Versorgung durch eine Hebamme

Die Sache mit den Hebammen

Wenn ich mit jungen Müttern rede, möchte ich manchmal laut auflachen. Wenn sie sagen, dass sie heute zu Hause sein müssen, weil die Hebamme kommt und meistens über eine Stunde bleibt. Wie froh sie dann immer sind. Dann möchte ich oft lachen und rufen: „Über eine Stunde?! Was will die denn so lange bei dir? Ich hatte das auch nicht und bin klar gekommen!“ Oder wenn sie mit ihrem Dreivierteljährigen immer noch regelmäßig Besuch von der Hebamme bekommen.
Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Nein, das ist nicht mal nah dran an der Wahrheit. Eigentlich möchte ich nämlich lieber weinen. Denn eigentlich wäre ich auch besser klar gekommen, wenn ich eine Hebamme gehabt hätte, die für mich da gewesen wäre.

Aber von Anfang an. Gehen wir drei Jahre zurück.

Die Lage ist angespannt. Was ist, wenn ich keine Hebamme finde? Man hört viele Geschichten von Frauen, die keine gefunden haben. Aber es läuft gut. Denke ich. Auf Anhieb komme ich in einer Hebammen-Praxis unter. Ich denke, das ist eine sichere Sache, wenn drei bis vier Hebammen zusammen arbeiten. Dann ist auch jemand da, wenn mal eine ausfällt.
Vielleicht sollte ich auf dem Info-Abend skeptisch werden, angesichts der Masse an deutlich bis hochschwangeren Frauen, die dort in dem kleinen Raum auf Klappstühlen aufgereiht sitzen und den Bedingungen lauschen. Die Bedingungen sind, dass man bereits die Schwangerschaftsvorsorge in der Praxis wahrnehmen muss. Warum auch nicht? Es kann ja nicht schaden, denke ich. Dafür preist die Praxis ein umfassendes Betreuungsangebot an: Hilfe bei Schwangerschaftsbeschwerden. Großes Angebot an Kursen. Tägliche Besuche direkt nach der Geburt. Regelmäßige Besuche in größer werdenden Abständen bis das Kind neun Monate alt ist. Das klingt alles gut. Also reihe ich mich ein in die lange Schlange an mehr oder weniger runden Bäuchen, die nacheinander zur Vertragsunterzeichnung ins Nebenzimmer geführt werden. Ich sollte an dieser Stelle skeptisch werden. Aber ich bin einfach nur froh, eine Hebamme gefunden zu haben.

Und im nächsten halben Jahr läuft alles weitestgehend gut. Mit mir, meiner Schwangerschaft und auch meinen Hebammen. Ja, die engmaschige Betreuung mit Hebamme und Frauenarzt (die mich beide gleichermaßen sehen wollen – bringt ja auch Geld) ist etwas übertrieben und auch manchmal anstrengend und nervig. Und es nervt auch oft, ständig teure Produkte oder Massagen angeboten zu bekommen. Aber auf der anderen Seite: Ich arbeite bereits nicht mehr, habe also Zeit, häufig vorbei zu schauen. Ich habe Zeit, mich regelmäßig zur Akupunktur auf die Liege zu legen – und es tut mir gut. Die Ichias-Probleme, die ich seit Jahren habe, sind wie weggeblasen. Ich habe Verständnis für die finanziellen Situation einer Hebammen-Praxis und schlage freundlich, aber vehement alles ab, was ich wirklich nicht noch zusätzlich brauche. So bin ich zwar praktisch wöchentlich oder sogar öfter da, fühle mich aber bei den meisten Hebammen gut aufgehoben (außer der Chefin, aber die sehe ich kaum), besonders bei einer jungen Griechin, die mich meistens betreut.

Wichtig nach der Geburt: eine Hebamme

Spulen wir etwas vor …

Wieder ein Info-Abend. Dieses Mal informiert die junge Griechin uns über die Abläufe nach der Geburt. Wie informieren wir die Praxis darüber, dass das Kind auf der Welt ist? Wann kommt die Hebamme? Et cetera und so weiter. „Leider können wir euch nicht mehr am Wochenende betreuen“, heißt es dann. Im Raum breitet sich Unruhe aus. „Wir haben nicht mehr genügend Personal.“ Nach der fünfzehnminütigen Pflichtveranstaltung watscheln die überrunden Bäuche unzufrieden aus dem Raum. „Zeitverschwendung!“, höre ich sie raunen. „Keine Betreuung am Wochenende“ bleibt in der Luft hängen. Ich bin sicher nicht die Einzige, die hofft und bangt, bloß nicht an einem Freitag aus der Klinik entlassen zu werden.

