Erinnerungen an meine Oma
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Ein Liebesbrief. An meine Oma

Ich hab’s nicht so mit Vorbildern und Idolen. Ich finde viele Leute gut, aber es gibt wenige, die ich besonders „stark“ finde. Auch wenn es die natürlich gibt, die Besonderen oder auch die „starken Frauen“, wie sie MeWorkingMum gerade vorstellt. Gute Aktion übrigens! Dabei bewundere ich eine doch ganz besonders: meine Oma.

Mein engster Familienkreis ist klein, er passt auf eine Bank im Garten des Seniorenheims, lässt man alle angeheirateten Mitglieder aus: mein Sohn, ich, meine Mama, meine Oma. Vier Generationen, drei Einzelkinder, ein übrig gebliebenes Urgestein aus einer anderen Welt.
Meine Oma ist keine besonders auffällige Person. Sie ist klein, unscheinbar normal, interessiert sich nicht besonders für schöne Kleidung und tippelt langsam Schritt für Schritt hinter ihrem Rollator her. Meine Oma war schon „steinalt“ als ich noch zur Schule ging. Das ist mein halbes Leben her, ein Bruchteil im Leben meiner Oma. Sie wird im Herbst sechsundneunzig.
Ich bin einunddreißig, so lange ist meine Oma ein Teil meines Lebens. Als meine Mama noch allein erziehend war, lebten wir mit meiner Oma zusammen. Später wohnte Oma gegenüber. Dann zog ich in die Stadt und sie stand manchmal plötzlich in meiner WG, wenn sie in der Nähe beim Arzt gewesen war. Schließlich zog ich zu weit weg, als dass wir uns noch regelmäßig sehen konnten. Aber jeden zweiten Tag, wenn das Telefon klingelt, dann ist es meine Oma, die wissen will, ob es uns gut geht.
Meine Oma ist keine besonders auffällige Person. Sie singt gerne mit leiser Stimme die alten Wanderlieder ihrer Jugend. Sie dreht den Fernseher viel zu laut auf, wenn sie Sendungen über Reisen oder die schöne Natur guckt. Sie fragt mich bei jedem Telefonat nach dem Wetter, ob ich schon draußen war und was es zu Essen gibt.
Manchmal ist meine Oma etwas sonderbar. Sie vergisst, welcher Wochentag ist, ja, sie ist eben alt. Sie möchte, dass alle sich dick und rund essen, isst selbst aber wie ein Spatz. Sie bringt Dinge durcheinander und wird dabei unfreiwillig komisch. Sie bekommt computergesteuerte Anrufe zum Geburtstag und freut sich wie Bolle, dass man an sie gedacht hat. Früher brachte sie absonderliche Geschenke von Kaffeefahrten mit, die sie im Keller hortete: Ambrosia-Kuren, Erdstrahlmesser oder Urnen.

Erinnerungen an meine Oma

Foto: Pexels.com

Früher, da war meine Oma oft nicht da. Denn sie war immer auf Reisen, „allein“ mit irgendwelchen Busgruppen. Bis sie über achtzig war, war sie immer unterwegs. Stolz erzählt sie, wie der Bus mal an der Grenze zwischen Spanien und Gibraltar nicht mehr weiterfuhr und sie die Einzige war, die den Busfahrer auf Englisch fragen konnte, was los sei. Wenn in der Schule ein Französisch-Vokabeltest anstand, dann hat meine Oma mit mir gelernt. Manchmal, da hat meine Oma sich auch selbst „lahmgelegt“: Wenn sie im hohen Alter noch auf Leitern stieg, um die Kirschen in ihrem Garten zu pflücken oder zuweilen auch beim Walzertanzen in ihrem Wohnzimmer. Aber trotz aller Blessuren und gebrochener Knochen stand sie immer wieder auf ihren kurzen, wackeligen Beinen.
Meine Oma war fünfundsechzig, als ich geboren wurde. Von Zweidrittel ihres Lebens habe ich keine Ahnung. Doch wenn sie davon erzählt, dann staune ich nur. Wie sie von ihrer guten Anstellung im Landratsamt berichtet. Wie sie erzählt, als sie in den Wirren nach dem Zweiten Weltkrieg über die deutsch-deutsche Grenze geflohen ist, um im Westen „einen Freund zu besuchen“, während die Russen hinter ihr schossen. Wie sie trotzdem zurück ging, weil „da ja noch ihre Mutter war“. Wie sie schließlich mit über dreißig allein ins Ruhrgebiet zog, um ein neues Leben anzufangen. Wie sie mit Ende dreißig noch heiratete, um nach einer „Dreimonatsschwangerschaft“ meine Mama zu bekommen. Wie die Ehe sie in eine fremde Welt brachte: Eine Gärtnerei auf dem Land, wo sie sich nur schwer zurecht fand. Wie sie dann noch einmal neu anfangen musste, mit über vierzig, allein mit einem deutlich älteren Ehemann und kleinem Kind in einem fremden Dorf. Wie sie trotzdem weiter arbeitete. Wie sie schließlich wieder umzog, ihrer Tochter hinterher ins nächste Dorf. Da war sie schon neunundsechzig, aber sie fand schnell Freunde im Roten Kreuz, der Wandergruppe, auf Reisen.
Ich weiß nicht viel von ihrem Leben „damals“. Ich weiß nicht, wer sie war, in ihrer Jugend. In ihren Teenagerjahren, als die Nazis aufstiegen. In ihren Zwanzigern, während des Krieges – obwohl sie immer wieder stolz darauf pocht, dass unsere Familie traditionell die SPD wählt. Ich denke, sie war ein unscheinbares Mädchen mit langen Zöpfen. Das die „Buddenbrooks“ las, während andere Unsinn trieben. Das gerne Lehrerin werden wollte, aber nicht konnte, weil die Ausbildung des großen Bruders Vorrang hatte. Ob wir wohl hätten Freundinnen sein können? Wahrscheinlich nicht. Wahrscheinlich wäre sie mir grau vorgekommen, während ich lieber von Piratenabenteuern träumte.
Und doch ist meine Oma mein größtes Vorbild, die stärkste Frau, die ich kenne. Weil wir uns am Ende doch viel ähnlicher sind, als man vielleicht denken könnte. Weil sie so viel erlebt hat, aber immer weiter vorwärts gegangen ist. Weil sie als drittes von vier Kindern, als Mädchen einer längst vergangenen Zeit, trotzdem eine gewisse Karriere hingelegt hat. Weil sie Englisch gelernt hat, und Französisch. Weil sie nach Spanien gereist ist, nach Italien, Frankreich und nach Danzig. Weil sie immer noch aus dem Kopf aufsagen kann, was ihre beste Freundin ihr vor neunzig Jahren ins Poesie-Album schrieb.
Bei unserem letzten Abschied hat meine Oma geweint. Ich weiß nicht, ob ich sie jemals wiedersehen werde. Aber sie wird immer bei mir sein. Als mein Vorbild, niemals aufzugeben.

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 31 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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5 Kommentare

  1. Das war wirklich sehr schön geschrieben und schön zu lesen. Ich habe meine beiden Omas sehr früh verloren (sie sind gestorben als ich 6 bzw 11 war), was ich wirklich schade finde, weil ich sie wirklich gerne besser kennengelernt hätte.
    Ich wünsche deiner Oma alles Gute 🙂

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