Lieblingslehrer
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Erzähl mir von deinen Lieblingslehrern!

Alle wollen vorwärts kommen. Zukunft, Kind, Karriereplan. Immer geht es um das Morgen. Aber wie war dein Leben denn, als du ein Kind warst? Wie war es denn als Teenager? Erzähl mal.

Larissa vom No Robots Magazine, Roxana vom early birdy und Sabine vom fadenvogel tauschen jeden ersten Sonntag im Monat Erinnerungsstücke aus. Ein Thema – drei unterschiedliche Texte, drei unterschiedliche Frauen, drei unterschiedliche Leben.

In Hörsälen gibt es gewisse Hierarchien. In meinen war diese meist abschlussbasiert. Sprich: Wir, die angestaubten, halb ausgestorbenen, über-engagierten Magister saßen irgendwo vorne, waren diejenigen, die Fragen stellten und College-Block um College-Block mit Notizen vollkritzelten (oder waren diejenigen, die gar nicht erst anwesend waren). Irgendwo in der Mitte waren die Bachelor (oder später Master), sicherlich schon etwas moderner, mit Laptop vor sich, die mehr nach „Punkten” als nach Inhalten fragten. Und ganz hinten, in der letzten Reihe, da waren diejenigen, die während der Vorlesung lieber Online-Poker spielten. Das waren meistens die Lehramtsanwärter. Nirgends verflüchtigt sich der „Mythos Lehrer” so schnell wie in einem Hörsaal.

Lehrer sind für mich kein Mythos mehr, keine unnahbaren Autoritäten. Ich habe mit Lehrern zusammen studiert, mitten in der Nacht im Schlafanzug mit ihnen in WG-Küchen über Literatur diskutiert, habe mit ihnen in heruntergekommenen Schuppen zu Indie-Klassikern getanzt oder treffe sie heute morgens, wenn wir unsere Kinder in der Kita abgeben. Lehrer sind auch einfach nur sympathische oder weniger sympathische Menschen, die ihren Beruf machen.

Lehrer

Foto: Unsplash/Dawid Małecki

Denke ich an meine Schulzeit zurück, so waren Lehrer nie die Schreckensfiguren, die sie für andere sein können. In der Tat hatte ich sogar einen Hang dazu, gerade mit schwierigen Lehrern gut zurecht zu kommen. Das fing schon im ersten Schuljahr mit dem berüchtigten Mathe-Lehrer Herr E. an, der mir zwar bereits im ersten Zeugnis „nicht wieder aufzuholende mathematische Defizite” bescheinigte, aber dennoch mein Lieblingslehrer war. Vielleicht lag darin der besondere Ansporn. Im vierten Schuljahr war ich Klassenbeste bei einer Mathe-Prüfung für die zukünftigen Gymnasiasten (Beschönigungen im Erinnerungsvermögen nach über zwanzig Jahren nicht ausgeschlossen). Von da an hatte ich den Hang dazu, gute Noten bei schwierigen Lehrern zu schreiben und mittelmäßige bei Unterrichtseinheiten, die ich im Schlaf aufsagen konnte. In meinem Fall war ein wenig Druck wohl immer die beste Motivation.

Die besten Lehrer, die ich hatte, waren aber die wenigen, die unübersehbar mit Leidenschaft in ihren Beruf gegangen sind. Lehrer, die nicht nur eine Liebe für ihr Fach mitbrachten, sondern auch den Willen hatten, irgendetwas davon in ihre Schüler hinein zu bekommen. Lehrer, die als Autoritätsperson auftraten, ohne dabei den Respekt vor ihren Schülern zu verlieren.

Einer dieser Lehrer war Herr N., passionierter Theater-Fan, der die Theater AG meiner Schule zu seiner Zeit berühmt machte. (Leider war ich als Schüler viel zu feige, um daran teilzunehmen.) Er schaffte es im zwölften/dreizehnten Schuljahr nicht nur als allererster Lehrer, mir den Sinn und die Freude an Gedichtsinterpretationen schmackhaft zu machen, sondern lies mich auch konsequent die Frau Marthe Rull von Kleists „Der zerbrochene Krug” lesen. Am Ende keimte in mir die Idee auf, Literaturwissenschaften zu studieren. (Und Jahre später traute ich mich dann auch tatsächlich mal auf eine Theaterbühne.)

