Ein Paar im Schatten.

Die Sache mit den Beziehungen im Jahr 2018

„Das, was Sie Liebe nennen, wurde von Leuten wie mir erfunden, um Nylonstrümpfe zu verkaufen.“

Sagt Don Draper in der 60er-Jahre-Marketing-Erfolgsserie Mad Men. Damit liegt er nur halb richtig. In der Literatur gab es tatsächlich auch schon lange vor Marketingagenturen große dramatische Liebesgeschichten. Zum Beispiel Dido, die sich ins Schwert stürzt, als ihr Eneas sie verlässt (Virgil, ca. 29-19 v. Chr.) oder das mittelalterliche Liebesdrama um Tristan und Isolde (was allerdings auf einem Liebestrank beruht). In der Realität war Liebe in der Regel allerdings nur ein hübsches, aber nicht notwendiges Beiwerk einer Beziehung. Natürlich verliebten sich auch vor Tausend Jahren schon die Menschen – Liebeshormone sind schließlich ein chemischer Prozess, den der Mensch sich nicht erst vor wenigen Jahrzehnten angeeignet hat – aber wenn der Sepp sich in die Liesl verliebte, dann mussten beide schon Glück haben, dass ihnen auch erlaubt war, zu heiraten. Wahrscheinlich durfte der Sepp gar nicht heiraten, weil er nicht genug Kohle hatte und die Liesl ging zum Peter, der sich freute, eine gute, gebärfreudige Hausfrau zu bekommen. Noch weniger Glück als Sepp und Liesl hatten wahrscheinlich Joseph von Hochwürden und Elisabeth von und zu Dings. Die hatten in der Regel so gut wie gar kein Mitspracherecht über ihre Partner und heirateten, wer sich politisch gerade günstig anbot. Und das war okay. So funktionierte die Gesellschaft eben.

Wesentlich geändert hat sich diese Einstellung erst mit der Industrialisierung. Als Gegenpol zu harter Arbeit und verqualmter Luft wurde die Romantik in, die nicht nur Gott und die Natur, sondern auch die Gefühle pries. Liebe wurde plötzlich ein Heiligtum. Mit voranschreiten der Technik hatten Menschen zudem mehr und mehr Zeit, sprich: Freizeit, um sich mit anderen Dingen als Maloche zu beschäftigen. Romane wurden modern und die Menschen fingen an, sich mit ihren eigenen Wünschen und Vorstellungen zu befassen und ein Empfinden der Individualität zu entwickeln. Das aufkommen der Massenmedien wie Zeitungen, Magazine, Hollywood, Fernsehen und den Don Drapers hat schließlich nur noch Öl ins lodernde Feuer gegossen.

Ist er noch alleine?

Als ich noch jünger war, und ein Trauschein noch eine Seltenheit in meinem Bekanntenkreis, da fragte meine Oma gerne: Und ist er noch alleine?, wenn ich von Freunden erzählte. Denn so ist das bei ihr: Ein Mann ohne Ehefrau ist alleine. Ihr größter Wunsch war es indes, dass ich noch heirate, so lange sie noch lebt. Meine konsequente Abwehr brach ihr das Herz.
Ich: Ach, nein, nee, keine Lust. Vielleicht später mal … Wenn wir Kinder bekommen …
Oma: Ja, aber wo sollen die denn herkommen? Wenn ihr nicht zusammen bleiben wollt?
1953, als meine Oma so alt war, wie ich heute, da war das die Definition von Beziehungen: Mann und Frau, Kirche und x Kinder. Wer nicht heiraten will, der will auch nicht zusammen bleiben.

2014 kündigte sich der Nachwuchs bei uns an. Nach reichlicher Überlegung entschlossen wir uns, unsere Beziehung staatlich dokumentieren zu lassen und unterschrieben ein Dokument im Standesamt. Drei Jahre sind wir nun verheiratet. In unserer Beziehung hat sich seitdem vieles geändert. Der Trauschein hat daran nicht den geringsten Anteil. Vieles ist heute anders, aber eine Menge ist wie ehedem: Wer gebügelte Wäsche haben will, der muss sie bügeln. Wer Hunger hat, der macht sich etwas zu essen.
Große Augen und Aber ihr seid doch jetzt verheiratet! bekomme ich regelmäßig als Reaktion auf unser Zusammenleben. Denn offensichtlich habe ich als Ehefrau Pflichten, die ich als Lebensgefährtin noch nicht hatte: Bügeln, für den Mann kochen. Dafür muss er finanziell für mich sorgen.

