Mutter an Weihnachten
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Die Sache mit der Gleichstellung

Ich halte mich eigentlich für eine moderne Frau.
Ich habe nicht geheiratet, um „versorgt“ zu sein, wir haben weiterhin getrennte Konten. Die Miet- und Kinderbetreuungskosten teilen wir uns prozentual nach unseren Gehältern auf. Sogar das Kind bezahlt alles selbst von seinem „Gehalt“ und was vom Kindergeld übrig bleibt (und, ja, es bleibt fast immer etwas übrig), geht aufs Sparbuch. An Arbeitstagen isst jeder auf der Arbeit/in der Kita, abends gibt es eine gemeinsame zubereitete Brotzeit. Ansonsten wird die Hausarbeit mehr oder weniger fifty-fifty aufgeteilt (oder bleibt auch gerne mal liegen) und wer gebügelte Hemden oder Blusen haben will, der muss sie eben bügeln. Ich bin mit diesem System zufrieden. Auch wenn es mich in den Augen vieler, gerade älterer Generationen, zu einer schlechten Mutter/Ehefrau/Hausfrau macht. Ich sehe das anders, mein Mann zum Glück auch. Und ich hoffe, dass mein Kind versteht, dass ich ihm alles gebe, was ich geben kann. Nicht mehr, nicht weniger.

Eine Gefahr für die Gleichstellung

Neulich sorgte ein Spiegel-Artikel in meinem Umfeld für Aufsehen, der grundsätzlich eine richtige und wichtige Meinung vertritt: Care-Arbeit ist wichtig, sollte entsprechend entlohnt werden und ist keine reine Frauensache. Das kann ich voll und ganz unterschreiben. Doch hängen blieb aus diesem Artikel ein Satz, vor allem auch deshalb, weil er unglücklicherweise zur Überschrift herangezogen wurde: „Bestimmte Rollenkonstellationen wie die berühmten Cappuccino-Mütter sind schon eine Gefahr für die Gleichstellung.“ Instinktiv nicke ich erstmal: Ja, ja, die gemeinen Cappuccino-Mütter! Doch dann stutze ich und fühle mich – gerechtfertigt oder nicht – angesprochen. Denn weiter heißt es: „Sie machen dieselbe klassische Arbeitsteilung wie ihre Mütter, sagen aber, sie hätten sich das selbst ausgesucht. Das würde ich als Rollback bezeichnen, wenn Frauen dies als Selbstbestimmung definieren, anstatt auf die Strukturen zu gucken, die dazu führen.“ Ich sehe mich als moderne Frau. Mir war immer klar, dass ich auch mit Kind weiter arbeiten würde. Mir war aber auch immer klar, dass ich die volle Elternzeit nehmen und danach nur in Teilzeit zurück in den Beruf gehen würde. Mein Mann ist der Hauptverdiener in unserem Haushalt. Man kann also sagen, dass unsere Familie einem recht klassischen Rollenbild entspricht.
Bedeutet das, ich bin eine dieser Cappuccino-Mütter?

Kaffee und Kuchen

So ungefähr sieht das Leben einer modernen Mutter aus. Oder auch nicht.

Viva la revolution! Und: Kaffee, man gebe mir Kaffee!

Cappuccino also, ein Kaffeegetränk mit Milch. Finde ich gut. Genau genommen bin ich unpassenderweise überhaupt erst im letzten Schwangerschaftstrimester auf den Geschmack gekommen. Hatte ich vorher nie viel für Kaffee übrig, gehört seither eine Tasse zu einem kleinen Glücksmoment in meinem Tagesablauf. Was für eine Katastrophe, als die Senseo kaputt ging! Der neu gewonnene Kaffeegenuss war aber mehr ein verzweifeltes Klammern an einen kurzen Glücksmoment in einem sehr schwierigen Babyjahr mit allem drum und dran, Monate mit maximal einer Stunde Schlaf am Stück und vor allem keinen Großeltern, keinen Freunden, keinen Babysittern, die mal einspringen konnten. Gemütliches Cappuccino-Schlürfen im Café? Absolut unmöglich. Nicht zuletzt schon deshalb, weil ein regelmäßiger Café-Besuch trotz gerechter Kostenaufteilung mit meinem mickrigen Elterngeld schlichtweg nicht machbar war. Aber auch davon abgesehen kenne ich tolle Frauen, die ihre Elternzeit gemütlich im Café verbraucht haben. Das beruht vor allem auf einem: glücklichen Umständen.
So viel also zum Kaffee. Aber kommen wir zurück zu der Selbstbestimmung und den Strukturen.
Ja, ich habe selbst bestimmt, dass ich zu Hause bleiben und danach in Teilzeit gehen möchte. Warum? Ganz klar: Work-Life-Balance! Dass ich die Möglichkeit dazu habe, ist nicht nur der gegebenen Männerdominanz unserer Gesellschaft geschuldet. Es liegt auch daran, dass es in der Kinderbetreuung nach wie vor ein Machtmonopol seitens der Mütter gibt. Sagt eine Mutter, dass sie die volle Elternzeit nehmen will, dann wird das in der Regel durchgesetzt – völlig ungeachtet dessen, ob der Vater möglicherweise lieber fifty-fifty gemacht hätte.
Selbstbestimmt war auch die Berufswahl, die mein naives Neunzehnjähriges Ich für mich getroffen hat: Nein, ich habe trotz einem Magister in Literaturwissenschaft nie die Not gehabt, einen Taxischein machen zu müssen und war zum Glück nie länger arbeitslos. Dennoch hat mein Mann als Ingenieur eindeutig die finanziell sinnvollere Wahl getroffen. Nun kann man natürlich darüber streiten, ob dieses Gehaltsgefälle an der männlichen oder weiblichen Dominanz in den jeweiligen Berufsfeldern liegt (was ich nur bedingt bestätigen kann). So bleibt aber doch am Ende das kapitalistische Grundprinzip, dass manche Güter einfach mehr Umsatz machen als andere.

