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Erzähl mir von … deinen Teenagerträumen

Converse Chucks Teenager

Foto: Unsplash/Foroozan Faraji

Alle wollen vorwärts kommen. Zukunft, Kind, Karriereplan. Immer geht es um das Morgen. Aber wie war dein Leben denn, als du ein Kind warst? Wie war es denn als Teenager? Erzähl mal.

Larissa vom No Robots Magazine, Roxana vom early birdy und Sabine vom fadenvogel tauschen jeden ersten Sonntag im Monat Erinnerungsstücke aus. Ein Thema – drei unterschiedliche Texte, drei unterschiedliche Frauen, drei unterschiedliche Leben.

„Dass ich Angst habe, das ist ja klar. Aber dass ich mich freue …“, schrieb ich damals in mein Tagebuch, als meine Eltern (mal wieder) mit dem Gedanken spielten, mit der Familie wegzuziehen. Und so gab es mich meinen Träumen hin, überwand in meiner Fantasie alle Ängste und Schwierigkeiten und zog in Gedanken an einen anderen Ort.
„Was waren eure Teenagerträume?“, fragte Roxy in dieser Runde von „Erzähl mir von …“. „Welche haben sich erfüllt und welche nicht?“ Und schon stecke ich in einer metaphysischen Zeitreise, gehe zurück, um mein eigenes jüngeres Ich zu treffen. Aber wie weit gehe ich? Zu der bodenständigen Neunzehnjährigen, die sich für einen Studiengang entscheiden muss? Zu der unglücklichen, einsamen Fünfzehnjährigen, die sich so sehr auch einen Freund wünscht? Oder zu der Elfjährigen in Hippieklamotten, die emotionale Tränchen verdrückt, wenn die Kelly Family ihre Ökoschmonzette „When the last tree“ singt? Vielleicht ist es nicht wichtig, denn vielleicht gibt es kein jüngeres oder älteres Ich, vielleicht gibt es nur mich und ich suche immer das Gleiche: Sinnhaftigkeit für mein Leben. Und ein bisschen Liebe.
Aber zu Beginn stand das Abenteuer. „Erzähl mir von früher“, das sagte ich auch damals schon. Immer wieder fragte ich meine Mutter nach ihren wilden Zeiten. Sie sollte mir erzählen, wie sie mal einfach so losfuhr – und am Ende den ganzen Sommer auf einem Boot in Frankreich verbracht hat. In welche Jungs sie verliebt war, mit wem sie in ihren WG-Zeiten zusammengelebt hat. Sie zeigte mir Bilder von langhaarigen Hippie-Typen und von experimentellen Foto-Sessions. Ich sog die Geschichten auf wie ein Heilmittel gegen Langeweile und Einsamkeit. Doch am Ende heilte es nicht, sondern streute nur Salz in meine Wunden. Ich zerfloss vor Sehnsucht nach ein wenig Aufregung. Nach Cliquen und romantischer Liebe mit verruchten Künstlertypen.
Glücklicherweise bin ich kein Mensch, der in Selbstmitleid zergeht – war ich noch nie. Ich ging pragmatisch an meine Träume heran: Ich machte Pläne.

Ziel 1: Raus ins Leben!

