Familie mit zwei Kindern

Ein Kind ist kein Kind Oder: Die Wirklichkeit über das Leben mit zwei Kindern

„War das … geplant?“ Sie sahen mich an mit einem Ausdruck großer Verwirrung, als ich ihnen erzählte, dass wir noch ein Baby bekommen. „Ja, das war geplant“, antworte ich. „Aber nicht mit Verstand.“ Und lache. Aus Freude, aus Selbstironie und mit Sicherheit auch ein bisschen aus Panik. Keiner hat damit gerechnet, dass wir noch ein zweites Kind bekommen. Wir vermutlich am allerwenigsten. Denn während man beim ersten Kind noch blindlings in sein (Un-)Glück lief, wusste man beim zweiten genau, was auf einen zukommt. Oder glaubte es zumindest, zu wissen. Wir haben lange überlegt und diskutiert, ob wir ein zweites Kind wollen. Eins war ja eigentlich auch schön. Und erfüllend genug, in jeder Hinsicht. Ich hatte mich schließlich entschieden: „Das erste Jahr wird mit Sicherheit die Hölle. Aber, langfristig würden wir es bereuen, wenn wir es nicht versuchen.“ Das überzeugte. „Vielleicht klappt’s ja auch gar nicht.“ Das überzeugte vielleicht noch mehr.
Das war vor anderthalb Jahren. Und nun ist da plötzlich so ein zweiter Dreikäsehoch, der unser Leben kräftig aufmischt – das gefürchtete Höllenjahr ist schon fast halb um. Und kam es wie erwartet? Nein. Kinder kommen wahrscheinlich nie, wie erwartet.

Was ich in den letzten Monaten gelernt habe:

Wann ist der richtige Zeitpunkt für ein zweites Kind?

Wissenschaftler sagen: Der ideale Altersabstand beträgt drei Jahre. Aber seien wir ehrlich: Den ultimativen Altersabstand gibt es nicht, dafür sind die Bedingungen und Lebensrealitäten von Familie zu Familie zu unterschiedlich. Eine Zwanzigjährige hat sicher mehr Ruhe, sich noch Zeit mit dem zweiten Kind zu lassen, als eine Vierzigjährige. Eine Frau, die gerade eine neue Stelle begonnen hat, möchte vielleicht lieber warten, bevor sie schwanger wird, wohingegen eine andere lieber das zweite direkt „hinterher schiebt“ und eine längere Elternzeit macht.

Und ganz davon abgesehen: Wir alle wissen, dass sich Schwangerschaften schlecht planen lassen. Die wenigsten Frauen werden mit dem ersten Versuch gleich schwanger. Auch das zweite Kind kann auf sich warten lassen. Auch beim zweiten Kind passieren Fehlgeburten. Andersrum kenne ich dagegen auch mehrere Frauen, die beim ersten Kind lange gebraucht haben, um schwanger zu werden oder sogar eine Kinderwunschbehandlung machten – und das zweite dann schneller kam als erhofft oder vielleicht sogar geplant. Auch das passiert.

Meine Kinder haben einen Abstand von knapp 3,5 Jahren. Ich hätte einen kleineren Abstand schöner gefunden, aber auch ich musste mich der Realität, in meinem Fall der Arbeitswelt beugen. Ich hatte einen befristeten Arbeitsvertrag und nur ein kleines Zeitfenster, zwischen Vertragsverlängerung und Ende des neuen Vertrags ohne am Ende Probleme mit dem Elterngeld zu bekommen. Glücklicherweise hat es trotz des Drucks geklappt.

