Ohne mich: Maren ist nicht Lehrerin geworden
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Einmal Lehrerin und zurück – fünf gute Gründe gegen ein Leben als Pädagogin

Wisst Ihr noch, damals in der Schule? Da gab es diejenigen, die genau wussten, wohin sie ihr Berufsweg einmal führen soll: Zurück in die Schule. Ich fand das höchst erstaunlich. Wie kann ich mich mit neunzehn dafür entscheiden, mein Berufsleben in der einzigen Institution zu verbringen, die ich kenne – ohne je Alternativen gesehen zu haben?

Ich gebe ehrlich zu: Ich war eine Spätberufene, was den Lehrerjob angeht. Fröhlich studierte ich Germanistik und Romanistik in meiner kleinen Unistadt am Meer, verbrachte ein halbes Jahr in Spanien, machte meinen Bachelor – und stolperte erst bei der Suche nach dem richtigen Master über den Bereich „Lehramt“. Ein paar Monate später fand ich mich auf einmal in Hörsälen voller angehender Pädagogen wieder und verbrachte meine Semesterferien mit Schulpraktika. Dass ich mich kurz danach zusätzlich in den M.A.-Studiengang einschrieb, weil es mich wurmte, als „Lehrämtler“ abgestempelt zu werden, hätte ein erster Hinweis darauf sein können, dass ich beruflich in die falsche Richtung laufe. War es aber nicht – und so lief ich weiter. Ich lief und lief und lief bis in ein anderes Bundesland, wo ich als Studienreferendarin am Gymnasium meine Lehrerkarriere begann, die mich achtzehn Monate später zu Lebenszeitverbeamtung und A13 hätte führen können. Was der Konjunktiv hier andeutet, expliziere ich gerne noch einmal:

Ich bin heute keine Lehrerin, denn ich habe im Referendariat gekündigt. Und es war die beste Entscheidung meines Lebens.

Ein Berufsleben voller Klischees

Die Vorstellung davon, was Lehrer den lieben langen Tag tun, ist äußerst klischeebehaftet. Da gibt es diejenigen, die den Job hochgradig romantisieren: „Ach, das ist bestimmt schön, den ganzen Tag wissbegierigen Kindern etwas beizubringen! So ein abwechslungsreicher Beruf!“ Andererseits gibt es die Stimmen, die Lehrer als „faule Säcke“ beschimpfen (nicht wahr, Gerhard Schröder?) und bei jeder Gelegenheit „Lehrer haben vormittags recht und nachmittags frei!“ skandieren. Wohl kaum ein Beruf wird von so vielen Menschen beurteilt, ja verurteilt, wie der des Lehrers. Kein Wunder, waren wir doch alle einmal Schüler und können uns daher wunderbar vorstellen, wie so ein Lehrerdasein ist. Den Romantiker möchte man darum gerne einmal mitnehmen in Klasse 8, freitags in der 6. Stunde, wenn alle entweder schlafen oder so aufgedreht sind, dass es ein Megafon bräuchte, um auch nur „Guten Morgen“ zu sagen. Den Faule-Säcke-Rufern hingegen wünscht man die Korrektur einer Oberstufenklausur an den Hals: zweiundzwanzig Erörterungen à 1000 Wörter, korrigierbar in maximal drei Wochen – selbstverständlich zusätzlich zur normalen Unterrichtsvorbereitung.

Ohne mich: Maren ist nicht Lehrerin geworden

Foto: Unsplash

Arbeitsplatz Schule? Ohne mich!

