Die Sache mit der Zeit
Kommentare 1

Die Sache mit der Zeit

Neulich haben wir uns mit unserem alten Team zum Abendessen getroffen. Meine ehemalige Teamleiterin, eine kluge, wenn auch gerne kontrovers-betrachtete Frau in ihren frühen Fünfzigern kenne ich als eine ziemlich typische Karrierefrau: kinderlos, ambitioniert, energisch, immer voran, voran, voran. Nun berichteten wir alle von unseren neuen Jobs, wo es uns in den letzten zwei Jahren seit der Schließung unseres Teams hin getrieben hat.
Sie erzählt: Nur wenig Verantwortung habe sie in ihrer neuen Stelle. Alles gehe sehr sehr langsam. Ideen bräuchten Jahre, bis sie verwirklicht werden. Wenn überhaupt.
Irgendwann unterbricht eine Kollegin sie mit großen Augen: „Nun sag einmal, wie geht es dir denn damit? Ich habe dich doch als eine ganz andere Person kennengelernt!“
„Tja“, sagt die ehemalige Teamleiterin, „ich habe etwas ganz Wichtiges für mich entdeckt: Work-Life-Balance!“

Die Sache mit der Zeit

Foto: Unsplash

Seit ich Mutter bin, bin ich sensibilisiert auf das Wörtchen „Zeit“: Da ist man entweder „Vollzeit-Mutti“ oder gar keine Mutti, weil man Vollzeit arbeitet. Oder man steckt in der „Teilzeitfalle“. Mal ganz davon abgesehen, dass jede Familie einen anderen Weg für richtig hält und kaum jemand die Möglichkeit hat, den Weg so zu gehen, wie er es am liebsten hätte: Ich fühle mich nicht in der Teilzeit gefangen. Im Gegenteil: Ich bin mit meiner Zeit so zufrieden wie nie. Vor zwei Jahren bestand meine Zeit zu 100 % aus mir. Und das waren definitiv einige Prozent zu viel. Vor einem Jahr waren es dann 100 % Kind und damit fühlte ich mich gleichermaßen über- und unterfordert. Heute sind es etwa 60 % Kind und 40 % Arbeit und in einem Jahr wird es schon wieder anders aussehen. Klar, am Ende des Tages fehlt immer noch die Zeit an allem – vor allem an der Zeit für mich. Manchmal kann ich abends noch eine Folge Mad Men gucken. Oft sitze ich aber auch so lange noch im Kinderzimmer, dass ich anschließend gleich selbst ins Bett gehe. Aber auch das wird sich mit der Zeit ändern, da bin ich mir sicher.
Ich empfinde die Teilzeit nicht als Falle, ich empfinde sie als Geschenk. Because: Work-Life-Balance. Es ist die Möglichkeit, meine Zeit unter allem aufzuteilen, was mir wichtig ist: meinem Kind und meinem Tatendrang. Und wenn man schon ein Label für Mütter wie mich finden muss, warum nennt ihr uns dann nicht einfach ausbalancierte Mutti? Was ist so verkehrt daran, seine Prioritäten in passend große Kuchenstücke aufzuteilen?

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 32 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

Letzte Artikel von Larissa//No Robots Magazine (Alle anzeigen)

1 Kommentar

  1. Liebe Larissa,
    ich finde das genau richtig und kann dich nur untersützen. Ich empfinde eine so realisierte Work Life Balance als äißerst wertvoll. Das wichtigste ist doch, dass man erfüllt ist, mit dem was man tut. Und dazu gehört neben der Familie und Kindern für die meisten auch eine Arbeit, die gewisse Herausforderungen, Abwechslung und Potential für die persönliche Entwicklung liefert. Mach weiter so und alles Liebe!

Schreibe eine Antwort