Liebe in dieser schönen neuen Welt

Wir sind in einen etablierten Prozess hineingeboren, bei dem die neuen Werte von Leidenschaft und Romantik bereits lange eine Selbstverständlichkeit sind. Längst gelten in der westlichen Welt neue Regeln für Beziehungen, die alten sind verpönt. Wo es noch vor wenigen Generationen eine Selbstverständlichkeit war, dass man seinen Partner nach praktischen Werten auswählte, ist es heute ein Skandal, wenn zwei nur heiraten, weil sie eine verlässliche Hausfrau darstellt und er finanzielle Sicherheit bietet (Stichwort: „gekaufte Thai-Frau“). Die heutigen Regeln setzen Liebe voraus, worauf alles weitere aufbaut: man lebt früher oder später zusammen, ist sexual aktiv – aber bitte monogam! – und definiert sich als Einheit, immer noch idealerweise inklusive Hochzeit und Kinder, wenn dies auch kein absolutes Muss mehr ist. Die meisten von uns wollen nicht alleine sein. Wir sind eine soziale Spezies, wir sind Gruppentiere. Wir wollen jemanden haben, der sich ums kümmert, wenn es uns schlecht geht. Wir wollen unser Leben teilen, mit jemanden lachen oder weinen, uns auskotzen oder samstags abends zusammen Playstation zocken. Im besten Falle bis ans Ende unseres Lebens.

Und früher, da hat das mit dieser Definition ja auch noch irgendwie ein bisschen Sinn gemacht. Ich meine, klar, es war schon ziemlich dämlich, dass du jetzt nicht mit dem Menschen zusammen leben konntest, den du am liebsten hattest, nur weil er ein Mann war und du zufällig auch … Aber wenn du jetzt, rein hypothetisch eine Frau warst und da gab es einen Typen und ihr hattet sexuelles Interesse aneinander …. dann führte das üblicherweise zu einem Kind nach dem anderen. Da war es natürlich schon ganz sinnvoll, dass der Typ nicht einfach so wieder verschwinden kann. Und überhaupt – da hast du ein Kind nach dem anderen bekommen und wenn für dich mit der Reproduktion so langsam Sense war, da war auch für dich üblicherweise langsam Sense und der Sensenmann kam vorbei und sagte dir, dass das letzte Kind jetzt vielleicht doch eins zu viel war. Punktum: Den Rest des Lebens hat man schneller miteinander verbracht, als man sich überlegen konnte, ob sich nicht doch jemand besseres bieten könnte.

Heute ist das ja glücklicherweise anders. Das fängt ja schon damit an, dass wir nicht zwangsläufig wie am Fließband gebären müssen, wenn wir darauf keinen Bock haben – es wäre sogar vollkommen in Ordnung, wenn wir gar nicht gebären! Und sollten wir es doch tun, dann liegt statistisch gesehen noch mindestens unser halbes Leben vor uns, bis zum Ende unserer Zeit, wenn sich das mit dem Gebären dann erledigt hat. Und es stören sich auch nur noch totale Vollidioten daran, dass ein Mann mit seinem Herzensmenschen zusammenleben möchte, der zufälligerweise auch ein Mann ist. In der Praxis sind diese neuen Regeln aber häufig ähnlich eingrenzend wie die alten. Denn sie beruhen nicht auf der viel gepriesenen Individualität, sondern an neuen gesellschaftlich festgelegten Werten.

Ein gutes Beispiel dafür ist eine andere Erfolgsserie: der Netflix-Hit Grace & Frankie, in der die beiden gealterten Damen eine enge Freundschaftsbeziehung knüpfen, nachdem ihre Ehemänner verkünden, einander heiraten zu wollen. Während sich die homosexuelle Beziehung von Sol und Robert (mehr oder weniger) gesellschaftlich etabliert hat, bewegt den Zuschauer immer wieder die Frage: Werden auch die Frauen im Alter noch mal einen Partner finden? Anstatt zu akzeptieren, dass die beiden in ihrer platonischen Beziehung eine stabile Partnerschaft gefunden haben – ja, ihre Beziehung sogar trotz aller Widrigkeiten ihrer unterschiedlichen Charaktere harmonischer gelebt wird, als die ihrer Ex-Männer, die sich nicht nur mit ihrer neuen Stellung als Homosexuelle zurechtfinden, sondern auch die Regeln ihrer Ehe definieren müssen. Auch wenn die Serie die Frage nach der Männerbedürftigkeit sehr subtil mit einem Nein beantwortet: Diese Antwort passt nicht in unser gesellschaftliches Bild.

