eine schwangere Frau
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Eltern von heute – ein Erklärungsversuch

Immer wieder liest man von der „heutigen Elterngeneration“. Und was die alles falsch macht! „Helikopter-Eltern“ sind wir. Jagen von Kurs zu Kurs, aus reinem Optimierungswahn, während wir gleichzeitig unserer eigenen Karriere panisch hinterherjagen. In ruhigeren Minuten fechten wir „Mommy-Wars“ aus. Und gleichzeitig erziehen wir die nächste Generation zu „Tyrannenkindern“.
Nun, auf jüngeren Generationen rumzuhacken ist nichts Neues. Ich glaube aber, die Vehemenz, mit der heutige Eltern beobachtet werden, ist ein Novum. Was nun folgt ist kein Gejammer gegenüber diesen Umständen, sondern ein kleiner subjektiver Erklärungsversuch.
(Hinweis: Meine subjektive Erfahrung bezieht sich auf Mütter in der Elternzeit mit Kindern unter einem Jahr.)

Und wie funktioniert das jetzt?

Es gibt da einen Eltern-Ratgeber namens „Baby – Betriebsanleitung: Inbetriebnahme, Wartung und Instandhaltung“*. Ganz schön albern, denkt ihr? Eigentlich ist das nicht mal der schlechteste Ratgeber, den ich (mehr oder weniger) gelesen habe. Denn mal ganz ehrlich: Genau das brauchen wir doch – eine Gebrauchsanweisung für das zappelnde Wesen, dass man uns da einfach so in die Arme gelegt hat.
Klar, es gibt sie noch, die Menschen, die in großen Familien aufwachsen. Die schon bei jüngeren Geschwistern, den Kindern der Geschwister oder Nachbarskindern lernen, wie das so ist mit einem Baby. Nur … sie werden immer seltener. Die Regel scheint doch eher zu werden, dass wir keine Ahnung von Babys haben. In der Theorie wissen wir vielleicht, worauf wir uns einlassen. Ein Baby schreit viel, kostet Geld und ist erst mal eine Belastung für die Partnerschaft. Es muss irgendwas essen, dafür legt man es an die Brust und dann wird das schon. Im Theorietest kriegen wir volle Punktzahl. Und dann? Dann ist es so, als ob man gleich nach der theoretischen Prüfung den Führerschein bekommt und als allererstes mit einem geliehenen Porsche ein mal quer durch München bei Rush Hour gejagt wird. Direkt die volle Ladung, man hat keinen Plan und hat furchtbare Angst, etwas falsch zu machen.
Und dann irgendwann denkt man vielleicht: „Ein zweites Kind? No way! Eins ist wunderbar und vollkommen ausreichend.“ Oder auch: „Ein zweites Kind wäre schön, aber dafür haben wir nicht genug Geld. Die Kita ist einfach zu teuer.“ Oder: „Wir hätten gerne ein zweites Kind gehabt, aber jetzt sind wir doch schon zu alt.“ Kinder bekommt man nicht mehr, weil man sie eben bekommt. Deutschland ist Schlusslicht, was das Kinderkriegen angeht. Dabei wird Nachwuchs dringend für die Rentenkasse benötigt. Kein Wunder, dass die Gesellschaft besonders kritisch auf die Eltern schielt. Und kein Wunder, dass Eltern dieses kleine Wunderding, das sie da unter Mühen, Schmerzen und Kosten auf die Welt gebracht haben, ganz besonders beschützen wollen. Kein Wunder, dass es immer mehr sogenannte „Helikopter-Eltern“ gibt.

