Freundinnen müsste man sein

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„Das ist mein Freund. Glaube ich“, sagte mein Sohn neulich. Ich bin nicht sicher, wie gut er dieses andere Kind kennt, freue mich aber trotzdem. Denn Freundschaft ist für jeden schön. Wahrscheinlich hat er mit ihm nur mal Seite an Seite im Sandkasten gesessen und sie haben nebeneinander gebuddelt. Aber für einen Vierjährigen kann Freundschaft so einfach sein.
Überhaupt: Wie schön einfach war das doch mit den Freundschaften in der Zeit vor der Einschulung. Man sah im Urlaub am Strand ein Kind im gleichen Alter. Man näherte sich vorsichtig aneinander an, beäugte sich, grub irgendwann neben dem anderen im Sand, bis man schließlich an der gleichen Sandburg baute und fragte: „Willst du meine Freundin sein?” In der Regel bekam man ein Ja und schon hatte man eine neue Freundin. Zumindest für die nächsten paar Tage. Oder vielleicht auch nur für diesen Nachmittag, weil man am nächsten Tag schon zum nächsten Campingplatz, zum nächsten Strand und zur nächsten Freundin weiterfuhr. Möglicherweise hat man nicht mal den Namen dieser neuen Freundin erfahren.
Aber auch zu Hause war es einfach. Man ging beim nächstbesten Nachbarskind vorbei, sagte: „Hallo, hier bin ich!” und schon war die Sache geritzt. Bis zum Schulanfang. Und dann wurde es auf einmal schwierig.

Mädchen Freundinnen

Die Zeit des Schulanfangs nennen viele auch „Wackelzahnpubertät” und vielleicht ist da etwas dran, an dieser Mini-Pubertät. Denn viele Dinge, die vorher selbstverständlich waren, sind plötzlich schwierig. Wo man vorher genauso sein wollte wie alle anderen, beginnt man langsam, sich abzugrenzen. Jungs und Mädchen finden sich plötzlich doof und wo es vorher nur Freundinnen gab, gibt es plötzlich Pferdemädchen und Nicht-Pferdemädchen. Sportlerinnen und Nicht-Sportlerinnen. Coole und Nicht-Coole. Anführer und Mitläufer. Trendsetter und diejenigen, die schon verloren haben, egal, was sie machen. Freundschaft wird plötzlich zu einem wertvollen Gut, einem Goldschatz, einer Ware, die einem allerdings auch jederzeit genommen werden kann. Dabei ist es gut, möglichst viele Freundschaften anzuhäufen, aber dennoch möglichst auch ein oder zwei Haupt-Freundinnen an Land zu ziehen. Man baut sich quasi einen Freundschaftsharem auf, aber wehe eine läuft ins feindliche Lager über! Schon liegt ein kleiner, gefalteter Zettel auf deinem Platz mit den Worten: „Hallo, ich bin jetzt nicht mehr deine Freundin, sondern die Freundin von X!” Aus und vorbei. Zumindest bis man den Schatz von X zurück erobern kann. So wird ein Schultag ein Kriegsschauplatz mit mehreren Siegen und Niederlagen innerhalb weniger Stunden.

Und so wird man älter und kämpft und bildet Banden, die sich irgendwann verfestigen und die meisten sich positioniert haben: „Ich gehöre hierhin und nicht dorthin. Ich bin Punk und nicht Popper.” Oder: „Ich bin Sportler und nicht Künstler.” Vielleicht weiß man auch gar nicht, was man ist. Aber man weiß zumindest, was man nicht ist.
Werden Freundschaften jetzt also wieder einfacher? Nicht die Bohne! Denn mit der wahren Pubertät begibt man sich auf zwei lebenswichtige Suchen: Nach DEM Einen und nach DER Einen (oder vielleicht auch auch andersrum oder ohne DEM, wer weiß). Denn Freundschaften sind weiterhin eine ernste Angelegenheit. Man braucht eine BFF und das „Forever” steht darin nicht zum Spaß. Während erste Liebesbeziehungen meist noch dem Ausprobieren dienen, haben die Freundschaftsbeziehungen dieser Jahre das Ziel, den Hafen der Freundschaftsehe einzulaufen. Scheidung ist dabei verpönt und vom Freundschaftspapst untersagt. Glücklich, wer diese Zeit ohne ein gebrochenes Herz verlässt.

