Wikinger
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Die Wikinger

(K)ein Volk aus dem hohen Norden

Diese Wikinger, die sind schon ein faszinierendes Völkchen. Diese wilden, bärtigen, struppigen Kerle aus dem Norden setzten sich einfach in ihre kleinen Bötchen und zogen los in die Welt, verbreiteten Angst und Schrecken und waren praktisch die Terroristenplage des Frühmittelalters – aber dabei auch noch so romantisch! Nicht umsonst beschäftigen sich zahlreiche Romane, Filme und Serien mit dem Thema. Nur, wie das immer so ist, wenn Fantasie und Hollywood sich einmischen: Unser Bild vom Wikinger hält der historischen Forschung nicht lange stand.

Der grundlegende Fehler manifestiert sich schon im ersten Satz dieses Artikels: Die Wikinger waren nämlich bei weitem kein „Völkchen“, sondern vielmehr eine Berufsgruppe, wenn überhaupt. Das Volk, von dem wir hier sprechen, lässt sich grob als „Skandinavier“ eingrenzen. Oder eben als „Nordmänner“ oder skandinavisch „Normannen“, die Namensgeber der französischen Normandie. Der Wort „Wikinger“ bezieht sich jedoch nur auf Menschen, die auf „víking“ gehen, sprich: zur See fahren. Ein Wikinger ist also nur ein Bewohner des heutigen Norwegens, Schwedens oder Dänemarks (später auch Islands), der zwischen 800 und 1060 aus irgendeinem Grund eine längere Schifffahrt gemacht hat. Die Menschen dieser Region haben zwar kulturelle Gemeinsamkeiten wie Religion und Recht, sind aber dennoch nicht als homogenes Volk anzusehen.

Wikinger

Foto: Unsplash/Steinar La Engeland

Das Bild des grausamen Wikingers entstand mit dem Beginn der sogenannten Wikingerzeit: beim berühmten Überfall auf das englische Kloster Lindisfarne am 8. Juni 793, bei dem zahlreiche Mönche misshandelt, verschleppt oder ermordet wurden. Während Skandinavier zu dieser Zeit kaum schriftliche Aufzeichnungen hinterließen, dokumentierte Higbald von Lindisfarne die Ereignisse in Briefen an seinen Kollegen Alkuin in York. Durch diese Zeugnisse bekommen wir ein recht gutes Bild der Grausamkeit und Mordlust der plündernden Wikinger.

Diese reisten mit ihren einzigartigen Booten aber selbstverständlich nicht nur an die englische Küste, sondern zogen auch brandschatzend und plündernd durch Frankreich und das Rheinland, ja sogar bis nach Südspanien. Dabei muss man allerdings bedenken, dass die Aufzeichnungen sehr einseitig von den Opfern stammen und damit parteiisch eingefärbt sind – und zudem nur einen Teil der skandinavischen Seefahrten betreffen. War ein „víkingr“ zu Anfangs oft noch ein Krieger, der im Alter einen normalen Platz in der Gesellschaft zurückfand, handelte es sich später zunehmend um Kriminelle, die man auch in der Heimat nicht mehr haben wollte. Interessant ist dabei, dass man kaum archäologische Funde im skandinavischen Raum von der reichen Beute der Wikinger gemacht hat. Das zeigt, dass die Räuber ihre Schätze nicht zurück in die Heimat brachten – vermutlich weil sie selbst nicht zurückkehrten.

Neben dem „víkingr“ fuhren aber auch durchaus ehrliche und friedliche Leute zur „víking“ (oder zumindest war eine „víking“ nicht immer mit Plünderung gekennzeichnet). Die alten Skandinavier waren mit ihren ausgezeichneten Schiffen nicht nur geschickte Seeräuber, sondern auch globale Händler. Wichtige inner-skandinavische Handelsplätze waren zum Beispiel Haithabu im heutigen Schleswig-Holstein, das im 10. Jahrhundert zum bedeutendsten Handelsort im westlichen Ostseeraum aufstieg. Oder Birka auf der Insel Björkö, ca. 30 km westlich von Stockholm, als wichtigster Handelsplatz in Nordeuropa. Hier wurde mit typisch-nordischen Gütern gehandelt, wie zum Beispiel Pelzen. Es wurden aber auch exotische Waren wie Seide oder Gewürze verkauft. Ihre Handels- und Entdeckungsreisen führte die Skandinavier durch die gesamte damals bekannte Welt und darüber hinaus. Sie zogen über die Wolga und andere Flüsse gen Osten, bis weit ins heutige Russland hinein, bis hinunter zum schwarzen Meer nach Istanbul (bzw. damals Konstantinopel) und bis nach Bagdad. Gen Westen besiedelten sie Island und Grönland und kamen als erste Europäer auf den amerikanischen Kontinent.

Viele Wikinger kehrten nicht von ihrer Seefahrt zurück. Manch einer ließ sein Leben auf See oder im Kampf. Viele ließen sich aber auch in den Plünderungsgebieten nieder. Die skandinavischen Seefahrer besiedelten Island und Grönland. Sie gründeten Dublin und die Normandie. Aber auch ihre Plünderungsfahrten in ihre Lieblingsregion, die Ostküste Englands, führten langfristig zu (naturgemäß mehr oder weniger) friedlichen Siedlungen. So lässt die Endung -by (skandinavisch „Ort“) auf eine von Wikingern gegründete Ortschaft schließen (zum Beispiel Derby). Aus den Seefahrern wurden Bauern, sie ließen sich nieder, heirateten einheimische Frauen und verschmolzen so im Laufe der Zeit mit der angel-sächsischen Bevölkerung. Das kulturelle Erbe sehen wir noch heute: Die Sprache der Eroberer vermischte sich nach und nach mit der der Einheimischen. Sie brachten ihre Vokabeln mit, besonders erkennbar an Worten mit dem Stamm sk-, zum Beispiel „sky“ (engl. Himmel/norw. „Wolken“). Aber sie veränderten auch die englische Grammatik massiv und vereinfachten das deutschstämmige Altenglisch – und legten damit die Grundsteine für die Weltsprache Englisch. Und so begleitet uns das kulturelle Erbe der zotteligen Wüteriche aus dem Norden noch heute. Und das sogar ganz friedlich.

Quellen:

Wikipedia – Wikinger
Wikipedia – Wikingerzeit
Wikipedia – Lindisfarne
Zeit.de
Spiegel Online

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe „#4 Freaks & Geeks“ des No Robots Magazines. Lies hier kostenlos das komplette Magazin!

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 31 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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