nackte Frau
Kommentare 0

Frau! Zieh! Blank!

gut aussehende Frau

Foto: Unsplash/Christian Newman

Irina Shayk hat alles. Sie ist ein international erfolgreiches Unterwäschemodel, dated Hollywood-Hottie Bradley Cooper und wird im Foto-Interview „Sagen Sie jetzt nichts“ der Süddeutschen als „eine der schönsten Frauen der Welt“ bezeichnet. Mir bleibt beim Anblick der Fotos der Mund vor Ehrfurcht offen stehen. Vielleicht läuft sogar ein wenig Sabber heraus. Und ich denke: „Ja, es stimmt. Sie ist die schönste Frau der Welt.“

Einige Wochen später lese ich ein Interview mit Katrin Bauerfeind in ELTERN. Ob Schlausein und Selbstbewusstsein für Frauen ein Tabu sei, wird sie gefragt. Ihre Antwort darauf lautet: „Henry Kissinger hat mal gesagt: ‚Macht macht Männer sexy‘, womit er recht hatte. Frauen gelten nach wie vor nur als sexy, wenn sie blankziehen. Deswegen sind selbstbewusste oder erfolgreiche Frauen kein Tabuthema, aber sie sind seltener und werden deshalb immer noch oft komisch gefunden.“ Weiter heißt es: „Das Leben hat immer schön zu sein. Genau wie man selbst. Ständig soll man noch toller, noch schöner, noch smarter oder dünner sein.“

Wieder muss ich an Irina Shayk denken. So sein zu wollen wie diejenigen, die wir bewundern – das ist es doch, was uns unter Druck setzt. Doch ich fühle keinen Neid in Bezug auf Irina Shayk. Ihre Schönheit ist eine glückliche Laune der Natur, so wie ein norwegischer Fjord oder ein besonders schöner Sonnenaufgang. Warum sollte ich mich von einem Fjord unter Druck setzen lassen?!

Ich komme ins Grübeln. Wer sind die Frauen, die ich attraktiv, vielleicht sogar sexy finde? Welche Vorbilder habe ich, die mir das Gefühl geben, schöner, dünner, smarter sein zu müssen? Sexiest Woman on TV? Ganz klar, das ist Christina Hendricks in ihrer Rolle als Sekretärin Joan in Mad Men. Habt ihr die Oberweite gesehen? Yo, sexy Momma! Frustriert muss ich anerkennen: Diese Rundungen werde ich niemals erreichen! Joan ist so unfassbar heiß, das sage ich hier als heterosexuelle Frau … dafür muss sie nicht mal blank ziehen! Tatsächlich sind ihre klassischen 60er-Jahre-Kleider in der Serie sogar recht hochgeschlossen – keine nackte Haut zu sehen. Möglicherweise ist es ja nicht mal ihre Oberweite, die Hendricks so unfassbar attraktiv macht? Es ist nämlich gerade nicht die billige Sekretärin mit den großen Brüsten. Es ist die selbstbewusste Frau, die heimlich das Büro zusammenhält. Die nicht mal blank ziehen muss, um die höher gestellten Männer wie Marionetten zu führen. Obwohl sie schon blank zieht. Wenn sie will. Joan hat eine beachtliche Oberweite. Aber es ist die Macht, die sie sexy macht.

Das Thema lässt mir keine Ruhe. Welche Frauen finden Frauen sexy? Wer sind unsere heimlichen Vorbilder? Ich frage in meinem persönlichen Umfeld nach. Ich starte eine kleine Umfrage via Twitter und Facebook.

Keiner nennt Irina Shayk. Auch Namen wie Miranda Kerr oder Adriana Lima fallen nicht oder eines der beliebten Victoria-Secret‘s-Models. Heidi Klum schon gar nicht. Keiner denkt an die vermeintlich Schönsten der Schönen. Woran liegt das? Ist es Neid? Stutenbissige Abneigung gegen die Perfektion? Bosheit gegenüber denjeniegen, denen die Makellosigkeit und das Dünnsein scheinbar leicht fällt? Können wir vielleicht einfach nicht zugeben, dass Menschen, an denen wir kein sexuelles Interesse haben, attraktiv sind?

