Informatikerin
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Frau Informatikerin

Alle hatten vor mir einen Computer. Mit vierzehn ich dann endlich auch. Passiert das Kindern heutzutage wohl noch? Unwahrscheinlich. Es ging mir nicht nur ums Zocken, aber Computerspiele hatten schon einen gewissen Reiz. Hausaufgaben machen war einfacher. Ich konnte im Internet über alle Dinge lesen, die ich wollte und über die ich mit niemandem reden konnte. Zum Beispiel meine Lieblingsanime und -manga. Endlich. Meine Eltern runzelten die Stirn, das Mädchen sitzt ja nur noch vor dem Kasten. Die kleine Welt wirkte für mich aber plötzlich so groß. Über das Wort „Programmieren“ bin ich einige Male gestolpert, aber habe immer Tutorials im Internet aufgespürt, die für mich Laien zu schwer waren. Die Neugier war aber da. Wie programmiert man denn? Mit achtzehn sollte die Frage geklärt werden. Wir haben angefangen, im Informatikunterricht zu programmieren. JAVA wurde meine erste Programmiersprache. Gute Wahl, Herr Informatik-Lehrer, dessen Name hier nicht genannt werden soll. Als mein erstes Programm lief und nur ganz gewöhnlich „Hello World“ auf der Konsole am Bildschirm ausgab, war mir klar: Ich werde Softwareentwicklerin. Ein einfaches „Hello World“ war wie das Heureka der angehenden Programmiererin. Banal für Fortgeschrittene – aber es ist so. Es war, als würde die Sonne aufgehen. Und meine Eltern waren unendlich froh. Eine zukunftsträchtige Branche, gute Aussichten, einen Job zu finden. Haben die Stunden vor dem Kasten also doch was gebracht. Von Vorurteilen gegenüber Informatikern wusste ich bis dahin ehrlich gesagt nicht viel.

Informatikerin

Foto: Unsplash/Crew

Dass der Frauenanteil nicht besonders groß sein wird, ahnte ich. Erst kurz vor dem Beginn des Studiums hörte ich von den gängigen Vorurteilen. Wenig sozial, wenig kommunikativ, Eigenbrötler und Kellerkinder – so seien Informatiker. Meine Kommilitonen waren zwar tatsächlich alles Männer, und ich die einzige Frau, aber der Rest traf nur in ganz unterschiedlichen Schweregraden zu. Bei manchen voll, bei anderen gar nicht. Eigentlich sind wir ein sehr bunter Haufen. So wie – Überraschung – alle Menschen. Es gibt andere Weisheiten darüber, was Informatiker ausmacht oder was man mitbringen muss, wenn man Informatik studieren will. Man muss sich gut mit Mathe auskennen und eine Affinität zu Technik haben. Logisches und abstraktes Denken ist sehr wichtig. Und ich bin auch heute noch der festen Ansicht, dass das auch alles ist, was man über Informatik (und Informatiker) wissen muss und was man mitbringen sollte. Es gibt ganz unterschiedliche Ansichten darüber, ob man für MINT-Fächer geschaffen sein muss. Manche sagen, dass man logisches Denken nicht erlernen kann, sondern dass das eine Eigenschaft ist, die man hat oder nicht. Da ich kein Biologe bin, kann ich dazu nichts sagen. Aber ich würde nie sagen, dass man sich von einem Informatikstudium abhalten lassen soll. Ich war sehr gut in Mathe, aber ich bin an der Uni gegen eine Mauer gelaufen. Die Anforderungen waren höher, meine guten Noten aus der Schule mit den schlanken Einsen auf dem Papier schienen mich auszulachen. Hier war alles schwerer. Ein Genie, dem alles zufliegt, war ich nicht. Oder nicht mehr. Ich musste lernen und kann daher sagen: Ja, man kommt natürlich mit Lernen weiter. Programmieren hat nie aufgehört, mir Spaß zu machen. Programmiersprachen und -konzepte faszinierten mich. Wie unterschiedlich die Sprachen sein können und was man alles coden kann, um sich das Leben einfacher zu machen. Damit der Computer tut, was man will. Befehle in menschenverständlicher Sprache, die irgendwie auf abstrakter, unterster Ebene Einsen und Nullen sind. Faszinierend.

Nicht jeder sieht das aber, wenn er mich anschaut. Manche hielten mich für eine BWL-Studentin, weil das wohl der Studiengang meiner Technischen Universität mit der größten Anzahl weiblicher Studenten war. Bevor ich Informatik studieren wollte, sagte ein Bekannter meiner Mutter, dass er auch mal eine Frau im Studium hatte und die musste von den anderen durchgeschleift werden, weil sie es sonst nicht geschafft hätte. Als ich mal durch eine Mathematik-Prüfung durchgefallen war, sagte mir ein Kommilitone, dass ich doch was studieren sollte, dass mir mehr liegt. Warum? In C-Programmierung stand eine Eins vor dem Komma. Dem anderen männlichen Kommilitonen, der nicht durch Analysis I durchgefallen war, hat er diesen lebensrettenden Hinweis nicht gegeben. Warum wohl? So hat jeder seine Meinung zu dem Thema „Frau und Informatik“. Ich auch. Meine Meinung ist: einfach machen. Man braucht ein bisschen Herzblut für die Informatik. Es muss einem Spaß machen. Das merkt man, wenn man an der Platine des geöffneten, ausgeweideten Rechners rumfriemelt oder mal ein Programm schreibt. Und Informatik ist kein so frauen-unfreundliches Pflaster wie es vielleicht Medien, Meinungen oder meine zwei schlechten Beispiele zu Anfang des Absatzes vermitteln. Es blieb bei einer Anzahl an Sprüchen, die ich an einer Hand abzählen kann. Das sind auch nicht mehr fiese Seitenhiebe als man woanders erntet. Es stimmt, man wird manchmal unterschätzt. Natürlich hat man als Frau die Aufmerksamkeit auf seiner Seite, wenn man in den Hörsaal kommt und da sitzen tatsächlich nur Männer. Aber es ist bei weitem nicht so unangenehm wie man sich das vielleicht ausmalt. Schließlich gibt es neben denen mit den Vorurteilen, auch nette Menschen, nette Kommilitonen, die gute Freunde werden. Und wenn sie es nicht schon vorher wussten, dann wachsen sie vielleicht an der Erfahrung, dass auch Frauen Informatik studieren können. Und im Berufsleben finden alle Professionalität wichtig. Und verhalten sich auch so. Insbesondere seitdem ich im Berufsleben bin, ist mir niemand mehr begegnet, der irgendwelche Vorbehalte gegen Frauen hat.

Ich sage nicht, dass es absolut unproblematisch ist, als Frau Informatik zu studieren. Problematisch ist alles irgendwann mal, egal wer oder wie man ist. Ich sage nur, dass es nicht so schlimm oder ungewöhnlich ist, wie es viele andere einem ausmalen, und das Geeks und Nerds nur Stereotypen sind, denen „Frau Informatikerin“ gern widersprechen darf.

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe „#4 Freaks & Geeks“ des No Robots Magazines. Lies hier kostenlos das komplette Magazin!

Stefanie H.

Stefanie, *1988, bloggt auf miss-booleana.de über Filme, IT, Serien und Manga, wenn sie nicht gerade tut was Software-Entwicklerinnen so tun.

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