Und ist der Altersabstand nun so ideal wie die Wissenschaftler behaupten? Ich persönlich bin froh, dass mein Großer schon „groß“ ist. Ich fand die erste Babyzeit sehr hart und konnte mir lange gar nicht vorstellen, überhaupt ein Zweites zu bekommen. Im Vergleich zu anderen, die ich kenne, die mit zwei Jahren Abstand die Nummer 2 bekommen haben, würde ich sagen, dass hier vieles einfacher lief. Ein knapp Dreijähriger hat eben doch mehr Verständnis dafür, dass da etwas passiert und kann das besser artikulieren und verarbeiten. Er kann auch besser akzeptieren, dass Mama jetzt vieles nicht mehr so gut kann. Ich bin auch sehr froh, nicht mehr zwei Kinder in Windeln zu haben, ganz zu schweigen, dass mir diese riesigen Doppel-Kinderwagen erspart bleiben, weil Kind 1 problemlos längere Strecken laufen oder zumindest mit dem Laufrad fahren kann. Wir haben nicht mal ein Geschwisterboard, weil mir das zu unbequem war. (Wir hatten aber auch nie einen Buggy, daher muss der Große auf nichts verzichten, woran er sich schon gewöhnt hatte.) Sehr schön ist auch, dass ich meinen Dreijährigen durchaus auch mal für ein paar Minuten als Babysitter einsetzen kann.
Auf der anderen Seite erlebe ich bei uns und auch bei anderen in unserem Umfeld, dass nach dem dritten Geburtstag eine massive Autonomiephase eintritt, die das Leben mit Baby nicht unbedingt leichter macht. Dagegen fand ich die Zeit ab dem zweiten Geburtstag bis zu meiner Schwangerschaft sehr entspannend, als der Große schon sprechen und sicher laufen konnte, aber noch nicht so viel mitbestimmen wollte.

Zwei Kinder
Kein Altersabstand kann garantieren, dass Geschwister Freunde werden. Trotzdem glaube (oder hoffe) ich, dass es schön ist, mit Geschwistern aufzuwachsen.

Wie überstehe ich nur die Schwangerschaft mit einem großen Kind?

Ich gebe zu: Ich war nie gerne schwanger. Klar, da waren diese innigen Momente, in denen man ganz in sich rein gefühlt hat. Aber ich habe mich in beiden Schwangerschaften einfach nur neun Monate lang krank gefühlt – und das obwohl ich relativ unproblematische Schwangerschaften hatte. Beim ersten Kind kompensierte ich das damit, dass ich gerade im ersten Trimester jeden Tag nach Feierabend auf dem Sofa lag und vor mich hingejammert habe, warum ich mir das nur antue. Das hätte ich beim zweiten Kind auch gerne getan. Nur leider war da eben schon ein Zweijähriger, der mir ein Buch an den Kopf warf und mich anschrie „Mama, nicht schlafen!“, sobald mir die Augen zufielen. Wie ich das überstanden habe? Da hieß es nur: Augen zu und durch. Oder vielmehr: Augen auf und durch. Ein kleiner Lebensretter waren Wimmelbücher. Während ich dem großen eine Aufgabe gegeben habe („Such mal die Frau mit dem blauen Kleid.“) konnte ich mittels Sekundenschlaf Kraft tanken.

Wie bereite ich das große Kind auf das Geschwisterchen vor?

Ganz ehrlich: Man kann große Geschwister nicht wirklich darauf vorbereiten. Wie auch? Das ist ja selbst für uns Erwachsenen überwältigend. Was nie schaden kann: Darüber reden, Unsicherheiten zulassen, Fragen beantworten (falls das Kind schon welche stellen kann). Welche Bücher man zusammen liest, und ob überhaupt, ob das Baby ein Geschenk mitbringt oder nicht, das ist am Ende Geschmacksache. Nach unserer Erfahrung ist es allerdings empfehlenswert, dem Erstgeborenen auch ein „Mini-Wochenbett“ zu gönnen und ihm nicht aus Prinzip „Business as usual“ aufzuzwingen. Gönnt euch ein langes Wochenende zu viert – der Alltag kommt früh genug.

OMG! Will ich mir eine zweite Geburt antun?

Beschönigen wir es nicht: Viele Frauen empfinden eine Geburt als unglaublich belastend, ja sogar traumatisierend. Auch wenn immer wieder behauptet wird, dass „die Frauen sich früher auch nicht so angestellt haben“: schätzungsweise 40–50 Prozent der Frauen erleben Gewalt unter der Geburt. Dabei sind noch nicht mal die mit einberechnet, die aufgrund von Komplikationen traumatisiert werden. Ich habe die Geburt meines ersten Kindes als unheimlich schlimm empfunden (obwohl sich das Kreißsaal-Team alle Mühe gegeben hat, aber Komplikationen sind nun mal Komplikationen). Ich hatte danach noch monatelang Schmerzen. Kein Wunder, dass ich keine große Lust hatte, das gleich noch mal durchzumachen. Schließlich überwog aber der Wunsch nach einem weiteren Familienmitglied. Und siehe da: Die zweite Geburt war ein Spaziergang im Vergleich zur ersten (trotz ähnlicher Komplikationen und obwohl nicht jeder Helfer so einfühlsam mit mir umgegangen ist, wie er es hätte sollen). Was mir geholfen hat? Lange Gespräche mit meiner Hebamme (die ich zum Glück hatte, was natürlich nicht selbstverständlich ist), eingehende Lektüre und Aufbereitung von dem Erlebten. Auch das Erstellen eines Geburtsplans war hilfreich, was ich zuvor noch total albern gefunden habe (auch, wenn ich während der Geburt beinahe alles über den Haufen geworfen hätte – was die Hebamme eigentlich hätten verhindern sollen). So hatte ich dieses Mal das Gefühl, dass ich dieses Kind auf die Welt gebracht habe, nicht die Ärzte und Hebammen. Das tat unheimlich gut. Selbst die Schmerzen waren sehr viel erträglicher, trotz gleicher Verletzungen. Erstaunlicherweise führe ich das mitunter darauf zurück, dass ich dieses Mal keine PDA hatte.