Ungeachtet aller Klischees machen sich jeden Morgen hunderttausende Lehrerinnen und Lehrer auf den Weg in Schulen, um dort Unterricht zu erteilen. Dass ich nicht mehr dazugehöre, hat gute Gründe:

  1. Der Homeoffice-Zwang: Lehrer erteilen Unterricht, den sie zu Hause vorbereitet haben. Eine Trennung von Arbeits- und Berufsleben ist dadurch unmöglich, was ich als enormen Stressfaktor empfunden habe.
  2. Die Vorgaben: Lehrplan, Fachanforderungen, schulinterne Curricula – die freie Wahl des Unterrichtsgegenstandes ist ein Mythos. Natürlich sollten Schulabschlüsse vergleichbar sein. Der Nachteil liegt darin, dass ich als Lehrer nicht auf die Bedürfnisse und Interessen der Schüler eingehen kann. Frust auf beiden Seiten ist vorprogrammiert.
  3. Keine Anerkennung: Stunden fließen in die Unterrichtsvorbereitung, Abende, Nächte, Wochenenden, Schulferien – und als Rückmeldung kommt: Nichts. Natürlich bedanken Schüler sich nicht für Unterricht, aber fehlende Wertschätzung hat trotzdem an meinem beruflichen Selbstbewusstsein genagt.
  4. Fehlende Perspektiven: Ich habe nie verstanden, was am Konzept der Lebenszeitverbeamtung reizvoll sein soll. Die Aussicht, das gesamte Berufsleben vor sich ausgebreitet zu sehen, zu wissen, dass in zehn, zwanzig, dreißig Jahren noch genau dieselben Aufgaben warten, hat mich abgeschreckt und gelangweilt. Die Weiterentwicklungsmöglichkeiten für verbeamtete Lehrer sind gering. Wer die Karriereleiter hochklettert, bekommt Verwaltungsaufgaben; wer sich für den Nachwuchs interessiert, einen Lehrauftrag an der Uni. Die große Masse hingegen übt mit fünfundfünzig noch die gleichen Aufgaben aus wie mit achtundzwanzig.
  5. Keime, Keime, Keime: Schulgebäude sind hygienisch betrachtet eine Katastrophe. Türgriffe, Lichtschalter, Kreide: Jeder fasst alles an, sodass sich Keime rasend schnell verbreiten. Da hilft es auch nichts, dass die Putzfrau jeden Tag den Boden wischt. Ich war es jedenfalls nach wenigen Monaten leid, dauererkältet zu sein.

Ohne mich – und das ist auch gut so!

Meine Zeit als Lehrerin hat mir die Augen für viele Dinge geöffnet und ich möchte sie nicht missen. Sie hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, einen Beruf zu finden, der mit meinen Interessen und Werten korrespondiert. Ich weiß jetzt: Mir sind Freiheit und persönliche Entwicklungsmöglichkeiten wichtiger als Sicherheit und A13. Dieser Text ist daher keine Abrechnung mit dem Lehrerberuf an sich, sondern nur mein persönlicher Abschied davon. Viele Lehrer lieben ihren Beruf und versuchen engagiert, das Beste aus dem System Schule zu machen. Dass dieses System in Zukunft ohne mich auskommen muss, ist für beide Seiten kein Verlust, sondern die sinnvolle Konsequenz.

Maren

Maren, *1988, kaffeesüchtiger Serienjunkie und Schleswig-Holsteinerin im Exil, bloggt auf neuesvomschreibtisch.wordpress.com über TV-Serien und alles, was ihr sonst noch am Herzen liegt. Wenn sie sich nicht gerade durch ihre Netflix-Liste suchtet oder mit dem Herrn Koch das Tanzbein schwingt, ist sie Redakteurin in einer Social Media-Agentur.
In Kategorie: Beiträge, Leben & Familie

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Maren, *1988, kaffeesüchtiger Serienjunkie und Schleswig-Holsteinerin im Exil, bloggt auf neuesvomschreibtisch.wordpress.com über TV-Serien und alles, was ihr sonst noch am Herzen liegt. Wenn sie sich nicht gerade durch ihre Netflix-Liste suchtet oder mit dem Herrn Koch das Tanzbein schwingt, ist sie Redakteurin in einer Social Media-Agentur.

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