Vor der Gleichstellung: das traditionelle Frauenbild

Ach ja, früher war eben doch alles besser. Aber … wann früher?

Nun wäre es natürlich fairer und feministischer gewesen, gegen die althergebrachten Strukturen aufzubegehren. Da muss man sich aber nun erstmal die Frage stellen: Was genau sind die Strukturen, in denen ich mich bewege?
Räumen wir hier erstmal mit einem grundsätzlichen Missverständnis auf, das gerne von konservativen Gegnern der Fremdbetreuung eingeworfen wird: „Eine Mutter muss bei ihrem Kind bleiben. Das war schon immer so.“ Diese Idealvorstellung des deutschen Muttermythos von einer Mama, die sich mit vollster Inbrunst und Leidenschaft komplett ihrem Kind widmet, ist, nun ja, weniger „schon immer“, als vielmehr ein Ausdruck weniger Jahrzehnte des letzten Jahrhunderts. Zuvor arbeiteten Frauen selbstverständlich, täglich. Sie verrichteten Schwerstarbeit auf dem Hof, im Geschäft oder einfach im Haushalt ohne Waschmaschine oder Staubsauger. Nebenbei bekamen sie ein Kind nach dem anderen, für die wenig Zeit für Kuscheleinheiten oder Bastelstunde blieb. Frauen, die es sich leisten konnten, engagierten gleich nach der Geburt eine Gouvernante oder gaben das Kind zur Amme, wo es seine komplette Kindheit von Fremdbetreuung zu Fremdbetreuung ging.
Das Bild der Vollzeit-Mutter ist also weniger eine Struktur als viel mehr eine kurze Mode, die gerade im auslaufen ist.
Natürlich ist sie weiter vorhanden. Sie lebt noch in den Köpfer derer, die mich für eine schlechte Mutter halten, weil ich arbeite. Sie lebt noch in ländlichen Gebieten, wo es weiterhin normal ist, drei Jahre oder länger zu Hause zu bleiben.
Aber daneben existieren auch andere Strukturen.
Aus Gründen, die wir manchmal selbst nicht so genau verstehen, wohnen wir in der teuersten Stadt Deutschlands. Trotz zwei Akademikergehältern ist es für uns unmöglich, auf ein Gehalt zu verzichten. Länger als die staatlich unterstütze Elternzeit zu Hause zu bleiben war also nie eine Option. Wir können von Glück sagen, dass wir es uns dank halbwegs bescheidener Luxusansprüche trotz allem leisten können, uns Zeit mit unserem Kind zu erkaufen. Entgegen des vorherrschenden Systems: Denn ein großer Teil der sowieso schon knappen Kita-Plätze werden hier ausschließlich an Vollzeit arbeitende Eltern vergeben.

Was bin ich nun? Eine Gefahr für die Gleichstellung, eine Cappuccino-Mum, die sich brav dem System anpasst? Oder eine Revoluzzerin, die sich gegen die herrschenden Strukturen stellt?
Weder noch. Ich bin einfach nur eine Frau, Mutter, Partnerin, Bestandteil einer Familie, die wie jede andere auch, versucht, für jedes Mitglied die größtmögliche Zufriedenheit zu schaffen.
Ich finde, man kann nicht mehr von mir verlangen. Aber auch nicht weniger.

Fotos: Unsplash

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 32 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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3 Kommentare

  1. Liebe Larissa, wirklich kein einfaches Thema… Was ist eigentlich ein Cappuchino Mutter? (-; Ich denke, es liegt einfach in der Natur der Sache, dass ein Kind zumindest anfangs mehr auf die Mutter fokussiert ist, vielleicht, weil es in ihrem Bauch war, und ich vermute, wenn es anders wäre, wäre auch die ganze Verteilung anders. Ich finde es schade, dass überhaupt so große Diskussionen daraus gemacht werden, und Müttern das Leben dadurch nicht einfacher gemacht wird. Ich denke, jede Frau findet für sich den richtigen und besten Weg, und das darf dann auch bewertungsfrei akzeptiert udn anerkannt werden.

  2. Danke für diesen wirklich tollen Beitrag! Ich bin da ganz deiner Meinung, auch wenn ich selbst noch nicht in der Situation wie du steckst. Aber ich denke, ich werde es so oder so ähnlich handhaben 🙂
    Liebe Grüße
    Jana 🙂

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