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Facebook – die Zeitung der Zukunft

Neulich hörte ich folgende Prophezeiung: „In drei Jahren wird es kein Facebook mehr geben.“
„Wie schrecklich!“, dachte ich. Denn trotz seines andauernden schlechten Rufs, ist Facebook für mich einfach unersetzlich geworden. Ein Hoch auf das Web 2.0!

Ich gebe zu, lange gehörte ich ebenfalls zu den Facebook-Skeptikern. Vor einigen Jahren reichte mir das gute alte StudiVZ noch vollkommen als Kommunikationsmittel aus. Bis mich ausgerechnet der Film The Social Network überzeugte, es doch noch mal mit Facebook zu versuchen. (Warum, das lässt sich nicht so leicht erklären.) Und da stellte ich fest, dass Facebook sich zu einem Medium entwickelt hat, das meinen Alltag vielfach erleichtert.

Facebook

Die ganze Welt in einer Timeline

Social Network nennt sich das offiziell. Für mich ist Facebook aber einfach eine perfekt auf mich zugeschnittene Zeitung. Meine Timeline sieht meistens ungefähr so aus: Spiegel Online, Spiegel Online, Buzzfeed, Süddeutsche, BBC, Süddeutsche, New York Times, ein Post von irgendeinem Bekannten, Buzzfeed, Info von einer Band, die ich mag. Ich persönlich gehöre ja zu den Menschen, die gerne Bescheid wissen, was in der Welt so vor sich geht. Mich interessiert Außenpolitik, mich interessieren wissenschaftliche Entdeckungen, mich interessieren Filme, mich interessieren bestimmte Bands und mich interessieren Katzenfotos. Sicherlich könnte ich morgens in der U-Bahn die Süddeutsche lesen, um mich zu informieren. Aber zum einen bin ich kein Fan von Zeitungspapier (Zeitungsformat geht mir echt auf die Nerven) und zum anderen deckt eine Zeitung einfach nicht mein Interessenspektrum. Sicherlich könnte ich auch einen RSS-Feed einstellen. Aber wofür? Ich habe Facebook, das mir alles gibt, was ich wissen muss.
Nicht zu unterschätzen sind auch Facebook-Kommentare. Die eignen sich in 99% der Fälle dazu, sich mal richtig aufzuregen und jedes optimistische Bild zum Zustand der Menschheit gradezurücken. In manchen Fällen schreibt aber doch auch mal jemand etwas Kluges, das zur Diskussion beiträgt.
Bildung kann niemals auf einer Schiene laufen. Um sich eine Meinung bilden zu können, braucht man selbstverständlich verschiedene Blickrichtungen auf ein Thema. Und da erspart einem Facebook verdammt viel Zeit. Und noch dazu bietet es auch Unterhaltung von Katzenvideos bis Nerd-Kram.

Privat war früher anders

Selbstverständlich ist Facebook mit seinem Chat oder mobil mit dem Messenger auch ein super praktisches Instrument, um mit seinen Freunden in Kontakt zu bleiben. Facebook-Kritiker winken da nur ab. Wofür noch Facebook, wo es doch WhatsApp gibt? Das kann ich euch sagen: Es gibt drei gute Gründe. Den ersten habe ich euch im ersten Absatz erläutert. Der zweite ist, dass WhatsApp mit seinen Sicherheitslücken tausendmal schlimmer ist als Facebook (auch wenn sich das in Zukunft vielleicht ändern wird, jetzt wo WhatsApp de facto zu  Facebook gehört). Und drittens: Ihr habt keine Lust auf Statusmeldungen á la „Mir ist so langweilig“ oder schlechte Handyfotos vom Mittagessen? Lässt sich alles filtern.
Ja, Statusmeldungen sind aber auch schon eine komische Sache. Ich habe auf Facebook 142 „Freunde“, was vermutlich noch relativ wenig ist. Die wenigsten davon sind selbstverständlich wirklich meine Freunde. Es sind ehemalige Bekannte, Mitschüler, alte Kollegen oder aktuelle Kollegen, vor allem aus dem Ausland. Von keinem möchte ich wissen, was er gerade zu Mittag isst. Der Punkt ist: Privat war früher anders.
Gehen wir mal ein paar Jahre in der Zeit zurück. Irgendwann, vor dem Internet. Auch damals gab es schon Dinge, die der Otto-Normal-Verbraucher der Welt mitteilen wollte. Damals machte man das noch ganz altmodisch mit einem Inserat in der Zeitung. Die konnten folgendermaßen aussehen: Michael und Dörte wollen ihre Verlobung verkünden. Anton und Anita heiraten am Sonntag um 13 Uhr in Kirche XY. Hurra, Anna-Lena hat eine kleine Schwester bekommen! Oder: Wir sind so traurig, unsere liebe Großtante ist gestorben, Beerdigung ist dann und dann.
Das macht heute kaum noch jemand. Wenn man der Welt etwas mitteilen will, dann benutzt man dafür das Internet. Erstaunlicherweise hat sich in den letzten 15 Jahren jedoch das Verständnis für „privat“ grundlegend geändert. Zwar erfahre ich, dass Mitschüler X heute in dieser oder jener Bar rumhängt oder Mitschüler Y gerade im Urlaub auf Malle ist (oh, wie schön, ich weiß, welche Wohnung gerade leer steht …) oder Mitschülerin Z auf Selfies nicht besonders gut aussieht. Diese Dinge gelten als so wenig privat, dass man sie ohne mit der Wimper zu zucken mit jedem teilt, der es hören will. Aber dass Studienfreundinnen A und B Kinder bekommen haben, das lässt heute sich nur noch zwischen den Zeilen erraten. Schlafstörungen werden öffentlich gemacht, die Familienvergrößerung dagegen ist zu privat für die Welt.