Dann war da noch Frau K., die mich in verschiedenen Konstellationen fast die ganze Gymnasialzeit über begleitete (Englisch, Deutsch und Englisch als Klassenlehrerin, Deutsch, Englisch-LK), ein echtes Unikat, berühmt für Sätze wie diesen: „Ihr wisst, dass ich gerne schwimmen gehe. Als ich eure Arbeiten gelesen habe, musste erst mal ein paar Bahnen ziehen!” Eine Lehrerin, die kein Blatt vor den Mund nahm, die Unterrichtszeit nicht einfach ab arbeitete und die uns als Menschen sah und nicht nur als Arbeitsmaterial. Sie stellte Klausuraufgaben, durch die ich mich durchbeißen musste (mir ist bis heute nicht klar, warum ich Englisch als Leistungskurs gewählt – und noch weniger, warum ich das auch noch studiert habe), die nicht immer zu zufriedenstellenden Resultaten führten. Aber sie bot mir Unterrichtsstoff, der Spaß machte, der forderte, statt einzulullen. Und nicht zuletzt war sie eine Lehrerin, die mit der Intention auf eine Klassenfahrt fuhr, dort auch Spaß zu haben – als unsere Klassenlehrerin auf Abschlussfahrt in Berlin in der Zehnten oder später als „weibliche Begleitperson” auf Kursfahrt in Prag zu Beginn der Dreizehnten. Dort war sie auch dringend benötigt, denn als Frauen im Mathe-, bzw. Physik-Leistungskurs waren wir kläglich in der Minderheit.

Womit wir zum letzten Lieblingslehrer kommen: Herr S.
Herr S. war auf den ersten Blick mehr Kumpel als Lehrer. Als einer der jüngsten im Kollegium war er ungefähr im gleichen Alter wie mein (deutlich) älterer Bruder und damit nicht in der „Elterngeneration”. Zum ersten Mal traf ich auf Herrn S. in der Unterstufe, wo ich in Physik gnadenlos versagte (aber immerhin gab er uns die Chance, mit freiwilligen, ziemlich miesen Referaten ein bisschen von unserer Unfähigkeit wieder wett zu machen). Das nächste Mal landete sein Name am Anfang der Zwölften auf meinem Stundenplan: im Mathe-Leistungskurs. Bingo! Beide Lieblingslehrer als LK-Lehrer. Sechser im Lotto!
Herr S. war vielleicht ein typischer ehemaliger Mathe- und Physik-Student. Einer dieser eher uncoolen Nerds von diesem mysteriösen „anderen Campus” (die Mathematiker waren an meiner Uni als einzige am anderen Ende der Stadt), ein gemütlicher Typ, der Alkohol nicht mochte, nach eigener Aussage keine Ahnung von Musik hatte und in einer typischen Männer-WG wohnte. Sprich: der Typ Mann, den hippe junge Medien-Mädchen in der Regel ignorieren. Völlig zu unrecht! Denn Herr S. war nicht nur ein witziger Typ, sondern auch ein guter Lehrer. Obwohl sein Unterricht zuweilen leicht chaotisch war („So, das ist easy-peasy. Jetzt bekommen wir diesen Graph hier und die ist ziemlich hässlich und heißt Karl.”), gab es doch in der Stunde der Wahrheit kein Erbarmen: Wer etwas wollte (nämlich gute Noten), der musste dafür arbeiten. Uns wurde nichts geschenkt. Das führte regelmäßig in der Stunde nach der Klausur zu ein wenig Knatsch („Der andere Mathe-LK muss keine Beweise führen!”), aber im Endeffekt hat es bestimmt dazu geführt, dass in unseren grauen Stübchen ein paar Synapsen mehr verknüpft wurden. Und Disziplin haben wir dabei auch noch gelernt. Wer zu spät kam, sammelte Fehl-Minuten und musste bei vollem Punkte-Konto Kuchen backen. (Als miserable Bäckerin kann ich stolz von mir behaupten, dass mein Punkte-Konto bis zum Ende komplett leer war. (Was mitunter daran lag, dass zwei meiner Freundinnen mit in meinem Kurs waren.)) Als ich Herrn S. vor einiger Zeit das letzte Mal gesehen habe, war er mit einer ehemaligen Schülerin liiert. (Eat that, hippe Medien-Mädchen!)

Das ist alles lange her. Ich fürchte fast, ich bin heute älter, als Herr S. damals war. Vermutlich haben alle diese Lehrer mich längst vergessen und ich bin nur noch eine von Hunderten Schülerinnen, die ihnen in den Jahren begegnet sind. Doch Lehrer bleiben ein besonderer Mythos: Menschen, die uns bilden sollen, die uns manchmal quälen, manchmal unterhalten, aber am Ende doch immer langfristig prägen.

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe „#5 Ist hier jemand?“ des No Robots Magazines. Lies hier kostenlos das komplette Magazin!

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 31 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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