Larissa im Urlaub
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Erzähl mir von … deinem letzten Urlaub als Kind

Alle wollen vorwärts kommen. Zukunft, Kind, Karriereplan. Immer geht es um das Morgen. Aber wie war dein Leben denn, als du ein Kind warst? Wie war es denn als Teenager? Erzähl mal.

Larissa vom No Robots Magazine, Roxana vom early birdy und Sabine vom fadenvogel tauschen jeden ersten Sonntag im Monat Erinnerungsstücke aus. Ein Thema – drei unterschiedliche Texte, drei unterschiedliche Frauen, drei unterschiedliche Leben.

Vor dem Fenster sehe ich blauen Himmel und gelegentlich eine Schäfchenwolke vorüberziehen. Dahinter: tiefe Leere, und ganz weit hinten vielleicht das Meer. Würde ich mir die Mühe machen und mich aufrechter hinsetzen, sähe ich einen steilen Hang, trockene Wiesen, ab und an ein Haus. Aber ich bleibe lieber in Liegeposition. Zum einen ist es gruselig, nach unten zu schauen. Aus der Höhe des Wohnmobils erscheint es, als wäre wenige Zentimeter neben den Rädern gähnender Abgrund. Zum anderen fühlt es sich an, als hätte ich alles schon gesehen. Kilometer um Kilometer um Kilometer. Ich kuschle mich tiefer in den Sitz und gehe meinem epochalem Tagtraum nach. Vor dem Fenster ziehen die Wolken vorbei.

Urlaub ist ja eine Philosophie für sich. All-Inclusive-Club-Urlaub, Abenteuerurlaub, Bildungsurlaub, Urlaub an der Nordsee, Exotenurlaub mit Strandcamping in Indien: Jeder hat da ganz spezielle Vorstellungen. Man sagt ja auch gerne, dass der erste gemeinsame Urlaub der ultimative Partnerschaftstest ist. Wenn das so wäre, hätten meine Eltern ihn mit Bravour bestanden: Wie man richtig Urlaub macht, da sind sie sich ausnahmsweise mal einig. Das Wohnmobil muss es sein, immer der Sonne hinterher, irgendwo in Süd-Europa.
Mein letzter Urlaub als Kind … wann war das? 2001? 2002? Ich glaube, ich war sechzehn oder siebzehn und fuhr aus Mangel an Alternativen mit. Als Mädchen vom Land kam ich ohne elterlichen Fahrdienst nicht mal zu den Freundinnen ins Nachbardorf. Also gut, dachte ich, noch ein letztes Mal Wohnmobil. Noch ein letztes Mal Ferien als Kind. Und so kletterte ich also die Stiegen ins fahrbare Zuhause hinauf, nahm meinen vertrauten Platz ein, mit dem Hund zu Füßen. Wie jeden Sommer winkte ich der Oma noch ein Mal zum Abschied, wie immer fuhr der Wagen rückwärts aus der Einfahrt, die Straße hinunter, durchs Dorf, über die Landstraße, auf die Autobahn. Und dann immer weiter, immer weiter. Kilometer um Kilometer, Kilometer.

Larissa am Strand
Was war das Ziel in diesem Urlaub? Gab es überhaupt eins? Ich erinnere mich an eiskalten Wind und die Sonne, die erbarmungslos auf uns knallte. Ich erinnere mich an Kopfschmerzen. Belgien, war es nicht Belgien? Ich erinnere mich dunkel an ein hübsches Städtchen, an Brücken und Schokolade. Wo waren wir? In Brügge vielleicht?
Ein paar Tage hielten wir es aus. Ich wickelte mich in meinen Schal ein und jammerte. Also stiegen wir wieder ein, erst der Hund, dann ich. Die Eltern vorne, Mutter am Steuer, Vater mit der Karte. Damals gab es noch kein Smartphone, kein Wetterbericht up-to-date. Wo könnte es wohl schöner sein? Im Süden. Fahren wir nach Süden. Punkte auf der Karte ziehen an meinem inneren Auge vorbei. Mont St. Michel und dazu das Lied von Mike Oldfield im Kopf. Paris. Hitze und ein leidender Border Collie. Weiter, weiter, immer weiter. Lyon. Liebe Eltern, schaut, hier war ich auf Schüleraustausch, wisst ihr noch, damals? Und über die spanische Grenze. Weiter, weiter. Wir hielten in den Pyrenäen, besuchten Dalí in Figueres.
Und dann, was kam dann? Hier gehe ich verloren. Wo waren wir? Es war eine Stadt, es gab eine Promenade am Strand mit Abzocke-Strand-Verkäufern. Aber trifft das nicht auf alle spanischen Touristen-Gebiete zu?
Was haben wir dort gemacht? Haben wir gebadet? Haben wir uns etwas angesehen? Worüber haben wir gesprochen, wovon habe ich geträumt?
Ich sehe meine Eltern in einem Restaurant sitzen. Nichts Elegantes, nur eine Pizzeria für Touristen. Was haben wir dort gegessen? Hat es geschmeckt? Ich höre meine Eltern streiten. Ich sehe mich, wie ich den Hund nehme und einfach gehe. Ich gehe aus dem Restaurant, zum Strand, die Promenade entlang. Weiter, weiter, immer weiter.

Larissa und Hund
Auf der Rückfahrt saß ich vorne auf dem Beifahrersitz neben meinem Vater. Sah hinab auf die Autos, wie die Prinzessin der Autobahn. Ich legte die Beine aufs Armaturenbrett und freute mich auf die Heimat. Ja, ich muss siebzehn gewesen sein. Ein paar Monate später begann ich den Führerschein. Und im Sommer darauf? Blieb ich zu Hause und tauschte Strand und Meer gegen die heimatlichen Berge. Die Prinzessin der Autobahn war nun die Königin der Landstraße – mit ihrem eigenen Auto und einer voll aufgedrehten Anlage, laut singend on the road, irgendwo im südwestfälischen Nirgendwo.

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe „#1 Neu“ des No Robots Magazines. Lies hier kostenlos das komplette Magazin!

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 31 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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4 Kommentare

  1. Wir waren auch viel unterwegs, manchmal geplant, manchmal nicht. Das *Unterwegs sein* ist immer noch meine höchste Form der Entspannung. Ich liebe es, einfach on the road zu sein. Eine Tour zu machen, egal, ob lange geplant oder nicht.

  2. Da habt ihr ja eine ganz schön weite Strecke zurück gelegt und trotzdem kann ich mich gut in dein Teenie-Ich reinfühlen, dass es obwohl der vielen Orte halt doch recht eintönig und langweilig mit den Elterng gewesen sein muss ….als Erwachsene hört es sich wirklich nach Freiheit und Abwechslung an… lg

  3. Stelle ich mir aber schon irgendwie schön vor, so frei und ungezwungen unterwegs zu sein. Sowas hätte es bei uns nie gegeben. Da gabs immer nur All Inclusive und vielleicht mal einen vom Hotel organisierten Ausflug zu irgend nem Kloster/Strand/Bauernhof/Dorf.

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