… und noch etwas weiter …

Ein paar Wochen später (fünf Wochen später als von Hebammen und Frauenärztin gleichermaßen befürchtet – aber man kann sich ja mal irren) geht das Abenteuer endlich richtig los. Ich bin erleichtert, dass es endlich soweit ist. Angst habe ich keine, während ich mit schrecklichen Schmerzen in sehr engem Abstand im Hausflur liege und gegen die Übelkeit kämpfe, während draußen in der Nacht der Regen prasselt und ich warte, dass mein Mann mit dem Carsharing-Auto kommt. Ich fühle mich nur allein und wünsche mir, die Hebammen im Kreißsaal wären ans Telefon gegangen als ich zweimal dort anrief, unsicher angesichts des Geburtsstarts abseits vom Plan. Sie hatten doch versprochen, dass wir anrufen können, wenn wir uns unsicher sind! Aber, nein, Angst habe ich keine. „Ich werde schon klar kommen“, denke ich. So muss es doch sein, wird einem oft genug gesagt: Sei positiv, bleibe entspannt, dann wird die Geburt ein Klacks!

Knapp einen Tag, einige Komplikationen und unfassbaren Höllenschmerzen trotz PDA später liegt meine positive Einstellung in Trümmern. Ich komme nicht klar. Aber ich muss. Die nette Kreißsaalhebamme hat keinen Dienst auf der Station, das vorhandene Personal ist nur zum Teil hilfreich. Ich kann mich kaum bewegen, aber ich muss. Wir haben (aus reiner Naivität) kein Familienzimmer, nachts bin ich auf mich gestellt. Die Nachtschwester hat keine Zeit für mich.
Das nette Personal fragt mich, ob ich eine Nachsorgehebamme habe. Sie seufzen oder verdrehen die Augen, wenn ich die Hebammen-Praxis erwähne. Ich bin nicht skeptisch. Bislang war alles okay. Das weniger nette Personal faucht mich bei Stillfragen an, ich solle es eben richtig machen.

Schließlich dürfen wir das Krankenhaus verlassen. Ich kann mich weiterhin kaum bewegen, aber es muss gehen. Es ist ein Freitag.

Wir sind doppelt stolz, als die Hebamme am Montag zum ersten Mal zu uns kommt. Stolz auf unser wunderschönes gesundes Kind. Aber auch stolz, dass wir die ersten Tage zu dritt allein und ohne Hilfe gemeistert haben. Das Kind wird bestaunt, gewogen, schnell versorgt. Ein paar Fragen werden beantwortet, dann ist die Hebamme wieder auf dem Weg zur nächsten Familie.
Die nächsten Tage verlaufen ähnlich: Wir bekommen am Abend spontan ein Zeitfenster von etwa drei Stunden, an dem die Hebamme am Tag darauf kommt – falls sie kommt. Am nächsten Tag warten wir. Wenn sie da ist, wird entweder das Kind gewogen. Oder es kommt eine Pflegerin und versorgt meine Wunden (ich habe weiterhin große Schmerzen, die mich noch eine ganze Weile begleiten werden). Länger als zehn, fünfzehn Minuten, vielleicht maximal eine halbe Stunde ist keiner da. Fragen nach der Geburt, nach meiner Befindlichkeit, werden runter gerasselt und von der Checkliste abgehakt: „Wie lange dauerte die Geburt?“ Check. „Gibt es Eintragungen über Besonderheiten im Mutterpass?“ Check. „Weinst du oft?“ Check. „Irgendwelche Verletzungen?“ Check.
Wir wissen nie, wann jemand kommt oder wer. Mal ist es eine Hebamme, die ich von der Vorsorge kenne, mal die Chefin, mal die eine Pflegerin, mal die andere. Manche nehmen sich ein paar Minuten, um Fragen zu beantworten und wir plaudern kurz. Bei anderen bin ich froh, wenn sie wieder weg sind.

Mutter und Kind

Eine gefühlte Ewigkeit, aber doch nur vier Tage später

Donnerstagnacht, noch keine Woche zu Hause. Ich wache mit starken Schmerzen in der Brust auf. „Ich komme schon klar“, denke ich und versuche, weiter zu schlafen. Am nächsten Tag mache ich alles, was ich von den Hebammen zur Bekämpfung von Milchstau und Brustentzündung eingetrichtert bekommen habe: Wärmen, massieren, stillen, kühlen, und wieder von vorne. Am Abend habe ich 40 Grad Fieber. Ich rufe schließlich in der Hebammen-Praxis an. Es ist nur noch die Assistentin da, die mir nicht weiterhelfen kann. „Fahr ins Krankenhaus“ ist ihr einziger Tipp. Und das tue ich dann auch – krank, ängstlich und ohne Kind. Warum war an diesem Tag keine Hebamme zur Nachsorge bei mir gewesen?

Das Krankenhaus behält mich fünf Tage da. Ich bin am Boden zerstört. Eine Hebamme sehe ich in dieser Zeit nicht (außer meiner Kreißsaal-Hebamme, die mich zufällig in den Krankenakten wiedererkennt , mich besuchen kommt und fragt, ob ich über die Geburt sprechen möchte). Nach meiner Entlassung wird mein Krankenhausaufenthalt nicht weiter thematisiert.