Auch aus meinem Bekanntenkreis kenne ich ähnliche Geschichten: Mehrere Frauen, die beim ersten Kind zwanzig, dreißig Stunden in den Wehen lagen, hielten ihr zweites Kind nach wenigen Stunden in den Armen. Ja, ich kenne sogar einen Fall, da war die Mutter gerade mal zwanzig Minuten im Kreißsaal! Natürlich kann einem keiner versprechen, dass es so läuft. Aber in vielen Fällen weiß der Körper eben doch schon besser, was zu tun ist. Und die Mutter, wie sie ihr Kind selbstbestimmt zur Welt bringt.

Bruder und Schwester

Ich weiß ja schon alles über Babys … oder?

Babys sind alle gleich. Sie wollen alle drei, vier Stunden etwas essen und sonst schlafen sie den ganzen Tag. Tja. Jede Mutter, die nicht gerade den Prototyp eines Babys erhalten hat, weiß, dass eben nicht jedes Baby gleich funktioniert. Auch Geschwister sind häufig so unterschiedlich wie Tag und Nacht. Das fängt schon bei der Geburt an (siehe oben). Und so geht es dann gleich weiter: Was bei dem einen wunderbar funktioniert hat, kann bei dem anderen eine Katastrophe sein. Trotzdem: Im Grunde wollen ja doch alle Babys das gleiche: einen vollen Magen und Geborgenheit. Und wer sich schon ein bisschen mit Babys auskennt, findet schneller raus, was dieses Exemplar denn nun gut findet oder nicht. Denn die zweite Babyzeit hat einen entscheidenden Vorteil: Man wird eben nicht noch mal Mutter (oder Vater). Das ist man bereits. Daher muss man zwar seinen Alltag neu organisieren, aber man muss sich nicht noch einmal komplett in diese neue Lebenswelt einfinden, die einem beim ersten Kind so umgeworfen hat. Das bringt viel Sicherheit und wirkt sehr entspannend.

So viel mehr als 1+1: Wie ist das Leben mit zwei Kindern?

„Ein Kind ist kein Kind“ – das ist dieser Spruch, der Einzelkind-Eltern so gerne auf die Palme bringt. Und gleich hinterher kommt: „Zwei Kinder sind so viel mehr als eins plus eins“, was dafür sorgt, dass man sich das mit dem zweiten gut überlegt. Und? Was ist nun dran an diesen Aussagen? Um es gleich vornweg zu nehmen: alles und nichts. Wie stressig zwei Kinder sind ist extrem situationsbedingt. Nicht nur im Alltag, sondern eben auch je nach Familie. Wer beim Ersten mit einem „Anfängerbaby“ gesegnet war, mag aus allen Wolken fallen, wenn das zweite nicht ebenso pflegeleicht ist. Besonders diejenigen, die das ausgeglichene Gemüt ihres Kindes ihrer guten Erziehung zugeschrieben haben. Wer schon mit der Profi-Version erprobt ist, weiß dagegen, dass auch ein Kind einen zu 200 Prozent auslasten kann. Kommt da ein weniger fordernder Zeitgenosse hinterher, fällt dieser womöglich gar nicht so sehr auf.

