Manga
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Manga für alle! Ein Definitionsversuch japanischer Comics

Manga ist der Ursprung einer Subkultur, die viele verschiedene Auswüchse hat. Wer hat sie nicht schon Mal gesehen – die Cosplayer. Leute die als ihre Lieblingsfiguren verkleidet in den Straßenbahnen mit bunten Perücken, langen Schleppen und knappen Kostümen auf dem Weg zu einer Convention sind. Umringt von Leuten, die sich entweder mit ihnen fotografieren lassen wollen oder welche, die fragend den Kopf schüttelnd. Oder nehmen wir mal Anime. Die Zeichentrickserien aus Fernost, von denen die einen nur wissen, dass es angeblich „nur pornografisches Zeug“ ist. Oder eben „nur gewalttätiger Action-Kram“. Das alles hat seinen Ursprung im Manga. Japanischen Comics. Und bevor ich versuche zu definieren, nehme ich eine These, meine These, vorweg: Für jeden von euch da draußen gibt es Manga, die euch gefallen würden. Ihr wisst es nur vielleicht noch nicht.

Was sind „Manga“?

Manga sind formal gesehen japanische Comics.
Die Definition ist aber auch das Problem der Definition. Wer Comics nicht mag oder nicht gut kennt, projiziert das automatisch auf Manga. Der Begriff Manga bezeichnet aber vor allem das japanische Verständnis von Comics. Japanische Comics haben einen eigenen Stil so wie es die franko-belgischen oder amerikanischen auch haben. Wenn man Comics pauschalisiert, setzt man amerikanische am ehesten mit Superhelden-Storys gleich, franko-belgische mit „Tim & Struppi“ und Manga sind die mit den Figuren mit großen Kulleraugen. Das sind alles Vorurteile. Aber es stimmt, dass Merkmale wie die großen Augen oft vorkommen. Aber nicht nur.

Manga

Foto: Pixabay/Ryo Taka

Die Manga-Industrie und was wir darüber bisher nicht wussten.

Nämlich, dass sie riesig ist.
Das Lesen von Comics ist in Japan viel weiter verbreitet, als in europäischen Ländern. Und das Angebot riesig. Manga sind meist als Reihe angelegt und erscheinen in Manga-Magazinen als Fortsetzungsgeschichte, bevor sie bei Erfolg in Taschenbüchern zusammengefasst veröffentlicht werden. Diese Ausgaben beinhalten im Schnitt zwischen hundertzwanzig und zweihundert Seiten. Sie sind praktisch überall verfügbar und kosten frappierend wenig. Ein Manga-Magazin wie das Shounen Jump kostet beispielsweise umgerechnet 1,80 €.

Der Anteil von Manga an Druckerzeugnissen in Japan lag 2002 bei etwa 38,1% [1]. Wie stark die Nachfrage in Japan ist, wird besonders klar, wenn man sich die Verkaufszahlen ansieht. In der ersten Jahreshälfte 2016 wurde Eiichirō Odas Manga „One Piece“ (Band 80) in Japan 2,8 Mio. Mal verkauft und ist somit das bisher meistgekaufte Manga-Taschenbuch des Jahres 2016 (1. Hälfte). In den USA, einem Land mit mehr als doppelt so vielen Einwohnern, brachte es im September 2016 [4] #6 der aktuellen Batman-Reihe auf knapp über 100.000 Ausgaben. Das gibt Aufschluss über die Beliebtheit japanischer Comics, die aber eine ganz bestimmte Ursache hat: die Genre-Vielfalt. Bilder von japanischen Schulkindern wie auch Geschäftsmännern, die in der Straßenbahn sitzen und Manga lesen machen klar: Es gibt für jede Zielgruppe Manga.

Genre und Zielgruppen

Gängiges Vorurteil: „Aber ich habe gehört Manga sind nur was für Jungs | für Mädchen | sind alles Pornos | sind gewaltverherrlichend!“
Unsinn. Das ist als würde man sagen, dass jeder Roman, der je geschrieben wurde, eine Schnulze ist. Es wird jedes Genre bedient. Es gibt Manga über Politik, es gibt Krimis und Thriller. Manga die sich thematisch mehr an Mädchen oder Frauen richten werden als „Shoujo-Manga“ bezeichnet und sind beispielsweise romantische Komödien, historische Dramen, etc. Genauso gibt es „Shounen-Manga“ („Jungs-Manga“) – meist eher action- oder sportlastig. „Silver-Manga“ richten sich an die ältere Generation. Genauso gibt es Manga über homosexuelle Beziehungen („Shounen-Ai“, „Shoujo-Ai“) und natürlich gibt es auch Manga mit sexuellen oder pornografischen Inhalten („Hentai“, „Ero Manga“). Manga kann alles: traurig, zart, hart, gesellschaftskritisch, lustig, edgy, spannend, gruselig, gediegen, realistisch, irre. Der tatsächliche Stil variiert meistens mit den Genres. Die einen quellen über vor Niedlichkeit, die anderen sind hart und realistisch gezeichnet. Die viel schwerwiegendere Frage ist die: Erscheinen auch Manga deines bevorzugten Genres in deinem Land?

