Lagerfeuer
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Erzähl mir von … deiner ersten Party

Alle wollen vorwärts kommen. Zukunft, Kind, Karriereplan. Immer geht es um das Morgen. Aber wie war dein Leben denn, als du ein Kind warst? Wie war es denn als Teenager? Erzähl mal.

Larissa vom No Robots Magazine, Roxana vom early birdy und Sabine vom fadenvogel tauschen jeden ersten Sonntag im Monat Erinnerungsstücke aus. Ein Thema – drei unterschiedliche Texte, drei unterschiedliche Frauen, drei unterschiedliche Leben.

Lagerfeuer

Foto: Pexels.com

Der Regen prasselte  auf die Plane des zusammengezimmerten Pavillons. Natürlich regnete es. Es war Pfingsten. Wann regnet es da mal nicht?
In der Dunkelheit ließ sich wenig erkennen, aber nur wenige Schritte entfernt sprang der kleine Weihe unter den Regentropfen. Platsch, platsch, platsch. Passte man nicht auf, konnte man leicht hineinfallen.
Auch das Lagerfeuer prasselte. Bestimmt gab es ein Lagerfeuer. Kalt war es, an diesem letzten Mai-Wochenende. Aber wenn man sich mit seinem ergatterten Plastikstuhl nur nah genug ans Feuer setzte, dann war es doch ein bisschen gemütlich.
Die Anlange spielte „One“ von Metallica. Und ich dachte: Das ist die romantischste Nacht meines Lebens.

Aber von Anfang an …

Die erste Party, erinnert ihr euch noch daran? Vielleicht seid ihr in der Stadt aufgewachsen, vielleicht seid ihr ganz anders groß geworden als ich. Vielleicht habt ihr euch heimlich bei Freundinnen getroffen, wenn die Eltern ausgeflogen waren. Vielleicht habt ihr euch in Clubs geschmuggelt und gehofft, dass euch keiner nach euren Ausweisen fragen würde. Vielleicht war es ganz normal für euch, nachts in der U-Bahn noch das letzte Bier zu trinken.
Von dieser Welt wusste ich wenig.
Ich bin in einem kleinen Dorf aufgewachsen. Und tatsächlich habe ich den größten Teil meiner Jugend in einem noch kleineren Dorf verbracht. Ein Ort, der nicht mal eine Ampel hat. Ja, nicht mal einen Zebrastreifen. Ein Ort, in dem man nachts auf der Hauptstraße tanzen konnte. Und in dem die Omas im Regen die Blumen gossen, um ja im Auge zu behalten, was diese verkorksten jungen Mädchen mit ihren schwarzen Klamotten da eigentlich machten.
Wächst man in der Pampa auf, dann sollte man auch gleich richtig in die Pampa gehen. Da, wo es die Dorfjugend gibt. Die Jungs mit ihren Mopeds, Teenager, die an Bushaltestellen rumlungern. Jeder kennt jeden. Man muss nur an einem bestimmten Punkt rumsitzen und früher oder später kommt jemand vorbei, den man kennt.

Die erste Party …

… habe ich genau genommen verpasst. Wir waren zwölf, als meine Freundinnen zum ersten Mal beschlossen, Pfingsten zu zelten. Ich schwänzte die Veranstaltung.
Ein Jahr später, nun also dreizehn, war ich mutig genug, dabei zu sein.
„Kommt über Pfingsten in unser Dorf. Da ist richtig was los!“, forderte meine Schulfreundin uns auf. „An Pfingsten machen wir Faulstechen!“ Wem es so geht wie mir und davon noch nie gehört hat: Beim Faulstechen darf man am Pfingstsonntag alles im Dorf verstecken, was nicht niet- und nagelfest ist (so lange man es nicht wirklich klaut oder kaputt macht). Ein großer Spaß, wurde uns versprochen.
Also schlugen wir unsere Zelte auf, am Waldrand, direkt hinter dem Garten, in Sichtweite der Eltern. Aber was macht das schon? Wir waren frei, zu tun und zu lassen, was wir wollten!
Und bald stellten wir fest, dass der eigentlich Spaß ganz woanders war: am Dorfweiher, einige Hundert Meter zu Fuß in den Wald hinein. Dort hatte sich die Dorfjugend niedergelassen, mit zusammengezimmertem Pavillon, Lagerfeuer und Musik. Die Dorfjugend, das waren nicht wir. Das waren vielleicht die älteren Jungs auf den Mopeds. Aber noch eher waren es die viel älteren Jungs, damals achtzehn, neunzehn Jahre alt. Ihr erinnert euch: Wir waren dreizehn. Wir waren also nicht wirklich erwünscht. Das störte uns wenig.