In den Wahnsinn treiben einen natürlich die Situationen, wenn beide Kinder schreien. Gerade, wenn das große von Eifersucht geplagt ist und so lange tobt, bis das kleine mit schreit. Und dann sitzt man da alleine und hat eben nur einen Schoß zum Trösten. Denn gerade bei den Allerkleinsten werden ja in der Regel noch beide Arme benötigt. Da bleibt nicht viel Platz zum Gruppenkuscheln. Mit zwei Kindern (oder vielleicht sogar noch mehr, soll’s ja auch geben) muss man sich eben ständig zweiteilen. Körperlich, aber auch emotional. Das zerrt an allen physischen und psychischen Kräften. Und dann soll es ja noch Elternteile (ja, meistens wohl die Mütter) geben – auch wenn ich es nicht so richtig glauben mag, bis ich so einen Fall treffe –. die müssen sich um alles alleine kümmern, obwohl ein Partner anwesend ist. Wie die das machen? Keine Ahnung. Ich fühle mich jedenfalls wie ein Superheld, wenn ich ausnahmsweise einen Abend alleine mit den Kindern bin und es geschafft habe, beide in ihren eigenen Betten schlafen zu legen.

Zwei Kinder sind mehr als eins plus eins? Nein, finde ich nicht so richtig. Ich finde, es ist genau das: 100 Prozent Kind plus noch mal 100 Prozent Kind auf ein Elternteil. Das funktioniert eben nicht so richtig gut. Im besten Falle ist man natürlich nicht mit beiden Kindern alleine. Aber auch dann: Konnte man sich früher mit der Betreuung abwechseln, gibt’s heute nur noch: „Sollen wir mal Kinder tauschen?“ Zeit für einen selbst? Pustekuchen! Zeit zu zweit? Da kann ich nur lachen. Aber: Beim zweiten Kind weiß man, dass alles nur eine Phase ist. Das wird vorbei gehen. Bald ist Nummer 2 groß genug, um sich Mamas (oder Papas) Schoß mit Nummer 1 zu teilen. Bald kann das Kleine auch mal warten, während man sich um den Großen kümmert. Und ich bin mir sicher, dass es bald auch einfacher wird, dass einer mit beiden Kindern spielt und der andere einfach mal frei hat. Oder – ich mag es kaum wagen, zu hoffen – man wieder Zeit und Kraft für Paar-Aktivitäten hat.

Dann gibt es aber noch ganz andere Situationen. Dann nämlich, wenn das Zweite einfach so „mitläuft“. Weil man nämlich das Große mal eben zum Babysitter bestimmen kann (vorausgesetzt natürlich, der Altersabstand ist groß genug). Oder man verblüfft feststellt, dass ein Dreijähriger und ein Mini-Baby tatsächlich miteinander spielen können (oder vielmehr der Große Spaß daran hat, das Kleine zu bespaßen). Das sind dann die Momente, die ganz und gar nicht „Ein Kind ist kein Kind“ sind. Da ist nämlich plötzlich das zweite Kind „kein Kind“, während man als Erstlingsmama noch vollkommen überfordert war.

Ja, und manchmal, ganz selten, dann kommen dann doch diese „Ein Kind ist kein Kind“-Situationen. Wenn man sich nämlich räumlich aufteilt. Wenn Papa (oder Mama oder Oma oder wer auch immer) mit dem Baby spazieren geht und man auf einmal wieder alleine mit dem Erstgeborenen ist. Etwas, das früher Alltag war, wird plötzlich etwas besonderes. Und das fühlt sich auf einmal unheimlich leicht an, was früher überhaupt nicht leicht war. Meine Theorie: Das liegt überhaupt nicht daran, dass man nur noch die Hälfte der Arbeit hat. Ich glaube, das liegt daran, dass das vorübergehende Einzelkind auch einfach mal die Exklusivzeit genießt und dadurch weniger fordernd ist. Etwas, was natürlich nie eingetroffen wäre, wäre es dauerhaft ein Einzelkind geblieben.

Und? Wurde meine Prophezeiung war? Ist das erste Jahr mit zwei Kindern die Hölle? Nun, an manchen Tagen schon. Aber im Großen und Ganzen: Nein. Klar, auch zweite Kinder schreien und schlafen schlecht. Auch die zahnen und kacken und spucken und machen, was Babys eben so anstrengend macht. Aber das Schlimmste am Elternwerden war (zumindest für mich) das Elternwerden – die Unsicherheit, das Einfinden in das neue Leben, der Dauerstreit mit dem Partner, weil sich alles neu finden muss. Und das bleibt beim zweiten Kind doch weitestgehend aus. Denn wir werden eben nicht noch ein mal Eltern. Das sind wir schon. Auf Lebenszeit. Und das ist auch gut so.

Fotos: Unsplash

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 33 Jahre alt und lebt mit Mann und zwei Kindern in München.

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