Untergang vom Nationalstolz
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Die Sache mit dem Nationalstolz

Lasst uns über Nationalstolz reden.
Eine komische Sache ist das. Was soll das überhaupt bedeuten? Man kann es aus zwei Richtungen betrachten. Da wäre erstmal der Stolz, einer Nation anzugehören. Was ungefähr genauso viel Sinn macht, wie stolz darauf zu sein, dass man blaue Augen und nicht braune hat. Dass man XX-Chromosomen hat und nicht XY. Oder dass der Lieblingsfußballclub ein Tor geschossen hat. Kurzum: Es ist etwas, wozu man nichts, aber auch gar nichts zu beigetragen hat. Warum sollte ich mir etwas darauf einbilden, dass meine Vorfahren sich zufällig an diesem Fleckchen Erde angesiedelt haben und jemand eine Staatsgrenze zu meinem Gunsten gezogen hat?
Andererseits kann man auch einfach nur stolz auf das Land sein, in dem man lebt. Ihm mal auf die Schulter klopfen und sagen: Du machst das gut so.
Und ich finde, das machen wir viel zu selten. Denn mal ganz ehrlich: Es gibt wenig Länder, in die ich gerne umziehen wollen würde – und das nicht nur wegen der Sprachbarriere.
Deutschland hat sich wortwörtlich aus den (selbst verschuldeten) Trümmern gegraben und ein Land geschaffen, in dem man gemütlich leben kann.
Zugegeben, natürlich ist das hier nicht der Garten Eden. Natürlich gibt es noch viel zu tun. Wie sollte es auch anders sein, wenn 82,8 Millionen verschiedene Meinungen und Interessen aufeinander prallen?

Dennoch leben wir in einem Land, in dem erschwingliche Krankenversicherung eine Selbstverständlichkeit ist.

In dem man nicht automatisch vor dem finanziellen Ruin steht, wenn eine große Operation droht.

In der eine Schwangere selbstverständlich zur Vorsorge gehen kann. Und Kinder selbstverständlich alle Impfungen bekommen (sollten!), die sie brauchen.

In dem Eltern selbstverständlich vierzehn Monate auf Staatskosten bei ihren Kindern zu Hause bleiben und danach in ihren alten Job zurückkehren können.

In dem junge Paare selbstverständlich unverheiratet zusammen leben und vielleicht irgendwann mit dickem Bauch zum Standesamt marschieren. Oder eben auch nicht.

In dem die meisten Menschen selbstverständlich einen Schulabschluss machen und in den meisten Fällen danach einer Arbeit nachgehen.

In dem es aber auch keine Katastrophe ist, wenn man mal seine Arbeit verliert, weil man nicht von heute auf morgen ohne Einkommen dasteht.

In dem man nicht gut situiert sein muss, um ein Studium zu absolvieren.

Untergang vom Nationalstolz

Foto: Unsplash

In dem man nicht permanent befürchten muss, dass man von Polizisten niedergeschossen wird, nur weil man eine dunkle Hautfarbe hat.

Oder Angst haben muss, dass man vom Nachbarkind erschossen wird, weil es etwas zu unvorsichtig mit seinem Weihnachtsgeschenk umgeht.

In dem es uns grundsätzlich erst mal völlig egal ist, mit wem der Kollege sein Bett teilt und was er darin macht.

Oder zu welchem Gott er betet oder eben nicht.

In dem Frauen nicht mit Beleidigungen oder sogar Strafen rechnen müssen, weil jemand entscheidet, dass sie zu wenig oder gar zu viel anhaben.

In dem wir selbstverständlich nicht unseren Müll einfach auf die Straße oder in den Wald werfen, sondern ihn brav recyclen. Weil wir selbstverständlich keinen Bock auf Klimawandel haben.

In dem wir selbstverständlich unser Kreuzchen am Wahlzettel machen dürfen.

Und unsere Meinung im Netz oder am Stammtisch kundtun können.

In dem es für uns sogar selbstverständlich ist, ein Auto, ein aktuelles Smartphone und trendy Kleidung zu besitzen.

All diese Dinge sind nicht selbstverständlich. Nicht mal in den meisten vergleichbaren Industriestaaten. Erstaunlich ist nur, dass ausgerechnet diejenigen, die sich den Nationalstolz groß auf die Fahne schreiben, diese Werte bedrohen. Wir sollten sie nicht damit durchkommen lassen. Wir sollten aufhören, uns zu beschweren und stattdessen stolz sein auf das, was wir haben und es mit aller Macht beschützen.

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 32 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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