Das Ende naht

Kurz darauf: Ich sitze mit der Hebammen-Chefin am Küchentisch. Ich habe immer noch Schmerzen, ich bin müde. Meine Tage bestehen aus Stillen, Stillen, Stillen – gut zehn Stunden am Tag sitze ich mit Kind an der Brust auf dem Sofa und versuche alles nach Anleitung zu machen. Es ist heiß. Die Chefin schiebt ihre Sonnenbrille zurecht, tippt auf ihrem Handy herum und hakt ihre Listen ab.
„Dein Kind nimmt nicht genug zu“, sagt sie. „Du musst öfter stillen. Dein Kind braucht alle drei Stunden etwas. Auch nachts.“
„Ich kann nicht noch öfter stillen. Ich stille schon zehn Stunden am Tag! Noch öfter geht nicht!“, entgegne ich, den Tränen nahe.
„Du musst. Das ist nicht genug. Das wird die Kinderärztin bei der U3 auch sagen! Wenn es nicht geht, musst du mit der Flasche zufüttern. Stelle dir für die Nacht einen Wecker! Alle drei Stunden!“
Dann verschwindet sie. Ich bleibe verzweifelt zurück.

Ich versuche es in der nächsten Nacht und stelle mir einen Timer auf alle zwei  Stunden. Es funktioniert nicht. Mein Kind hält nichts davon, geweckt zu werden.
Am nächsten Tag schieße ich alle Ratschläge meiner Hebamme in den Wind. Ich spreche mit Freunden, Bekannten und Familienmitgliedern mit älteren Kindern. Ich wende mich an La Leche Liga. Alle sind meiner Meinung: „Mach, wie du es für richtig hältst!“ Zum ersten Mal geht es mir etwas besser. Meinem Kind auch.
Ich muss wohl nicht erwähnen, dass die Kinderärztin schließlich vollauf zufrieden ist – auch mit etwas weniger auf den Rippen, als es der Plan vorgibt.

Bald darauf kommt keine Hebamme mehr zu Besuch. Stattdessen werde ich zu unzähligen Kursen in die Praxis eingeladen. Ich bin froh, aus dem Haus zu kommen und mache alles mit. Dass damit meine Betreuungszeit nach Kassenleistung aufgebraucht ist,  wird mir nicht gesagt.
Es ist keine Hebamme da, als ich ein paar Wochen später dank Reduzierung der Stillzeiten mit Problemen zu kämpfen habe.
Es ist keine Hebamme da, als ich monatelang kaum mal länger als eine halbe Stunde am Stück schlafe.
Ich komme klar. Irgendwie. Weil ich muss.
Die nette Griechin, die mich während der Schwangerschaft betreut hat, habe ich nach der Geburt nie wieder gesehen.

Ja, und? Was soll’s?

Warum komme ich jetzt mit der Geschichte? Wen interessiert mein Gejammer? Was soll’s jetzt noch, zwei Jahre später?
Vielleicht, weil ich endlich mal den ganzen angestauten Frust loswerden will. Noch mehr aber, weil ich mit dieser Geschichte kein Einzelfall bin. Weil viele Frauen in meinem Umfeld ähnlich unzufrieden waren oder ähnlich allein gelassen wurden. Und weil die Situation sich zusehends verschärft. Jede junge Mutter hat in Deutschland Anspruch auf eine Betreuung durch eine Hebamme. Eine Hebamme, die Sorge tragen soll, dass es dem Kind gut geht. Die sich aber auch um das Wohl der Mutter kümmern soll, die Geburtsverletzungen versorgen soll, aber auch Seelsorge ist bei Unsicherheiten, Ängsten, post-traumatische Belastungsstörungen nach einer belastenden Geburt oder bei Wochenbettdepressionen. Doch immer weniger Frauen können diesen Anspruch wahrnehmen. Immer mehr freiberufliche Hebammen stehen vor dem beruflichen Aus, dank riesiger Versicherungssummen. Geburtsstationen werden geschlossen, Frauen werden von Kliniken abgewiesen (in München ist es mittlerweile normal, sich im ersten Trimester der Schwangerschaft für die Geburt anzumelden). Statt einer Nachsorge zu Hause sollen Frauen auf stationäre Sprechstunden und Hotlines ausweichen. Die Zukunft sieht pessimistisch aus.
Und entgegen mancher Stimmen ist eine Hebamme kein Luxus oder moderner Schnickschnack. Geburten werden von Hebammen begleitet, seit Frauen ihre Kinder nicht mehr alleine in einer Höhle bekommen. In Zeiten, in denen immer weniger Frauen sich auf einen großen familiären Rückhalt stützen können, dafür aber umso mehr unter privaten und gesellschaftlichen Erwartungen und/oder einschneidenden Geburtserlebnissen leiden, sind Hebammen wichtiger denn je. Denn ist es nicht egal, wie wir auf die Welt kommen. Um „wohlauf“ zu sein, bedarf es mehr, als überlebt zu haben.
Und erst wenn das sich wieder in den Köpfen unserer Gesellschaft fest verankert, erst dann haben Frauen und Kinder wieder eine Chance auf eine würdige Betreuung bei und nach der Geburt.

Fotos: Unsplash

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 33 Jahre alt und lebt mit Mann und zwei Kindern in München.

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