Freundinnen in den Zwanzigern

Aber, ach, was rede ich. Ich bin längst erwachsen. Ich habe die Schule hinter mir gelassen. Genau wie das Studium und die wilde Zeit des Berufsanfangs. Meine Freundschaftsehefrauen der Jugend sind längst ausgezogen. Zu manchen halte ich noch sporadisch Kontakt, andere sind längst im Nebel der Zeit verschollen und eine Facebook-Verbindung ist das einzige, was an die ehemals große Liebe erinnert. Man hat neue Freundschaften geschlossen. Manche waren Liebe auf den ersten Blick, manche begannen mit einem kleinen Flirt und wurden zu einer dollen Verliebtheit. Manche waren von vorneherein nur ein One Night Stand, eine kleine Ablenkung, eine Überbrückung. Jeder zog seines Weges und die meisten verlor man dabei aus dem Blick. Oft war das okay, bei manchen wird man wehmütig, weil man sich eigentlich doch sehr gerne mochte. 
Ja, ich bin jetzt erwachsen und natürlich habe ich weiterhin Freundinnen. Aber es ist nicht mehr so einfach wie mit vier, als man fragte: „Wollen wir Freunde sein?” und damit war die Sache beschlossen. Und es ist auch nicht so einfach wie mit zehn, als ein kleines Zettelchen die Sache rigoros beendet hat (wenigstens für ein paar Stunden). Manche Freundin sehe ich monatelang, ja unter Umständen sogar jahrelang nicht. Das ist traurig, aber sie sind dennoch meine Freundinnen. Bei anderen ist die Freundschaft eingeschlafen, auch wenn man gar nicht so recht weiß, warum eigentlich. Und, überhaupt, was definiert eine Freundschaft Ü30 überhaupt? Während Kinder schon Freunde sind, wenn sie in den gleichen Kindergarten gehen, kann ein Status auch unter Frauen undefiniert bleiben, die sich über Wochen und Monate zu regelmäßigen Dates treffen. Der Satz „Ich treffe mich mit einer …” bleibt unbeendet, denn man weiß gar nicht so recht, womit man sich trifft. Ist das schon Freundschaft, wenn man sich gut leiden kann? Oder nur eine Bekanntschaft? Vielleicht eine Frekannte? Oder man spricht von einer … Ja, was? Einer „ehemaligen Freundin“, weil man sich lange nicht gesprochen hat? Einer „alten Bekannten“? Einer „Freundin“ und ignoriert, dass man geghostet wurde? Und ist eine Schulfreundin überhaupt noch eine Freundin, wenn man einmal im Jahr auf ein „Wie geht’s?” mit „Gut, was machen die Kinder?” antwortet? Kann man Ü30 noch gemischtgeschlechtliche heterosexuelle Freunschaften schließen? Und was ist eigentlich mit Freundschaften unter Kollegen?

Senoren Freundinnen

DEN Einen (der in dem ein oder anderen Fall eine DIE geworden ist) haben die meisten von uns gefunden (zumindest in meinem Umfeld). Vielleicht auch DIE Eine. Oder zwei. Oder drei. Oder zehn. Freundschaft unter Frauen ist auch in der Mitte des Lebens noch ein nebulöses Mysterium. Aber neben der staatlich anerkannten Ehe, für die man eine Unterschrift unter ein Dokument gesetzt hat, ist man nicht mehr unbedingt auf der Suche nach einer zweiten. Man wird polygam und genießt eine Affäre, ohne spätestens beim dritten Date „The Talk” führen zu müssen. Vielleicht wird eine ernste Beziehung daraus, vielleicht aber auch nicht. Alles kann, nichts muss in unserer verwirrend komplizierten freien Freundschaftsliebe.

Und das ist doch auch schön. 

Mehr zum Thema: Am 17.10.2019 erscheint das neue Buch „Freundinnen: Die andere große Liebe – nur besser“ von Corinne Luca. Unbedingt kaufen!

Fotos: Unsplash

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 34 Jahre alt und lebt mit Mann und zwei Kindern in München.

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