Kaizers Orchestra CD-Sammlung
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Eine große Liebe: mein Leben mit Kaizers Orchestra

Manchmal gibt es einen großen Knall und plötzlich ist deine Welt anders. Manchmal geht das alles viel langsamer. So wie bei mir und meiner Lieblingsband – Kaizers Orchestra. Die Chronik einer großen Liebe.

Kaizers Orchestra CDs2004

Jippieh, jippieh, Abitur! Ich gönne mir mit einer Freundin und meinem Bruder Karten für „Rock am Ring“ – was für ein Wochenende! Vor mir liegt ein neues Leben. Nur das Beste verpasse ich an diesen Juni-Tagen: das Mitternachtsspecial.
Erst viel später stolpere ich bei der Nachberichterstattung vom „Rockpalast“ über das Konzert.
Oh, hey, wer sind die denn? Lustig, da sind Leute im Publikum, die tragen Wikingerhelme. Das ist ja witzig, was für eine Sprache singen die? Was ist das – norwegisches Humptata? Wow. Da fließt ja ganz schön der Schweiß … Was für eine Energie! Geil. Muss ich mal im Auge behalten, die … wie heißen die? Kaizers Orchestra. Nie gehört. Geil.
Dann findet eine andere Freundin einen Song auf einem „Unbekannte Bands von irgendwelchen unbekannten Labels“-Sampler und nimmt ihn mir auf Kassette auf (ja, Kassette!). So landet „Død mans tango“ in meinem Besitz. Großartig. So düster und doch so leicht. So bedrückend und doch so tanzbar. Wahnsinn!

DVD-Aufnahmen vom Konzert im Vega in Kopenhagen, 2005.

2005

In meinem damaligen Lieblings-Secondhand-CD-Laden in Köln fällt mir das zweite Album „Evig pint“ in die Hände. Ich sitze an den Rheinufern und schaue durch das Booklet. Den Originaltexten liegen die englischen Übersetzungen bei. Ich finde heraus, dass „Evig pint“ „Für immer gepeinigt“ heißt, andere Songs heißen „Djevelens orkester“ („Des Teufels Orchester“) oder „Hevnervals“ („Rächerwalzer“). Das Heft ist dunkel gestaltet, schwarz-weiße Konzertaufnahmen von verschwitzten Musikern. Ein Mann mit Gasmaske. Ich bin etwas beunruhigt. Höllenmusik ist nicht mein Ding. Aber ich lasse mich davon nicht abhalten. Immerhin lerne ich meine ersten norwegischen Worte: „En, to, tre“ – „eins, zwei drei“ und „klapp dine hender“ — „klatsch in die Hände“.
Zuhause packt mich schließlich die Musik, so wie ich es erhofft hatte. Wieder reizt mich dieses Ungewöhnliche. Dieses Spiel zwischen Dunkelheit und Spaß. Was auch immer die Verdammnis damit zu tun hat, für mich ist es eher ein Zirkus der Kuriositäten, irgendetwas Surreales, vielleicht aus den Zwanzigern. Mein erster Lieblingssong: „Min kvite russer“ („Mein White Russian“), dank Übersetzung verstehe ich, dass es um einen Mann und seinen Drink geht, nur begleitet von einer schrägen Orgel. Super! Nur den Titelsong mag ich nicht. Erst viel später landet er in meiner Hit-Liste, als ich diesen unscheinbaren Basslauf in der zweiten Strophe entdecke … aber so weit bin ich noch lange nicht.

