

Ich wünsche euch noch viel Erfolg bei eurer Arbeit
Eure Larissa

*Selbstverständlich könnten die beiden auch Heike und Katharina heißen. Oder Konrad und Claude. Wobei diese wahrscheinlich vor noch mehr Problemen stehen würden, als hier beschrieben.

Fotos: Unsplash

Larissa//No Robots Magazine
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