Postpartale Depression

Elternglück im Schatten – die mangelnde Hilfe bei postpartaler Depression

Die beste Erinnerung, die ich an die Geburt meiner Tochter habe, ist, dass ich gelacht habe. Ich habe Tränen gelacht. Weil die letzten Minuten ihrer Geburt absurd und komisch waren, weil ich erleichtert war, dass es vorbei war und, natürlich, vor Glück, mein Baby in den Armen halten zu dürfen. Ich habe gelacht vor Freude, eine Geburt erlebt zu haben, wie man sich eine Geburt eben vorstellt. Mit großen Schmerzen, klar, aber eben ein paar Stunden Anstrengung, für die es großes Glück als Belohnung gab. Denn dieses Erlebnis ist mir bei meiner ersten Geburt verwehrt geblieben.

An die Geburt meines Sohnes habe ich nur verschwommene Erinnerungen. Ich erinnere mich an Erleichterung, auch das. Aber viel deutlicher sind Schmerzen, Schmerzen, Schmerzen, allein zu sein, weil keiner da ist, der einem hilft, während man sich nicht so ganz sicher ist, ob man gerade vielleicht stirbt. Und das schlechte Gewissen, weil ich vor lauter Schmerz kaum einen Gedanken darüber fassen konnte, wo mein Kind ist und wie es ihm geht. Wir bekamen unseren versöhnlichen Moment, Minuten, vielleicht auch eine Stunde später, in dem das neue Baby auf meiner Brust lag und wir uns als neue Familie glücklich bestaunen konnten. Aber eben erst nach einer sehr schmerzhaften und angstvollen Episode für mich, das Kind und auch den just geborenen Vater.

Depressive Frau

Die Mär der wunderschönen Geburt

Vor Kurzem fragte eine Schwangere in einem Elternforum um Rat. Sie habe panische Angst vor der Geburt, ob man ihr helfen könne. Ein gut gemeinter Kommentar war, sie brauche keine Angst haben, eine Geburt sei etwas Wunderschönes. Denn das sollte man doch annehmen, oder? Eine Geburt resultiert schließlich üblicherweise mit einem Kind – und das ist hoffentlich in den meisten Fällen tatsächlich das: wunderschön. Und in einer Zeit, in der zwar nur noch wenige Kinder und ganz selten eine Gebährende bei der Geburt stirbt, man das „wohlauf” aber weiterhin an diesen Faktoren misst, muss eine Geburt fast zwangsläufig ein wundervolles Erlebnis sein.

Ich fand diesen Kommentar allerdings nicht hilfreich, ja, eigentlich sogar fahrlässig. Denn eine Geburt ist nicht immer wunderschön, ja, leider ist sie sogar ziemlich oft emotional belastend bis traumatisierend, sei es, weil es Komplikationen gab oder weil die Gebährende Opfer von Gewalt unter der Geburt wurde – was leider deutlich öfter der Fall ist, als die Gesellschaft es wahrhaben will (Quelle).

Ähnlich sieht es aus, wenn sich jemand über all die Mütter beschwert, die nur jammern, statt die schöne rosarote Babyzeit zu genießen. Auch hier wird unter den Teppich gekehrt, dass nicht jede Babyzeit von Glück beseelt ist. 50–80 % aller Frauen erleben den sogenannten Baby Blues, 10–15 % gar eine echte Wochenbettdepression (Quelle). Hinzu kommen Unsicherheit, sich in die neue Rolle finden zu müssen, Überforderung, Schlafmangel und Streit mit dem Partner, dem es häufig ähnlich ergeht.

Ja, eigentlich erzähle ich hier nichts Neues. Traumatische Geburten und Depressionen sind zwar noch lange nicht im gesellschaftlichen Bewusstsein angekommen, aber sie werden auch nicht mehr totgeschwiegen. In der Schwangerschaftsanamnese wird nach Vorerkrankungen gefragt, auch psychischen, und auch die Hebamme hat nicht nur zur Aufgabe, das Neugeborene zu wiegen, sondern auch den Zustand der Mutter einzuschätzen und falls nötig Hilfestellung zu geben. So viel zur Theorie. Aber wie sieht es in der Realität aus? Meine Erfahrung sagt: Nicht so, wie es sein sollte.