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In der Theorie sind wir alle bestens vorbereitet. Und was hilft uns das in der Praxis?
Foto: Pexels.com

„Meiner kann schon …“

Und dann gibt es natürlich noch den bösen Vorwurf des „Optimierungswahns“, der bei unendlich vielen Kursen anfängt (dazu gleich mehr) und bei „Meiner kann schon …“ aufhört. Immer wieder hört man von Mütter-Battles auf dem Spielplatz, bei denen die Muttis sich gegenseitig mit der Genialität ihrer Sprösslinge übertrumpfen wollen. Nun, mit einem Unter-Einjährigen hänge ich noch nicht so viel auf Spielplätzen ab, aber – huch – ich habe eben erst ein Bild von der neuesten Fähigkeit meines Sohnes in der Mama-What’s-App-Gruppe rumgeschickt. Ich, böse, leistungsgeile Mutter.
Aber eigentlich ist das ja so: Früher, in einem fernen Leben vor den Kindern, da waren wir Mütter ja auch mal berufstätig. Da waren wir jeden Tag im Büro und sind im besten Fall anspruchsvoller, fordernder Arbeit nachgegangen. Und dann kam das Kind und der Alltag änderte sich schlagartig. Mama-Sein ist etwas Wunderbares, aber die geistige Herausforderung fehlt einem schon. Neben Windel wechseln und zum dritten Mal am Tag die Breiflecken vom Boden wischen und Abwaschen und Bechertürme mit dem Kind bauen bleibt nicht viel Raum für das große Weltgeschehen. Worüber soll man also reden als über das Kind? Und „Baby kann jetzt schon richtig toll sitzen“ ist eindeutig ein schöneres Gesprächsthema als „Baby hat heute in die Windel gepupst“. Und schließlich sind wir auch stolz, wenn Baby so etwas Großartiges wie Sitzen gelernt hat. Und das wollen wir verkünden. Und dafür freuen wir uns auch, wenn das Baby der Freundin auch etwas Neues kann. (Und sind vielleicht auch ein wenig neidisch, wenn das eigene Kind noch nicht so weit ist.)

Zusammen sind wir weniger allein

Und nun zu den Kursen. Und davon gibt es eine Menge. Von Baby-Schwimmen über PEKiK, Baby-Massage, Musik-Babys, Tragetuch-Beratung bis hin zu „Baby verstehen“ oder möglicherweise sogar „BWL für Junior“, wer weiß das schon. Das Angebot für uns leistungsgeile Muttertiere ist groß. Und viele, die ich kenne, traben auch tatsächlich von einem Kurs in den nächsten.
Warum wir das tun? Weil man zusammen eben weniger allein ist.
Ja, natürlich gibt es auch noch viele Frauen, die noch in ihrem Heimatort leben. Die immer noch die gleichen Freunde wie in der Schulzeit haben. Die im besten Falle auch noch alle gleichzeitig Kinder kriegen. Ich lebe jetzt seit knapp sechs Jahren in München. Die meisten meiner Münchener Freundinnen sind mittlerweile weggezogen. Die übrigen haben keine Kinder. Frauenfreundschaften sind schwierig geworden. Mit anderen Müttern macht die Elternzeit aber eben doch viel mehr Spaß. Also besucht man Kurse, um Anschluss zu finden. Außerdem macht es den Kindern im besten Falle auch mehr Freude, als immer nur Mama und das Wohnzimmer zu sehen.
Die viel besungenen Mummy-Wars? Sind mir noch nicht begegnet. Aus meiner persönlichen Sicht kann ich nur sagen: Seit ich ein Kind habe, bin ich viel toleranter gegenüber Eltern geworden. Natürlich sehe ich immer wieder Mütter und Väter, deren Erziehungsstil ich komisch finde. Natürlich würde ich bei jeder Mutter auf der Welt irgendwas finden, dass ich anders machen würde. You know what? Jede Mutter der Welt würde bei mir auch etwas finden, das sie anders machen würde. Warum sollte man sich deswegen anzicken?

Tyrannenkinder? Sehe ich keine. Nur ganz normale Kinder von ganz normalen Eltern, die irgendwie versuchen, ihren Weg zu gehen.

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Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 31 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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