Der Name Christina Hendricks fällt stattdessen, wie erwartet. Scarlett Johannson. Oder Léa Seydoux. Emma Watson ist schön. Mackenzie Davis oder Natalie Portman. Romy Schneider oder Pink. Meine Freundinnen. Meine Frau.

Man müsse unterscheiden, ermahnt mich meine Freundin Roxy. Attraktivität habe nicht unbedingt etwas mit der Optik zu tun. Es gebe „schön“, aber auch „apart“, „hinreißend“ oder „beeindruckend“.

Frauen sind großem Druck ausgesetzt. Zweifellos. Doch man unterstellt uns, dass der Druck von den Plakaten kommt. Von den Size-Zero-Geistern, die an jeder Ecke blankziehen. Es heißt, sie ermahnen uns dazu, genauso schön, makellos und vor allem dünn zu sein. Blank zu ziehen. Unnahbar oder unterwürfig zu sein. Makellos zu sein. Unnahbar. Unterwürfig. Das mache eine Frau sexy. Machtlosigkeit – im Gegensatz zu den Herren.

Offensichtlich: Denn auch wir stehen ja auf die großbusige Christina Hendricks. Auf Scarlett Johannson, wenn sie lasziv einen Schmollmund zieht.

Oder vielleicht stehen wir auch auf Joan Holloway, die ein ganzes Büro voller Männer im Griff hat. Auf Superagentin und Badass Black Widow. Wir stehen auf Léa Seydouxs hinreißende Zahnlücke. Wir knien nieder vor Emma Watsons und Natalie Portmans Intelligenz. Oder vor Pinks Rockaura. Wir beneiden unsere Freundinnen um ihre tollen Haare oder schönen Augen. Bleibt mein Blick in der U-Bahn an einer Frau hängen, dann ist es selten eine Schickeria-Schönheit. Es ist die Frau mit den großen Ohren oder die mit der auffälligen Nase. Vielleicht die Rothaarige mit den Sommersprossen. Oder auch die mit dem Kopftuch. Manche von uns verlieben sich sogar in andere Frauen – in die ganz Normalen, vielleicht mit Size-Zero-Größe, vielleicht auch nicht. Doch das Dünnsein, das ist wohl im seltenen Fall der Auslöser. Meistens verlieben wir uns doch in Menschen, die wir bewundern, die uns beeindrucken. Vielleicht nicht mit ihrem großen Busen oder ihren Schmollmund – vielleicht auch einfach mit ihrem Humor, ihre große Klappe oder auch ihrer Sanftmütigkeit. Aus den gleichen Gründen, aus denen sich andere in Männer verlieben.

Uns wird unterstellt, dass wir uns klein machen, dass wir Depressionen bekommen unter dem Druck, der auf uns lastet, so attraktiv zu sein wie die nackten Schönen auf den Plakaten. Dass wir unsere Werte, unser Talent verkaufen, für das Streben, den Wahn, genauso dünn zu sein wie Unterwäschepräsentationen. Doch die Wahrheit ist: Das sind nicht unsere Vorbilder.

„Macht macht Männer sexy“. Und Frauen auch. Erfolg macht Frauen sexy. Intelligenz. Selbstbewusstsein. Unperfektion. Humor. Sanftmütigkeit.

Schlichtweg: Frauen sind sexy. Vielleicht nicht immer für die Cosmopolitan. Aber für unsere Freundinnen, unsere Kollegen, Leute, die wir auf unserm Arbeitsweg treffen. Unsere Partnerinnen und Partner. Und hoffentlich für uns selbst.

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe „#2 Früchte des Zorns“ des No Robots Magazines. Lies hier kostenlos das komplette Magazin!

Titelfoto: Unsplash/Christopher Campbell

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 31 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

Letzte Artikel von Larissa//No Robots Magazine (Alle anzeigen)

Schreibe eine Antwort