Beste Freundin
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Erzähl mir von … deiner besten Schulfreundin!

Alle wollen vorwärts kommen. Zukunft, Kind, Karriereplan. Immer geht es um das Morgen. Aber wie war dein Leben denn, als du ein Kind warst? Wie war es denn als Teenager? Erzähl mal.

Larissa vom No Robots Magazine, Roxana vom early birdy und Sabine vom fadenvogel tauschen jeden ersten Sonntag im Monat Erinnerungsstücke aus. Ein Thema – drei unterschiedliche Texte, drei unterschiedliche Frauen, drei unterschiedliche Leben.

Die Suche nach der besten Freundin ist für viele junge Mädchen ähnlich der Suche nach dem Einen: romantisch überladen und von Hollywood versaut. Und wie in jeder RomCom-Serie habe ich sie alle durch: die Bösen, die Übergangslösungen, die On-/Off-Beziehungen und die dramatischen Trennungen. Also, wir reden hier immer noch von der besten Freundin, klar?
Und wenn man aus meiner Suche nach der besten Freundin eine Serie machen würde, dann wäre L. die zweite Hauptdarstellerin. Und das Publikum würde über viele Staffeln mitfiebern: Kriegen sie sich am Ende oder kriegen sie sich nicht?

Beste Freundin

Foto: Unsplash/Alysa Bajenaru

Prolog

Ich, die Neue im Dorf, drei Jahre alt, finde meine erste beste Freundin. Wir sind ein Herz und eine Seele, bis ihre böse Adoptivmutter uns trennt. Daraufhin gerate ich an das Bad Girl, im weiteren Verlauf die Antagonistin der Serie.

Teil 1 – Grundschule

Ich bin sieben Jahre alt und ich erinnere mich nicht mehr daran, wann L. und ich uns das erste Mal verabredet haben. Aber ich erinnere mich, wie ich das erste Mal ihre Wohnung betrat. Ich bog um den großen Kachelofen in der Küche, wie ich es danach viele Tausende Male gemacht habe. Bei diesem ersten Mal war das Wohnzimmer dahinter mit Malerfolie ausgelegt – L.s Familie renovierte gerade. Und so wurde dieses Haus zu meinem zweiten Zuhause, an das ich vermutlich für meine restliche Kindheit mehr Erinnerungen habe als an mein eigenes. An den zugefrorenen Bach hinterm Haus, auf dem wir im Winter so lange spielten, bis die alte Nachbarin mit der Polizei drohte. An das Schlafzimmer ihrer Eltern, in das wir uns versehentlich ein schlossen, bis wir den Schlüssel aus dem Fenster warfen, damit L.s Vater uns „retten” konnte. An das Dach der Gartenlaube, auf das wir verbotenerweise kletterten. An die Actionfiguren von L.s kleinem Bruder. An den alten Küchentisch in ihrem Zimmer, mit dem ich mir bei einem waghalsigen Stunt fast das Genick gebrochen hätte. Und natürlich an die alten Sofakissen, die uns lange Jahre wahlweise entweder als Pferd oder mir als Schlafstätte dienten. Wir waren praktisch unzertrennlich. Oder vielmehr: theoretisch. Wenn da nicht die Antagonistin gewesen wäre. Oder einfach nur die Ungereimtheiten unserer Temperamente, die auch schon mal dazu führten, dass ich im tiefsten Winter nur in pinker Leggins und Pullover bekleidet die halbe Stunde nach Hause lief, weil ich zu erzürnt war, um auf ihre Mutter zu warten und zu fragen, wo mein Schneeanzug zum Trocknen hing. Briefe mit dem Wortlaut: „Ich bin nicht mehr deine beste Freundin. Die Antagonistin ist jetzt meine beste Freundin.”

Der große Cliffhanger: Das Ende der Grundschule. Werden wir durch den Schulwechsel getrennt?

Teil 2 – Gymnasium

Nein, werden wir nicht. Jedenfalls nicht direkt. Denn unsere Freundschaft bringt mich schließlich dazu, mit ihr aufs Gymnasium zu wechseln. Und so blieben wir zusammen, L. und L. Die eine groß und brünett, die andere klein und blond, aber für lange Zeit für den ein oder anderen Lehrer nicht zu unterscheiden. Die Pferde tauschten wir gegen die frühen Lieben der Jugend: die Kelly Family und Caught in the Act, eine Kombination, die durchaus eine Freundschaft zerstören konnte. Und dann waren da die anderen. Ja, seien wir ehrlich: L. ging zuerst fremd. Die Antagonistin war immer noch da (aber zum Glück nicht mehr lange). Es gab die eine, die ihre Liebe zu Caught in the Act teilte. Ich datete N., doch das ging nach hinten los: L. und N. gingen eine lange, ernsthafte Freundschaftsbeziehung ein! Es kamen andere hinzu, eine Zeitlang waren wir „Wir vier” – L. und N., und L. und N., die mich eine Weile als beste Freundin begleitete (aber das ist eine andere und am Ende durchaus schmerzhafte Geschichte – auf mehreren Ebenen). Schließlich kamen die Männer in unserer Leben, oder vielmehr in ihr Leben. Aus „wir vier” wurden drei Paare und ich. Es folgte Entzweiung, nächtliche Krisengespräche auf der Treppe im Dorf (unserem Lieblingsplatz). Vielleicht wären wir für immer auseinander gegangen, wenn uns nicht längst etwas anderes zusammenhielt: die enge Freundschaft unserer Mütter (auch genannt: das überaus fehlerhafte Buschtelefon).

Der große Cliffhanger: Eine große Katastrophe, die für L. vielleicht alles änderte. Und vieles auch für mich.

Teil 3 – Oberstufe

Wir haben überlebt. Und irgendwie waren wir plötzlich halbwegs erwachsen. N. und N. verschwanden langsam von unserer Schule und schließlich auch aus unseren Leben. Mit Beginn des elften Schuljahres waren wir als einzige übrig. Das gemeinsame Ziel vor Augen brachte uns wieder enger zusammen, wenn auch nur vormittags. Gemeinsame Freistunden, gemeinsam Mathe-LK, die Abschlussfahrt nach Prag (gemeinsam mit unserer Freundin G., meiner Interviewpartnerin aus dem Artikel „Wir sind doch keine Russen!”). Die größten Dramen dieser Zeit waren eine tote Katze, Trennungen und Neuorientierung. Am Ende machten wir das Abitur – vor den (mehr oder weniger freiwilligen) Nachprüfungen sogar mit exakt der gleichen Punktzahl. Auf dem Foto vom Abiball bin ich nicht etwa mit meinen Eltern (oder dem nicht-vorhanden Freund) zu sehen, sondern mit L. Das war nur konsequent.

Epilog

Unsere erste Reise als Erwachsene war gleichzeitig unsere letzte große Reise zusammen. Mit meinem kleinen Auto klapperten wir verschiedene Internet-Freundinnen ab, von Stuttgart über München bis in die Alpen.

Und? Kriegen sie sich am Ende? Nein. Wer ist Schuld? Niemand. Das Leben.

Am Ende zogen wir aus. Von zu Hause, aus unserem Dorf, in die Stadt, in die Welt. Sie wurde Chemikerin, ich studierte Literaturwissenschaft. Wir fanden neue Freunde, neuen Lieben, neue Seelenverwandte. Was bleibt, ist die gemeinsame Kindheit und Jugend, die gemeinsamen Erinnerungen, die wir mit niemandem sonst teilen oder je teilen werden.

Und so blieben wir am Ende einfach nur Freunde.

Dieser Artikel war Teil des No Robots Magazine #6 Rausch.

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 31 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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