Können Schwestern eine glückliche Beziehung führen?
Schriftstellerin und Ikone in Sachen Liebesromane Jane Austen (1775–1817) hat nie geheiratet und stattdessen bis zu ihrem Tod mit ihrer Schwester zusammen gelebt. Heute undenkbar. Warum eigentlich?

Der öffentliche Kampf ums Private

Dabei ist das Private selbstverständlich längst ein verbissenes Politikum geworden. Es wird darum gestritten, wer Kinder betreuen soll oder gar darf, wie Care-Arbeit aufgeteilt werden muss, bis hin zu gesetzlichen Regelungen, die die häusliche Organisation regulieren soll, wie der Vorschlag, dass Elterngeld nur voll ausgezahlt werden sollte, wenn sich beide Elternteile die Betreuung fifty-fifty teilen. All das passiert natürlich im Sinne des Feminismus, so wie mir neulich auf Facebook in einem Kommentar geantwortet wurde, dass die individuelle Zufriedenheit einer Person nicht akzeptabel sei, wenn sie feministisch nicht vertretbar ist. Wobei man natürlich erstmal klar definieren müsste, was genau eigentlich „feministisch vertretbar“ ist und davon sind wir weit entfernt.

Übrig bleibt die Frage, warum wir der „gekauften Thai-Frau“ das Recht absprechen, zufrieden mit ihrem Leben zu sein? Warum man ein Klischee-Muttchen nicht in einer unterwürfigen Beziehung mit ihrem Ober-Macho leben lässt, wenn beide mit dieser Rollenverteilung glücklich und zufrieden sind (gesetzt der Fall natürlich, dass keine Gewalt oder Abhängigkeit vorliegt)? Wer sagt, dass eine Beziehung immer zwischen ausschließlich zwei Personen stattfinden muss? Warum gehört zu einer glücklichen Beziehung unabdingbar immer ein erfülltes Sexualleben miteinander, aber nicht, dass die sexuelle Erfüllung anderswo ausgelebt oder einfach gar nicht verlangt wird? Wer sagt, dass Partner in einem Haus leben müssen oder dass eine Familie sich unbedingt ein Mal am Tag zum gemeinsamen Essen treffen muss? Ist es wirklich ein Naturgesetz, dass sich Liebende Brot und Zahnpasta teilen müssen? Wer sagt, dass Grace und Frankie keine liebevolle, glückliche und zutiefst miteinander verbundene Beziehung miteinander führen können, nur weil sie kein Interesse daran haben, miteinander zu vögeln?

Undenkbar: Der Einzelgänger, der ohne Partner glücklich ist.
Mann mit Hund sucht Frau mit Herz – ja, aber warum eigentlich?

Für viele werden diese Regeln sicher sinnvoll sein, die ihnen das Fundament für eine stabile Partnerschaft geben. Aber eben nicht für alle. In manchen Fällen mag es sein, dass die Zufriedenheit von zwei (oder mehr) Personen nur gewährleistet wird, wenn sie sich massiv von den gängigen Regeln abwenden. (Schauspielerin Tilda Swinton zum Beispiel lebte jahrelang offen in einer Dreiecksbeziehung mit dem Vater ihrer Kinder und einem jüngeren Liebhaber.) Viele andere könnten jedoch möglicherweise ihre Zufriedenheit und die in ihrer Beziehung verbessern, wenn sie diese kleinen Regeln des Alltags für sich hinterfragen würden. Möglicherweise würden sie einen enormen Stressfaktor aus ihrem Alltag nehmen, wenn sie nicht jeden Abend gemeinsam kochen oder sich um die gemeinsamen Finanzen streiten müssten. Wenn sie ehrlich hinterfragen, ob die Ehe im klassischen Sinn wirklich notwendig für sie ist oder die gängigen Sexualitätsregeln der Frauenzeitschriften und medialen Paartherapeuten für sie Substanz haben.

Denn schließlich leben wir in einer Zeit, in der Individualismus Normalität geworden ist, in der wir die wachsamen Augen der gesellschaftlichen Sittenwärter eigentlich längst abgeschüttelt haben sollten und kein Politikum mehr brauchen, dass unsere Beziehung im Privatesten regelt.

Denn eigentlich sind wir doch viel mehr als nur ein Grund, um Nylonstrümpfe oder Diamantringe zu verkaufen.

Fotos: Unsplash

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 33 Jahre alt und lebt mit Mann und zwei Kindern in München.

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