Wir erinnern uns an die Zahlen der Manga-Industrie in Japan – Manga machen dort über ein Drittel der Druckerzeugnisse aus. In Deutschland umfassen Comics (insgesamt! also nicht nur Manga) nur ca. 3 % aller Drucksachen [5]. Hierzulande fallen die meisten Manga in die Kategorie Kinder- und Jugendbuch, weil das die Zielgruppe ist, die hier am besten für Comics funktioniert. Natürlich bringen deutsche Verlagshäuser auch Manga nach Deutschland, die Zielgruppe wird schließlich älter. Nichtsdestotrotz ist Deutschland eins der europäischen Länder mit einer gut laufenden Szene. Das Wachsen des Manga-Areals der Leipziger Buchmesse zur sogenannten Manga-Comic-Con [6] mit einem eigenen Gelände ist ein deutliches Signal.

Vielfalt am Beispiel

Was sind nun aber Manga? Wie sind Manga? Um ein paar Beispiele zu nennen: Jiro Taniguchis „Der geheime Garten vom Nakano Broadway“ handelt von den Entdeckungen eines Mannes bei seinen Spaziergängen. Nostalgisch, ruhig und realitätsnah gezeichnet. Der Manga „×××HOLiC“ der Künstlergruppe CLAMP entführt uns in den Laden der mysteriösen Yuko, die für eine Gegenleistung Wünsche erfüllt. Der Junge Watanuki beginnt bei ihr zu arbeiten, als Gegenleistung dafür, dass er keine Geister mehr sehen muss. Dabei begegnet er verschiedenen Menschen mit dramatischen Geschichten und (alb)traumhaften Sagengestalten, die auf der Suche nach Erlösung zu Yuko kommen. Der Manga „Naruto“ von Masashi Kishimoto umfasst stolze zweiundsiebzig Bände und erzählt die Geschichte eines Jungen, der Ninja werden möchte in einer mittelalterlich-angehauchten, asiatischen Welt und ist mit seinen Lesern gewachsen. Die Geschichte beginnt mit ihm als Kind, das als Störenfried angesehen und gemieden wird. Wir begleiten ihn bei seinem Training, sehen wie er an seinen Hürden wächst und letzten Endes einen grauenvollen Krieg durchlebt. Der Manga „Buddha“ von Osamu Tezuka entstand in den 70er- und 80er-Jahren und erzählt von der Entstehung des Buddhismus. Apropos Buddha: In Hikaru Nakamura Manga „Saint Young Men“ treffen Buddha Shakyamunis und Jesus Christus im modernen Tokio aufeinander, gründen eine WG, erleben Alltagsabenteuer – beispielsweise wenn Jesus beginnt, einen Blog zu führen.

Mit anderen Worten …

Vielleicht hat dieser kleine Definitionsversuch Manga demystifiziert. Es ist schwer, eine so große Industrie, Kunst und ein Medium zu definieren. Das empfand auch schon der als „Manga-Gott“ bezeichnete Osamu Tezuka (1928-1989). Er hat maßgeblich zur Verbreitung des Manga beigetragen und sagte darüber:

„Manga is virtual.
Manga is sentiment.
Manga is resistence.
Manga is bizarre.
Manga is pathos.
Manga is destruction.
Manga is arrogance.
Manga is love.
Manga is kitsch.
Manga is sense of wonder.
Manga is … there is no conclusion yet.“

(Osamu Tezuka)

Quellenangaben

[1] „Manga – sechzig Jahre japanische Comics“ von Paul Gravett (ISBN 3-7704-6549)

[2] wikipedia.org, abgerufen am 14.11.2016

[3] www.animenewsnetwork.com, abgerufen am 14.11.2016

[4] www.comichron.com, abgerufen am 14.11.2016

[5] www.handelsblatt.com, abgerufen am 14.11.2016

[6] www.manga-comic-con.de, abgerufen am 14.11.2016

Stefanie H.

Stefanie, *1988, bloggt auf miss-booleana.de über Filme, IT, Serien und Manga, wenn sie nicht gerade tut was Software-Entwicklerinnen so tun.

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