Zelte

Das Zwitschern der Vögel, der Geruch vom Tau am Morgen und Weißbrot mit Nutella zum Frühstück: nostalgische Erinnerungen ans Zelten und die erste Party.
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Nostalgie und Schön-Färberei

Pfingsten 1998, das war meine erste Party. Manchmal fühle ich mich für einen Moment des Déja-Vues wieder wie damals. Rieche wieder das Lagerfeuer, höre das Prasseln des Regens. Fühle die Sentimentalität der Dreizehnjährigen.
Oder war ich schon vierzehn? Ein Jahr später, gleicher Ort, gleiche Zeit, gab es die gleiche Party. Im Nachhinein verschwimmen die Fakten. Vielleicht war es auch ein ganz anderer Tag, eine andere Nacht, ein Besuch bei der Freundin und kein Zelt. Was bleibt, sind die Erinnerungen.
Wie wir nachts über die Wiesen gestolpert sind, nur das Sternenlicht hat uns den Weg geleuchtet und jeder Kiesel konnte eine Stolperfalle sein.
Wie man uns loswerden wollte, aber doch irgendwann notgedrungen akzeptierte.
Wie wir uns frech und selbstbewusst gaben, aber doch die großen Jungs eigentlich sehr bewunderten …
… und bestimmt in den ein oder anderen heimlich verknallt waren.
Wie stolz wir waren, wenn die großen Jungs uns bei unsren Zelten besucht haben … auch wenn das nur bedeutete, dass die Zelte den Abhang runtergekugelt wurden (egal, ob wir mit drin saßen oder nicht).
Wie man nur zu zweit in den Wald ging, wenn man pinkeln musste – man wusste ja nie, ob man nicht über ein Wildschwein stolperte.
Wie wir zum ersten Mal die sturzbetrunkene Freundin nach Hause tragen mussten.
Am Ende ging es um Freundschaft. Eine Freundschaft, wie sie nur Teenager haben.
Und um eine Sentimentalität, wie sie nur Teenager haben.
Manchmal rieche ich es noch, das Lagerfeuer, höre den Regen prasseln. Werde ganz romantisch, wenn Metallica läuft.
Bestimmt hatte ich Angst in diesen Nächten. Angst in der Dunkelheit, Angst vor den Wildschweinen. Fürchtete mich ein wenig vor den Großen, sorgte mich um die Freundschaft. Bestimmt haben wir uns auch gestritten. Teenager-Mädchen streiten sich doch eigentlich ständig. Zurück bleibt Schön-Färberei und Nostalgie, eine Erinnerung an eine Welt, von der ich heute nicht mehr viel lebe. Damals, bei meiner ersten Party.

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 31 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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6 Kommentare

  1. ich muss gestehen, dass ich erst mit um die 20 auf meine ersten Partys gegangen bin. Wenn man als Teenager Panikattacken und eine Angststörung hat, meidet man Partys wohl. Zumal ich nie eingeladen wurde, abgesehen von den typischen Geburtstags“partys“. Wirkliche Partys habe ich erst mit Mitte/Ende 20 erlebt. Aber ohne Alkoholabstürze.

    Interessant finde ich, dass zwei der drei Erlebnisse an Pfingsten stattgefunden haben. Dieser Feiertag muss irgendwas haben. Ich weiß, dass mein Freund und seinen Freunde über Pfingsten oft nach Domburg in den Niederlanden gefahren sind. Da waren sie allerdings auch schon was älter (Studenten).

    • Ach, im Nachhinein wird ja auch viel verklärt. Ich wette, wenn meine damaligen Freunde ihre Sicht auf meine Partyerlebnisse schildern, dann sagen sie vor allem: Die Larissa hatte die ganze Zeit vor allem Angst und hat keinen Tropfen getrunken, die alte Spielverderberin! 😉

      • Gestern Abend: alte Freunde, eine Menge Whiskey und Rotwein, kein Fernseher, sondern Gespräche draußen auf der Terrasse. Ein Babyphone und das erste Fläschchen um halb eins. Am nächsten Morgen einen Kater zwischen vier Kindern und Seifenblasen. Doch, ich würd auch sagen, die besten Parties finden draußen statt. Nicht noch, sondern wieder – da bin ich dabei.

  2. Auch ich habe einen Song mitgenommen. Auch ich war draußen. Nur gesehen habe ich die Leute nie wieder. Und ich kannte sie auch nicht. Ähnlichkeiten finden sich trotzdem. Obwohl du immer behauptest, unsere Umgebung zum Aufwachsen hätte nicht unterschiedlicher sein können – wenn sich sich zumindest in den Grenzen dieses Landes abspielte. Und dennoch: wir tragen gleiche Erinnerungsteile mit uns herum. 🙂

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