Kommentare 1

Ein Landei will nicht mehr (zurück)

„Warum zieht ihr nicht einfach raus aus der Stadt?“ Eine sich wiederholende Frage. Und eine klare Antwort.

Ich bin ein Naturkind. Ich liebe Tiere. Ich liebe die Berge. Das Vogelgezwitscher. Die frische Luft. Wilde Blumen. Indre von M i MA hat neulich über Stadt- oder Landliebe gebloggt. Und ich wurde wiederholt gefragt „Warum zieht ihr nicht einfach raus aus der Stadt?“ , während meiner langen und frustrierenden Odysee auf der Suche nach einer neuen Wohnung in München. Denn wer es noch nicht mitbekommen hat: Der Wohnungsmarkt in München ist ein überteuertes, hart umkämpftes Monster. Aber aufgeben und aufs Land ziehen? Das kam für mich keine Sekunde in Frage.
21 Jahre meines Lebens habe ich in einem kleinen Dorf im Wald gewohnt. Dann noch mal drei Jahre in einer Großstadt, die keine ist. Ich weiß, wovon ich spreche.

aufdemland
Als Kind hätte ich gerne richtigen Kunst- oder Schreibunterricht erhalten. Aber den gab’s nicht. Stattdessen musste ich Tuba im örtlichen Posaunenchor lernen (was ich ungefähr zwei Wochen lang ausgehalten habe).
Spielplätze waren ein Highlight, als ich klein war – in meinem Dorf gab’s nämlich keine (zumindest keine, die halbwegs intakt waren). Stattdessen haben wir ganz allein im tiefsten Wald gespielt – zu einer Zeit, als in der Gegend ein Kindermörder frei rumlief. Fantastisch.
Andere Kinder zum Spielen? Waren vorhanden. Aber nicht besonders viele.
Der Weg zur Schule ging mit dem Bus über drei Berge. Nicht lustig im Winter – das kann ich euch sagen.
Meine Jugend auf dem Land bestand darin, auf einer Treppe an der Hauptstraße (die nicht mal eine Ampel hatte) zu sitzen und Autos zu beobachten.
Und dabei wurde man von alten Leuten observiert. Immer. Auch nachts. Denn als Teenager macht man auf dem Land per se alles falsch.
Um in die „Stadt“ zu kommen muss man das Auto nehmen, weil Busse Mangelware sind. Und Autos stinken.
Um einkaufen gehen zu können braucht man übrigens auch ein Auto.
Oder um Freunde zu besuchen, die im Nachbardorf wohnen. Oder einfach nur im Tal.
Kultur? Fehlanzeige. Zumindest, wenn man kein großer Fan von Nena oder ähnlich „großen Superstars“ ist.
Ins Kino gehen? Luxus. Es gibt nur den Blockbuster-Riesenkomplex in der „Stadt“.
Um ohne Auto in eine richtige Stadt zu fahren muss man eine Stunde lang mit dem Bus in die „Stadt“ fahren, dort warten und dann noch mal zwei Stunden Zug fahren. Wer macht das schon öfter als ein Mal im Jahr?

Also „Warum zieht ihr nicht einfach raus aus der Stadt? Mit der S-Bahn ist man schnell in München. Und außerhalb kostet Wohnraum da auch weniger.“
Weil ich den Trubel der Stadt liebe.
Weil ich es liebe, jeden Tag viele viele verschiedene Menschen zu sehen.
Weil ich gerne im gemütlichen Café um die Ecke einen Tee trinke. Und nicht in der Standard-Eisdiele, die es auf jedem Dorf gibt.
Weil ich in wenigen Minuten im Kino meines Vertrauens sein will.
Weil ich Kurse über kreatives Schreiben besuchen möchte. Oder Theater spielen. Oder mein Norwegisch verbessern.
Weil es auch in der Stadt (vor allem in München) jede Menge Grün gibt, oft nur ein paar Gehminuten entfernt. Und wenn man mal richtig Natur haben will, fährt man eben für einen Tag in die Berge.
Weil ich nicht abends extra lange im Büro bleiben will, weil es sich nicht lohnt, nach der Arbeit noch nach Hause zu fahren, wenn man sich noch mit Freunden treffen will.
Weil ich mir nicht immer Sorgen machen will, dass ich die letzte S-Bahn verpassen könnte.
Weil ich irgendwann mit meinen Kindern im Park oder auf dem Spielplatz spielen möchte.
Weil ich nicht 200 Euro pro Monat für eine Monatskarte ausgeben möchte, nur um jeden Tag stundenlang in der S-Bahn festzustecken.
Weil ich in der räumlichen Enge von Dörfern keine Luft bekomme.

Punkt.

Wie ist das bei euch? Stadt oder Land? Und warum?

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 32 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

Letzte Artikel von Larissa//No Robots Magazine (Alle anzeigen)

1 Kommentar

Schreibe eine Antwort