2006

Das damals neue Album „Maestro“ und das Debüt „Ompa til du dør“ landen in meinem Besitz. Mein Interesse an Skandinavien wächst. Ich beschließe, ein Auslandssemester in Schweden zu machen. Schuld daran sind nicht Kaizers Orchestra, sondern The Hives. Aber die werden nicht mehr lange meine große Liebe sein. Im August packe ich meine Koffer, setze ich mich meinen Nissan Micra und fahre los. Sofort bin ich verliebt (> klick).
Ich nutze die Zeit im Ausland. Lerne Schwedisch. Besuche Konzerte: Mando Diao, Anna Ternheim. Und schließlich auch Kaizers Ochestra, im Trädgår’n in Göteborg. Zum ersten Mal kapiere ich die Geschichte mit den Ölfässern als Schlaginstrument. Dank meiner neuen Sprachkenntnisse verstehe ich endlich die Texte. Ich verstehe, dass Sänger Janove Ottesen ein kleines Universum mit Mafia-Geschichten geschaffen hat. Mit Menschen, die sich betrügen. Toten, Rache, Einsamkeit. Oder Russisch Roulette in Marcellos Keller. Ich stelle endlich fest, dass „Ompa til du dør“ das beste Album ist, das jemals geschrieben wurde und jemals geschrieben werden wird.
Nach diesem Konzert sind Kaizers Orchestra nicht mehr nur „eine Band, die ich ganz gerne mag“. Ich bin verliebt. Ich bin vom Kaizervirus befallen.
There is no cure for the Kaizervirus.

2008

„Maskineri“ erscheint. Ich besuche Konzert Nr. 2 im E-Werk in Köln (5. April). Janove trägt jetzt Zottelfrisur. Der Abend ist begleitet von einigen kleineren Dramen. Stefan Raab läuft uns vors Auto. Meine Liebe zu dieser Band ist ungebrochen.

2011

Zwei lange Jahre ohne meine Lieblingsband. Das Raritäten-Album „Våre demoner“ war in Deutschland nicht zu kriegen. Ich gehe musikalisch fremd. Verbringe viel Zeit mit Gogol Bordello. Warte dennoch sehnsüchtig auf ein Lebenszeichen. Dann kommt die Ankündigung: Drei neue Alben in zwei Jahren. Janove trägt jetzt Tolle. Erste Single „Hjerteknuser“. Ich bin entsetzt. Sind das noch meine Kaizers?

Egal. Eine Liebe stirbt nicht so leicht. Zum Konzert in München (5. April!) gehe ich trotzdem. Und was soll ich sagen? There is no cure for the Kaizervirus.
Meine Sucht ist größer als je zuvor. (Oh, hey, Mr. Mink, mir ist vorher nie aufgefallen, wie attraktiv Sie sind!) Ich möchte alles wissen. Möchte alles haben. Viel zu spät entdecke ich Überfan-Susis Fanpage.
Die neuen Sachen überzeugen mich schließlich doch. Ich kaufe mir „Violeta Violeta Vol. I“. Es soll mein Kaizers-Jahr werden.
Für Juni kündigen Kaizers Orchestra sich für das Southside an. Wir fahren hin. Doch das Wochenende wird ein von Unwetter und Krankheit geplagtes Desaster. Ich verpasse fast alles, was ich sehen will.
Im Juni darf ich geschäftlich in Kaizers-Stadt Stavanger und freue mich wie Bolle. Vor Ort kann ich endlich kaufen, was mir fehlt, der Rest kommt via schwedischer Onlineshops oder Amazon-Download: Skambankt, Uncle Deadly, Zahl, die Vega-DVD – meine Sammlung wird um die Nebenprojekte aufgestockt.
Im August spielen Kaizers beim „Prima Leben Und Stereo“ in Freising bei München. Meine nächste Chance. Das Konzer ist fantastisch. Doch bei der Zugabe wirft ein weniger netter Mensch von hinten mit Flaschen. Ich werde blutüberströmt aus der Menge gezogen und verbringe den Rest des Abends im Krankenhaus. Egal, was mit meiner Liebe zu dieser Band wird: Die Narbe werde ich immer unter meinen Haaren tragen.
Festivals sind für uns erst mal gestorben. (Auch danke noch mal für die freundliche Anteilnahme, liebes „Prima Leben Und Stereo“ – NICHT!)
Immerhin präsentieren Kaizers noch im gleichen Jahr ihr nächstes Album „Violeta Violeta Vol. II“ vollständig beim norwegischen Festival „Øya“ – ich bin via Livestream dabei. Ich bin versöhnt. „VVVII“ bringt alles zurück, was mir auf „VVVI“ gefehlt hat – inklusive zwei neuer Songs von Geir Zahl.

