Tankstelle

Erzähl mir von deinen ersten Jobs!

Alle wollen vorwärts kommen. Zukunft, Kind, Karriereplan. Immer geht es um das Morgen. Aber wie war dein Leben denn, als du ein Kind warst? Wie war es denn als Teenager? Erzähl mal.

Larissa vom No Robots Magazine, Roxana vom early birdy und Sabine vom fadenvogel tauschen jeden ersten Sonntag im Monat Erinnerungsstücke aus. Ein Thema – drei unterschiedliche Texte, drei unterschiedliche Frauen, drei unterschiedliche Leben.

Ich habe in meinem Leben schon rot-blaue Uniformen getragen. Und gelb-blaue. Ich habe Mülleimer ausgeleert und schwere Pakete gestemmt. Ich habe Stunden am Kopierer gestanden und Bewerbungen gesichtet. Ich habe Geld sortiert und Transaktionen bewacht. Ich saß auf unbequemen Hockern und an meinem eigenen Arbeitsplatz. Es heißt immer, Arbeitgeber suchen junge Mitarbeiter, die schon zehn Jahre Arbeitserfahrung haben. Es ist natürlich unmöglich, als Absolvent bereits herausragende Berufserfahrung vorzuweisen. Doch als ich mit vierundzwanzig mein Studium abschloss, habe ich bereits fast zehn Jahre gearbeitet. Und dabei Erfahrungen und Kompetenzen gesammelt, die mir der Hörsaal nicht bieten konnte.

Meinen ersten Job hatte ich ganz klassisch mit fünfzehn: Zeitungen austragen. Ich weiß nicht mehr, wie ich dazu gekommen bin, nicht wie lange ich das gemacht habe oder warum ich damit aufgehört habe. Aber für eine unbestimmte Zeit fuhr ich jeden Freitagnachmittag mit meinem gedrosselten Roller die Straßen lang und warf Zeitungen in Briefkästen.

Tankstelle
Foto: Unsplash/Markus Spiske

Meinen ersten „richtigen“ Job bekam ich kurz nach meinem achtzehnten Geburtstag, als ich alt genug war, um mit Geld arbeiten zu dürfen. Mein ältester Bruder riet mir: „Geh mal zum Knut, der sucht eigentlich immer jemanden.“ Ich wusste bis dato nicht, wer Knut ist, aber ich ging hin und kurz darauf begann ich meine erste Arbeitsstelle als Erwachsene: Zweimal die Woche machte ich in der örtlichen Tankstelle Abenddienst. Ich saß hinter meinem Tresen und beobachtete die Hauptstraße durch die großen Fenster. Zwischendurch fegte ich gewissenhaft den Laden, leerte die Mülleimer aus und füllte Chips-Bestände nach. Viele Kunden waren Stammkunden. Es dauerte nicht lange, bis ich die meisten kannte. Ich wusste, wer zu wem gehört, wer welche Zigaretten raucht. Wer nett ist und wer nicht. Viele kannten mich bereits vorher als „Tochter/Schwester von“. Oft gab es Leerläufe, in denen es wenig zu tun gab. Dann las ich oder lernte fürs Abitur. Manchmal kam eine Freundin vorbei, holte sich einen Kaffee am Automaten und blieb eine Weile zum Quatschen. Im Rückblick war es eine angenehme Arbeit. Nicht gut bezahlt, aber entspannt. Es war ein einfacher Schüler-Job und doch lernte ich so manches: Ein sehr netter Chef ist die meiste Zeit toll – aber seine Enttäuschung schmerzt ungleich mehr, wenn man mal Mist gebaut hat, als wenn einem sowieso alles egal ist. Und immer wieder stand ich vor einem moralischen Dilemma: Ist es eigentlich okay, dass ich als überzeugte Nicht-Raucherin Zigaretten verkaufe? Darf ich dem deutlich Fettleibigen einen riesigen Berg Süßigkeiten mitgeben? Und was ist mit dem netten Herrn, der immer öfter kommt, um sich eine Flasche Schnaps zu holen und dessen Hand dabei zusehends mehr zittert?

Ich blieb drei Jahre. Dann ging ich für ein Semester ins Ausland. Und überhaupt, ich studierte mittlerweile und wohnte längst in der Stadt. Wo in der Zwischenzeit ein bekanntes Möbelhaus eröffnet hatte – eine logische Anlaufstelle für einen neuen Job. Wo ich vorher jeden Abend die gleichen Gesichter sah, stand ich hier einer schier endlosen Schlange Anonymität gegenüber. Ich arbeitete sie wie Fließbandware ab. Ich wurde fürs Weihnachtsgeschäft angestellt und blieb für knapp ein Jahr. An manchen Tagen war ich gut drauf und strahlte die Fremden an. Oft schwieg ich für Stunden. Für viele war ich ein Mensch unterer Klasse. „Warum machen Sie nicht noch eine Kasse auf?“ Ein Klassiker. „Das gehört nicht mehr zu mir! Das müssen Sie doch sehen!“ Wisst ihr was? Diese lustigen kleinen Stäbe an den Kassen, die haben tatsächlich eine Funktion! Denn stellt euch vor: Eine Kassiererin kann nicht hellsehen! Unfassbar, oder? Ich stemmte riesige Pakte alleine mit meinen dürren Ärmchen, während deutlich muskulösere (männliche!) Kunden untätig zusahen, wie ich ihre Unordnung abarbeitete.

Am Ende erlöste mich der pure Zufall. Ein Seminar bei einer ebenso beliebten wie engagierten Professorin, an diesem Morgen erstaunlich schlecht besucht. Die Frage: „Braucht jemand einen Job? Ich suche neue Hilfskräfte.“ Nur zwei Anwesende waren interessiert, einer davon ich. „Ach, Sie waren im Ausland? Also, ich betreue da ein paar ERASMUS-Kooperationen …“ Im neuen Semester hatte ich meinen eigenen Schreibtisch in einem kleinen Räumchen der Uni. Ich hatte Sprechstunden, machte Beratungsgespräche und suchte verzweifelt nach Bewerbungsinformationen auf griechischen Webseiten. Einmal spielte ich eine mittelalterliche Küchenhilfe in der Kinder-Uni. Ich liebte es, Aktenordner durch die Gänge zu tragen. Und da wusste ich: Scheiß auf Abenteuer! Ich liebe das Büro!

Und dann war‘s vorbei: Das Zeugnis flatterte ins Haus, ich exmatrikulierte mich, packte die Kisten in meinem WG-Zimmer. Ich zog von Süd-Westfalen nach Sachsen für meinen ersten richtigen J… äh, für das erste Langzeitpraktikum bei einer großen Zeitschrift.

Aber das ist eine andere Geschichte.

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe „#4 Freaks & Geeks“ des No Robots Magazines. Lies hier kostenlos das komplette Magazin!

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 32 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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