Depression

Ich habe auf Twitter eine Umfrage gestartet und Mütter und Väter*, die eine emotional belastende Geburt erlebt haben, gefragt, ob sie Hilfe bekommen haben, das Erlebte aufzuarbeiten. Wenig erstaunlich: Nur 13 % der Mütter** gaben an, sofort unaufgefordert Hilfe angeboten bekommen zu haben. 70 % dagegen antwortete mit einem klaren Nein. Dem Rest wurde irgendwann geholfen. Später. Und oft auf Eigeninitiative.
Noch erschreckender bei den Vätern/Partnerinnen***. Hier sagten zwar immerhin 23 %, sie hätten sofort Hilfe erhalten – die restlichen 77 % allerdings nie. Anmerken muss man natürlich, dass deutlich weniger Väter an der Umfrage teilnahmen als Mütter. Doch auch dies ist bezeichnend. Bezeichnend dafür, dass Vätern häufig auch gar nicht zugestanden wird, von einer Geburt emotional belastet zu sein – und sie sich das sicherlich oft nicht mal selbst zugestehen.

Wenn „Wie geht’s dir?“ nicht reicht

Wo krankt das System? Das ist erstmal gar nicht so leicht zu beantworten. Außer mit der generellen Antwort, dass das System grundsätzlich überall krankt. Doch auf den ersten Blick sieht es so aus, als wären Gebährende bestens aufgehoben: Es wird über Postpartale Depression aufgeklärt, Krankenhäuser stellen Seelsorger bereit, am Ende des Wochenbetts gibt es eine Abschlussuntersuchung und im besten Falle hat die junge Mutter sogar eine Hebamme. Ja, viele, die mir von ihren Erlebnissen berichteten, gaben sogar zu: Man hat sie gefragt, wie es ihnen geht. Das Problem ist dabei: Ein „Wie geht es dir?” oder ein „Ich bin die Seelsorgerin der Klinik, Sie können gerne zu mir kommen!” ist leider meistens nur Augenwischerei. Traumatische Geburtserlebnisse sind für viele erstmal schwer zu fassen und in Worte zu packen. Ein schlechtes Gefühl im Bauch lässt sich oft nicht in Fragen formulieren – oder gar in einen Hilferuf. Zudem ist der sogenannte Baby Blues etwas ganz normales – ein hormonbedingtes Stimmungstief nach der Geburt. Das schlechte Gefühl geht also vorbei. Wahrscheinlich.
Dann gibt es Hebammen, die nur ihre Checkliste abhaken: „Weinst du oft?” fragen und dabei vollständig ignorieren, dass sich postpartale Depressionen in verschiedensten Varianten zeigen können und nicht jede(r) Betroffene vergießt Tränen dabei. Ja, in manchen oder vielleicht auch vielen Fällen ist es gerade das Fehlen der Tränen das erste Symptom. Einhergehend mit fehlendem Glücksgefühlen, überhaupt widersprüchlichen Gefühlen gegenüber dem Kind, bis hin zu fehlender Liebe. Aber wer würde das zugeben? Wo Elternliebe doch die stärkste Macht der Welt ist? Wo eine Geburt doch wunderschön sein muss, weil man dabei das größte Geschenk überhaupt bekommt? Wer würde das zugeben, auf ein beiläufiges „Wie geht’s dir?” Die wenigsten Menschen haben das Gespür, psychische Missstände sofort identifizieren zu können – und wenn dann beruht dieses Gespür auf langer Erfahrung mit einer Erkrankung. Oft ist ein „Ja, es geht mir ganz gut” eine beschämte Notlüge, auch sich selbst gegenüber. Von Seiten des Fachpersonals sind da häufig mehr Fingerspitzengefühl und tiefer gehende Fragen erforderlich, um die Situation richtig erfassen zu können – gerade, wenn bekannt ist, dass die jungen Eltern eine belastende Geburt durchgestanden haben. Von Ärzten und Hebammen, die ihre Patienten mit „Stell dich nicht so an!” abkanzeln, wollen wir gar nicht erst anfangen. Denn eins sollte grundsätzlich klar sein: Wer leidet, der leidet. Ob das für Außenstehende verständlich ist oder nicht, ist dabei vollkommen irrelevant.

