Anfang
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Fließende Übergänge

Sind Geschichten ein Grundbedürfnis wie Essen und Trinken? Vielleicht nicht auf den ersten Blick. Und doch erzählen wir uns alle Geschichten. Die über uns selbst ist womöglich die Wichtigste. Wie wir diese erzählen, wie wir erklären, was wir getan haben, was wir tun werden, sagt etwas über uns aus. Über unsere Persönlichkeit. Mehr noch, die Geschichte über uns selbst ist unsere Persönlichkeit.

Sie ist nicht starr, sie fließt. Sie passt sich an. Alle Geschichten haben einen Anfang. Sie haben Zäsuren, an denen die Dinge neu beginnen. Im Rückblick scheint es ganz klar zu sein. Hier ging es los, die Reise, das Unbekannte. Aber sind Anfänge wirklich so einfach zu erkennen? Oder legen wir sie selbst als Ordnungsmarken in unseren eigenen Erzählfluss – und das meistens im Rückblick?

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Foto: Pexels.com

Wann ist der Punkt, dass es ein Anfang ist?

Es ist mir einige Male passiert. Wenn ich dachte, nun geht es los, das ist ein Anfang, dann war es doch nicht so neu. Man geht ins Ausland, zieht in eine neue Stadt. Das sind alles einschneidende Erlebnisse. Es sind Begebenheiten, die Neues mit sich bringen, die einen zwingen, sich Neuem zu stellen. Aber waren es die Punkte, die ich im Rückblick als Anfänge wahrnehme? Der Punkt, an dem man etwas neu gesehen hat, sich veränderte, noch nicht beschrittene Wege testete? Nicht immer waren sie das. Nicht zwangsläufig. Dafür habe ich beinahe unbemerkte Momente, die wichtige Anfänge wurden. Kleine, unbemerkte Alltagsentscheidungen können es sein. Ich kenne solche Geschichten auch von anderen. Der Tag, an dem man nicht mehr den Bus ins Büro nahm, sondern das Fahrrad, eher spontan und wenig durchdacht, wurde zum Beginn eines neuen Körpergefühls, das schließlich zu einem Jobwechsel führte. Ein kurzes Treffen mit einer alten Studienkollegin und ihrem Kind, welches sich schließlich zu der Erkenntnis auswuchs, das man selbst Mutter werden will. Aber nicht mit dem jetzigen Partner an der Seite.

Unsere Anfänge bestimmen wir selbst – im Nachhinein

Mit Anfängen ist es ein wenig wie mit Entscheidungen. Es zeigt sich erst in der Rückschau, was wurde. Selten erfährt man, was gewesen wäre. Ein wenig müssen wir also immer in der eigenen Vorstellung konstruieren. Wie wir unsere Lebensgeschichte schreiben, unserer Existenz einen Sinn geben, wird gern untersucht. Unsere Erzählung verändert sich ständig, sie ist geprägt von unseren Emotionen im Moment der Erzählung und wird zum Ende unseres Lebens hin immer positiver. Wir erzählen sie gern wie einen Roman, in Kapiteln, die Ereignisse bündeln. Und wir werden beeinflusst von kulturellen Normen, unsere Geschichte entsteht nicht in einem Vakuum. In einer Zeit, die die Veränderung preist, die Selbstoptimierung, das sich-selbst-neu-erfinden beklatscht, erzählen wir besonders gern Anfänge. Bewusste, selbstgewählte Anfänge. Dies sind die Geschichten von dem Jahr Auszeit, in dem man sich einen ganz neuen Blick auf die Welt ersegelte. Von DEM beruflichen kalten Sprungs ins Wasser. Es sind aktive Geschichten, in denen wir als Protagonisten sichtbar werden. Als die, die sich selbst ihre Veränderungen ins Stammbuch schreiben. Die ihr Leben in die Hand nehmen und die Dinge neu formen.

Unsere Anfänge sind fließende Übergänge

Diese Erzählungen werden dann zur selbst gestalteten Visitenkarte. Sie sollen anderen zeigen, wer wir sein wollen. Und sind dann oft mehr Bewerbung bei als Chronik. Dabei ist es keine Schwäche geformt zu werden, von den Umständen, vom Leben – ohne aktiv einzugreifen oder danach zu suchen. Wir mögen gern Anfänge suchen, aber sie werden uns finden. Ich bin mir sicher, wirkliche Ursprünge sind nicht selten leise und unbemerkt. Sie sind weniger Startpunkte, an denen man sich in vollem Bewusstsein an die Ziellinie begibt und auf den Ton zum Loslaufen wartet, als vielmehr fließende Übergänge. Sie machen sich tonlos auf, schwellen an und reißen uns erst dann mit. Und manchmal wird uns ihre Gegenwart erst bewusst, wenn wir uns bereits ganz und gar im Strudel des Neuen befinden.

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe „#1 Neu“ des No Robots Magazines. Lies hier kostenlos das komplette Magazin!

 

Corinne

Corinne, *1982, ist Autorin des makellosmag. Dort schreibt sie über das Leben und unseren Platz in der Welt - und vor allem über die Stupidität unserer Gesellschaft.

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