Was andere „Landidyll“ nennen, war für mich ein klebriger Morast. Es hielt mich fest, es engte mich ein, es nahm mir die Luft zum Atmen. Jeder Weg endete an einem Berg. Wortwörtlich. Die Welt war mir dort im südwestfälischen Hinterland zu eng. Ich wollte nur eins: Weg, weg, weg.
Weg in all die Abenteuer, die mir Bücher, Fernsehen und meine Mutter versprachen. In diese Welt, die es doch irgendwo da draußen geben musste. Es gab zwei Wege dorthin, einen scheinbar leichten und einen schweren. Meine Freundin wählte den scheinbar leichten, als wir fünfzehn waren. Eines Morgens stieg einfach aus dem Schulbus aus, nahm stattdessen den Bus in die nächste Stadt und von da aus den Zug in die Großstadt. Dann war sie weg. Wochenlang. Als ich sie am Ende des Sommers wiederfand, saß sie mit zerfetzter Strumpfhose und wilder Frisur auf der verruchten Treppe unterm Kölner Dom. Leicht zerknirscht. Sie habe sich gerade mit ihrem Freund gestritten, berichtete sie. Vielleicht wollte sie auch nicht von mir gefunden werden. Einige Zeit später kam sie wieder nach Hause. Doch der Weg zurück war ihr verbaut. Sie konnte nicht einfach wieder mit uns zur Schule gehen. Die Selbstverständlichkeit, ein paar Jahre zu warten, den Abschluss zu machen und dann mit dem Leben zu beginnen, das war ihr verloren gegangen. Ich weiß nicht, was aus ihr geworden ist.
Also entschied ich mich für den langen, anstrengenden Weg: Ich ging zur Schule, ich machte Abitur, ich schrieb mich an der Universität ein. Dort, so wurde mir versprochen, sollte das Leben beginnen.

Ziel 2: Die große Liebe in einem verruchten Künstlertypen finden

Während der Weg ins Leben ein Selbstläufer war, so war der Weg in die Liebe deutlich sperriger. Es war vielmehr gar kein Weg, sondern eine Haltestelle. Ich saß, drehte Däumchen und wartete. Und hoffe, dass es nicht die Enthaltestelle war, an der ich gelandet war. Die Schwärmereien kamen, sie zogen vorbei und die Hoffnung schwand. Und während ich wartete, machte ich Listen. Ich malte mir meinen „Traumboy“, wie bei einem Hexenspuk, in der Vorstellung, dass er aus meinen Tagträumen herauf steigen würde. Er müsste blaue Augen haben, das war klar. Vielleicht blond, aber auf jeden Fall lange Haare. Groß musste er sein, größer als ich. Und schlaksig. Intelligent – klar! – wild, romantisch, philosophisch. Ich träumte von einem Kurt Cobain. Ich begegnete vielen Typen. Den Normalos, den Großen, den Langhaarigen, den Aufregenden (Schwertkämpfer!). Doch alle gingen sie an mir vorbei. Bis ich irgendwann aufgab.
Dann kam er, der blauäugige Mann. Er war nicht groß, alles andere als schlaksig oder langhaarig. Aber immerhin spielte er Gitarre und gab sich aufregend. Schließlich war ich es, die wieder ging. Manche Träume mussten nicht erfüllt werden.

Zum Glück erwachsen

Einundreißig. Früher kam es mir wie eine astronomisch hohe Zahl vor. Heute wundere ich mich, wie ich so alt werden konnte und mich immer noch so „grün“ fühlen kann. An meine Teenagerträume denke ich nicht mehr zurück. Ich habe sie nicht gehen lassen, sie sind einfach dorthin gekommen, wo sie hingehören: in die Realität. Es war holprig, aber ich bin da. Ich habe die wilden WG-Zeiten durchlebt und sie abgehakt. Bin weggegangen, in den Norden, in den Osten und schließlich in den Süden. In die Metropole, so wie ich es mir gewünscht habe. Und ich habe vor, zu bleiben. Ich bin nicht die jüngste Bestseller-Autorin der Welt geworden, wie ich es mir gewünscht hätte, aber ich schreibe. Und das zählt.
Ich träume nicht mehr von der wilden Romantik. Ich verzichte gerne auf die Kurt Cobains dieser Welt. Die Liebe kam, als ich sie nicht mehr gebraucht habe. Mit braunen Augen und kurzen Haaren, mit einem bodenständigen Beruf statt Künstlerambitionen. Diese Liebe ist nicht verrucht, nicht wild. Aber oft sitzen wir zusammen und lachen über die Abenteuer, die wir gemeinsam erlebt haben. Auch wenn sie vielleicht keinen Roman oder Blockbuster wert sind. So ist es eben, das Leben.

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe „#2 Früchte des Zorns“ des No Robots Magazines. Lies hier kostenlos das komplette Magazin!

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 31 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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