Konzert
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Erzähl mir von deinem ersten Konzert!

Alle wollen vorwärts kommen. Zukunft, Kind, Karriereplan. Immer geht es um das Morgen. Aber wie war dein Leben denn, als du ein Kind warst? Wie war es denn als Teenager? Erzähl mal.

Larissa vom No Robots Magazine, Roxana vom early birdy und Sabine vom fadenvogel tauschen jeden ersten Sonntag im Monat Erinnerungsstücke aus. Ein Thema – drei unterschiedliche Texte, drei unterschiedliche Frauen, drei unterschiedliche Leben.

In Sachen Konzerte bin ich ein alter Hase. Ich habe die Regeln gelernt.

Komm nicht zu früh. Bring keine große Tasche mit. Ach, bring am besten überhaupt keine Tasche mit! Geh nicht in die ersten Reihen – außer du hältst es aus. Halt deinen Mund, während die Band spielt.

Am 11. Oktober 1998 wusste ich das alle freilich noch nicht. An diesem Abend war ich sicherlich eine der ersten am Einlass gewesen, als man den nicht-jugendfreien Bildausschnitt von meiner Die-Ärzte-Eintrittskarte riss. An diesem Abend stand ich weit vorne vor der Bühne, bestimmt hatte ich eine Umhängetasche dabei. Ich war dreizehn Jahre alt. Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartete.

Konzert

Foto: Unsplash/Hannah Rodrigo

Meine Erwartungen waren so gering, dass ich nicht mal geplant hatte, überhaupt auf dieses Konzert zu gehen. Meine Freundinnen, ja, die waren Feuer und Flamme gewesen. Die waren Ärzte-Fans, bei denen stand dieser Termin dick im Kalender. Nicht bei mir. Ich war kein Fan. Gute-Laune-Punk gehörte nicht in mein schwermütiges Repertoire, ich befand mich eher auf der „Gegenseite“ – damals als Bates- und Toten-Hosen-Fan (Konzerte dieser Bands folgten, einerseits 1999, kurz vor der Auflösung der Bates, andererseits 2002, 2004, 2006, bis ich den Indie-Rock für mich entdeckte). Immer wieder kam die Frage: „Sollen wir eine Karte für dich mitbestellen?“ Immer wieder antwortete ich mit: „Ich weiß nicht.“ Was eigentlich heißen sollte: „Ich habe keine Lust.“ Schließlich gab ich nach. Mir fielen schließlich keine guten Gegenargumente ein.

Wir fühlten uns so groß an diesem Abend, meine Freundinnen N. und N. und ich – in Begleitung der Eltern, versteht sich. Wie selbstverständlich setzten wir uns zu den Großen auf den Boden, um zu warten (weil wir ja viel zu früh da waren). Wie selbstverständlich schoben wir uns nach vorne in die ersten Reihen, bevor das Konzert begann. „Hey, Miss Germany“, riefen die älteren Mädchen von hinten. Ich wusste nicht, was sie damit sagen wollten. Heute weiß ich es natürlich. Sie wollten, dass ich mich verziehe, weil ich zu groß bin und ihnen die Sicht versperrte. Aber das war vor Germany‘s Next Topmodel, ich wusste nicht, dass eine Miss Germany groß sein muss. (Und heute sage ich auch: Sorry, nur weil ich groß bin, möchte ich trotzdem einen guten Platz haben.)

Wir waren dreizehn Jahre alt. Wir wussten nichts von den Regeln. Wir wussten nicht, was ein Moshpit ist, hatten vielleicht eine grobe Ahnung davon, wie man Pogo tanzt oder gar, wie eine Wall of Death aussieht. Wir haben ungefähr zehn Sekunden gebraucht, um es herauszufinden. Denn das die Zeit, die es braucht, um eine klapprige Dreizehnjährige einmal durch die komplette Siegerlandhalle zu schubsen.

Das ist lange her. Ich habe die Ärzte noch zweimal live gesehen. Einmal auf dem Hurricane, von einem Merchendise-Regenunterschlupf aus, mit meinem Exfreund. Noch einmal auf dem Hurricane, Jahre später, als Teil der Menge mit meinem Mann. Ich habe bei Rock am Ring erlebt, dass Motörheard wirklich die lauteste Band aller Zeiten waren und bin auf dem Southside im Schlamm versunken. Ich bin bei SKA-P vor Zwei-Meter-mal-zwei-Meter-Kästen aus dem Moshpit geflohen und habe mir bei Gogol Bordello Mädchen meines Formats zum Tanzen gesucht. Ich habe gelernt, wo der beste Platz bei einem Konzert zu finden ist – und ihn notfalls mit dem Ellenbogen zu verteidigt. Ich habe Kaizers Orchestra, die beste Band der Welt, fünfmal gesehen und werde für immer eine Narbe an der Stelle tragen, wo ich von einer Flasche abgeworfen wurde, als ich es einmal bis in die dritte Reihe geschafft habe. Ich habe einige Konzerte gesehen in meinem Leben. Ich war auf großen Festivals und kleinen (danke auch für die Platzwunde, Prima Leben und Stereo!), auf großen Konzerten und kleinen, guten und schlechten. In meinen Erinnerungen verschwimmen sie. Habe ich diese oder jene Band wirklich gesehen? Oder hatte ich es nur vor und habe sie verpasst? Wie oft habe ich Portugal. The man gesehen? Dreimal? Nein, viermal! Ich habe vieles vergessen.

Aber eins habe ich nicht vergessen, selbst nach zwanzig Jahren nicht: Der Blick meiner Freundin als sie zehn Sekunden nach Beginn ihres ersten Konzertes einmal quer durch die Siegerlandhalle flog.

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe „#3 Heimat“ des No Robots Magazines. Lies hier kostenlos das komplette Magazin!

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 32 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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6 Kommentare

  1. Uli

    Zumindest eine kann das Musik-Level anheben, haha. Die Toten Hosen hab ich auch gerne gehört, allerdings als ich dann soweit war, um ohne meine Eltern auf ein Konzert zu gehen, waren sie nicht mehr interessant. Mein bestes Live-Konzert war von Bauchklang, kennst die? Lg

    • Ich war fast immer mit meiner Mutter oder meinem großen Bruder (oder beiden). Heute geht meine Mutter ohne mich. 😉
      Nein, Bauchklang kenne ich nicht. Muss ich mir mal anhören. Aber ich höre mittlerweile nur noch wenig deutsche Musik – Gisbert zu Knyphausen, manchmal Element of Crime … Aber nicht mehr viel anderes.

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