Väter in der postpartalen Depression
Was oft vergessen wird: Auch Väter erleben belastende Geburten und sind von postpartaler Depression betroffen

Ist das Kind erst in den Brunnen gefallen …

Für viele Eltern kommt die Erkenntnis, dass sie Hilfe brauchen, erst viel später. Vielleicht Wochen später, wenn die Hebamme schon nicht mehr kommt. Vielleicht Monate, wenn die Verbindung zur Geburt gar nicht mehr richtig zuordenbar ist. Vielleicht auch Jahre, zum Beispiel, wenn das nächste Kind unterwegs ist. Für diese Menschen gibt es glücklicherweise Anlaufstellen, die wichtigste ist sicher der Verein Schatten & Licht e. V. Doch ohne Hindernisse geht’s auch hier nicht: Beratungsstellen sind oft keine Kassenleistung und kosten gerne 30-50 Euro. Pro Sitzung. Für viele Menschen ist das einfach nicht finanzierbar, gerade in der finanziell prekären Elternzeit. Selbsthilfegruppen finden vielleicht abends statt – ein Besuch ist dadurch für stillende Mütter oft einfach nicht machbar. Daneben steht natürlich immer die Option, einen klassischen Psychotherapeuten aufzusuchen. Aber wie schwer es ist, einen Therapieplatz zu bekommen, sollte hinlänglich bekannt sein. Davon mal abgesehen hat ein normaler Psychotherapeut auch nicht immer die Erfahrung, um optimal auf diese spezielle Situation einzugehen.

Am Ende ist es auch nicht verwunderlich, dass 51 %**** der Teilnehmer meiner Umfrage denken, dass die mangelnde Hilfe über kurz oder lang die Beziehung zu ihrem Kind belastet hat. Und auch die Deutsche Depressionshilfe sagt: „Neben dem Leidensdruck und den Folgen der Erkrankung für die Mutter können Prä- und Postpartale Depressionen langfristig auch die Entwicklung kognitiver oder emotionaler Fähigkeiten des Kindes beeinträchtigen.” (Quelle)

Nun brechen wir das mal grob in nackte Zahlen auf: 2018 gab es 787 560 Lebendgeborene (vorläufiges Ergebnis) (Quelle). Wenn bei 10 % der Mütter eine Postpartale Depression auftritt, dann kommen wir auf 78 756 Kinder (ja, ich weiß, die Zahl ist nicht ganz korrekt, da es mehr geborene Kinder als Gebährende gibt), deren Entwicklung mindestens beeinträchtigt, wenn nicht sogar gefährdet ist! Sollte diese erschreckend hohe Zahl nicht Anlass genug sein, um etwas zu tun? Ist es wirklich besser, zu warten, bis diese Kinder Ergotherapien brauchen? Bis sie Medikamente verschrieben bekommen, um in der Schule nicht zu zerbrechen? Bis sie als Erwachsene verzweifelt nach einer Psychotherapie suchen – und ihre eigenen Depressionen an ihre Kinder weitergeben?

Und wer diese ganzen Zahlen lieber wissenschaftlich korrekter will, der kann ja mal bei unserem Gesundheitsminister anfragen, ob er dazu nicht mal eine Studie machen möchte. Wie man hört, hat er ja fünf Millionen Euro zu viel in der Ministeriumskasse … (Quelle)

Wenn du dich oder eine dir nahe stehende Person sich besonders niedergeschlagen fühlt und von Depressionen betroffen ist, dann wende dich bitte an die kostenlose Telefon-Seelsorge: 0800 111 0 111.

* Es ist mir bewusst, dass nicht jede Mutter ein Kind geboren hat und auch, dass nicht jede(r) Gebährende eine Frau ist. Ebenso ist das nicht-gebährende Elternteil natürlich nicht immer ein Vater. Der Einfachheit halber werde ich dennoch von „Mutter“ und „Vater“ sprechen und entschuldige mich bei allen, die leider nur „mit gemeint“ sind.
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Fotos: Unsplash

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 33 Jahre alt und lebt mit Mann und zwei Kindern in München.

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