Nein, Facebook ist für mich kein Social Network. Es ist für mich eine perfekt zugeschnittene Zeitung, an der jeder teilhaben kann. Durch Brandpages kann ich mir den redaktionellen Teil mit für mich interessanten Inhalten zusammenschustern. Meine Kontakte füllen die „Inserate“. In jeder Zeitung gibt es Raum für „Verkaufe Fahrrad“ (Facebook: Flohmarkt-Gruppe) oder „Suche nette Bekanntschaft für lustige Unternehmungen“ (Facebook-Gruppen für Aktivitäten gibt es in jeder größeren Stadt) oder „Ich habe einen Beitrag über folgendes Thema geschrieben“ (dank eigenen Facebook-Seiten zum Beispiel wie der vom No Robots Magazine) oder „Wir möchten verkünden, dass wir ein neues Familienmitglied haben“ (eingeschränkt auf die Kontakte, denen man die frohe Botschaft verkünden will). Aber niemand hätte je ein Inserat mit den Worten geschrieben: „Heute gibt’s Schinken zum Frühstück!“ Warum muss man es jetzt mit der ganzen Welt teilen?
In drei Jahren soll es kein Facebook mehr geben? Schreckliche Vorstellung! Facebook ist ein unglaublich praktisches Tool, um über alles informiert zu bleiben. Wünschenswert wäre nur, wenn die User es auch als solches betrachten würden.

 

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 31 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 31 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

5 Kommentare

  1. Im Wesentlichen handhabe ich das genau wie du. Früher war ich zwar durchaus down mit dem Posten und Liken diverser Lebensereignisse in meinem Bekanntenkreis („Freunde“ ist angesichts der großen Zahl im sozialen Netzwerk wirklich kein passender Begriff), inzwischen nutze ich Facebook aber hauptsächlich um interessante Artikel zu entdecken und über Buzzfeed Gifs zu lachen. Dass die eifrigen Menschen dahinter Daten sammeln, Werbung schalten und aus dir nette kleine Onlinepersona basteln, sollte wirklich jedem klar sein , der in irgendeiner Form im Internet aktiv ist. Toll find ich’s auch nicht, aber man kann da immerhin durch falsche Namen und das Zurückhalten wirklich relevanter Informationen ein bisschen gegensteuern – wenn dann gegelegentlich Zalando-Werbung aufploppt, weil ich vor kurzem mal wieder neue Sneakers gegoogelt habe, kann ich damit leben.

    Allerdings glaube ich auch, dass Facebook in den nächsten Jahren tatsächlich verschwinden wird, weil immer mehr Nutzer zu anderen Plattformen (Twitter, Instagram) abwandern. Kann mir auch gut vorstellen, dass demnächst ein ähnliches aber minimal besseres Konzept aus dem Boden gestampft wird und Facebook dann dasselbe Schicksal erleidet wie StudiVZ, als Facebook aus dem Boden gestampft wurde 😀 We’ll see.

    • Wenn es eine wirklich bessere Alternative gibt, mag ich das glauben. Gibt es aber bisher nicht. Instagram und Co sind ja kein wirklicher Ersatz, weil sie andere Funktionen haben (zumal Instagram Facebook gehört.)

  2. Da hast du recht. Punkt.

    Nee, wirklich, du benutzt Facebook so, wie es die digital natives wohl verwenden sollten. Gefiltert, Zugeschnitten, auf die eigenen Interessen eingedampft. Die Idee dahinter war bestimmt mal eine andere. Die Daten und dein Benutzerprofil werden bestimmt auch ausgewertet, aber so what. Facebook hat nicht erfunden, dass man Marktanalyse durchführt… vielleicht kommt dann raus, dass die heutige Frau in westlichen Europa sich für die Welt interessiert und gebildet ist? Wäre ja auch nicht die schlechteste Analyse.

    Facebook lässt sich auf so viele Arten nutzen. Nev Schulmann und catfish, Revolutionen absprechen, Babyphoto-Babylon, Zeitungen lesen. Ich habe meinen account inzwischen wieder aufgebaut, verwende meinen Klarnamen und poste nur Blogkram – von anderen, vom fadenvogel. Ich werde jetzt dann die Filter der Privatnachrichten einrichten und die News, wie du sie benutzt, mal ausprobieren. Vielleicht hast du recht. Man sollte die Dinge benutzen, und sich nicht benutzen lassen….

    • Ich mache mir auch keinen allzu großen Kopf um die Marktanalyse. Zum einen benutze ich keinen Klarnamen, weil ich nicht von jedem gefunden werden will. Und zum anderen … ja, ich bin eben eine Frau Ende Zwanzig … dann präsentiert mir halt Hochzeits- und Baby-Werbung. Stört mich nicht. Im Gegenteil. Manchmal sage ich Facebook sogar, wenn mich etwas nicht interessiert, damit sie mir bessere Werbung schicken. Vielleicht ist ja sogar etwas Interessantes für mich dabei?

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