2012

Gemein! Es wird keine Deutschlandtour für „VVVII“ geben. Dafür mache ich im Herbst Urlaubsvertretung auf Konzertjunkie.
Doch bevor „Violeta Violeta Vol. III“ erscheint, der große Schock: Janove verrät Susi im Interview, dass nach Teil 3 erstmal Schicht im Schacht ist. Bandpause. Für zehn Jahre. Mit einer längeren Pause habe ich nach dem Drei-Alben-Marathon gerechnet, aber zehn Jahre sind für das arme Fanherz eindeutig zu viel. Große Trauer. In den nächsten Monaten kursiert in der norwegischen Presse alles von „Band liegt auf Eis“ bis „Trennung“. Die Fans laufen im Fan-Forum Amok, analysieren das Video zu „Begravelsespolka“ bis ins kleinste Detail. Ich beschließe, mich nicht runterziehen zu lassen. Wer weiß schon, was die Zukunft bringt und wann die Jungs wieder Lust auf neue Aufnahmen haben?
Schließlich erscheint „VVVIII“ – das große Finale. Das beste Kaizers-Album für alle Ewigkeit, so heißt es. Die Mafia-Zeiten liegen hinter ihnen. Die Jungs sind keine zwanzig mehr. In der Trilogie geht es um eine irre Familie. „VVVIII“ klingt nach einer Mischung aus Kaizers und Disney — inklusive Symphonie-Orchester. Ich bin nicht gänzlich überzeugt. Technisch gesehen ist das Album super … aber mir geht es nicht um Technik. Ich liebe das Chaos, den Zirkus, das Unperfekte. „VVVIII“ hat zu viel Orchester … und zu wenig Kaizers. Zu viel Janove, zu wenig Band.

2013

Das (vorerst!) letzte Konzert, wieder in München (5. März – knapp vorbei). Ich treffe Susi und andere Fans. Und das Highlight meiner Fanliebe: Ich spreche nach der Show ein paar Worte mit Herrn Zahl, wobei ich nur Blödsinn rede.
Im September findet „der letzte Tanz“ in Stavanger statt. Ich fliege nicht hin. Zum einen reise ich nicht gerne. Zum anderen möchte ich meine Lieblingsband nicht beerdigen.
Ich hoffe auf eine Zukunft. Irgendwann, wenn die Inspiration zurück ist.


Band-Info

Kaizers Orchestra entstand 2000 aus der semi-erfolgreichen Studentenband Gnom — bestehend aus Sänger Janove Ottesen, seinem besten Freund Geir Zahl (Gitarre) und Kumpels Terje Winterstø Røthing (Gitarre), Helge Risa (Pumporgel), Rune Solheim (Schlagzeug) und Jon Sjøen (Kontrabass, später ersetzt durch Øyvind Storesund). Inspiration lieferte der Gnom-Song „Bastard“, in dem zum ersten Mal „ein gewisser Mr Kaizer“ auftaucht. Schon mit ihrem Debüt „Ompa til du dør“ konnten Kaizers Orchestra in Norwegen große Erfolge verzeichnen — bald wurden sie auch ein Geheimtipp auf dem Kontinent, vor allem dank ihrer herausragenden Live-Shows. Bis 2013 veröffentlichte die Band sieben Studioalben, plus einige EPs, einer Raritätensammlung, einem Live-Album und vier DVDs. Zur Zeit macht die Band eine Pause „unbestimmter“ Zeit. Ottesen und Zahl planen, ein Musical basierend auf der „Violeta Violeta“-Trilogie zu schreiben. Winterstø Røthing feiert mit seiner Band Skambankt Erfolge.

 

 

 

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 31 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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