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„Früher ging es doch auch!“

Frauen früher

Corona hat uns erobert. Es befällt unseren Körper, unseren Alltag, unsere Gedanken. Eigentlich wollte ich nichts dazu schreiben. Wenigstens das Magazin sollte virenfrei bleiben. Doch nachdem Corona fiebrige Diskussionen unter Eltern und (vermutlich) Nicht-Eltern ausgelöst hat, muss ich ein paar Worte dazu loswerden: Wann immer Eltern klagen, dass sie nicht mehr können, aus welchem Grund auch immer, kommt ihnen ein „Früher ging es doch auch!“ entgegen. Und mit diesem Früher müssen wir jetzt mal aufräumen.

Erstmal ist „früher“ ja ein sehr diffuser Wert. „Früher“ kann alles bedeuten. Das ist für diese Diskussion aber gar nicht unbedingt entscheidend, weil Familienleben früher tatsächlich lange ziemlich ähnlich ablief.

Fotoalbum Familie früher

Spulen wir das Band einfach mal ein ganzes Stück zurück

Einfach irgendwohin zwischen Mittelalter und Moderne. Eine Sache, die stimmt schon mal: Früher hatten die meisten Menschen viel zu tun, sehr viel mehr als wir heute, wenn wir über Homeoffice, Homeschooling und Hausarbeit klagen. Frauen haben damals auf dem Feld geackert, unter widrigsten Bedingungen in dreckigen Städten oder auch nur im Haus, doch auch das war Knochenarbeit – keine Frage. Kinder bekamen sie üblicherweise nebenher, Kinder hatten sie nebenher. Kleine Kinder wurden mit aufs Feld genommen, waren bei der Arbeit dabei oder wurden von Verwandten betreut. Größere Kinder fanden sich in Gruppen zusammen und betreuten sich selbst. Zur Schule gingen die meisten Kinder nur kurz, dabei wurde wenig Anspruch an ihre Bildung gelegt. Was verpasst wurde, das wurde eben verpasst. Für die Arbeiten, die vor ihnen lagen, würde es schon reichen. Falls die Kinder überhaupt das Erwachsenenalter erreichen würden, denn eins von vier Kindern erlebte bis ins frühe 20. Jahrhundert seinen fünften Geburtstag nicht – was mitunter sicher auch daran lag, dass unbeaufsichtigte Kinder nun mal leichter verunglücken.

Dabei ist es längst nicht gesagt, dass Kinder überhaupt im engen Kontakt mit ihren Mütter aufgewachsen sind. Viele Faktoren führten dazu, dass Kinder ihre Mütter eher selten bis nie sahen: Viele Frauen starben bei Geburt oder im Wochenbett. Und selbst wenn nicht, so hatten viele Familien gar nicht die Kapazitäten, um die hungrigen Mäulchen ihrer Nachkommen zu füllen. Es war daher durchaus auch unter einfachen Stadtmenschen üblich, Kinder gleich nach der Geburt zu Ammen auf dem Land zu geben und sie zurück zu holen, wenn sie arbeitsfähig waren. Oder auch nie. Wer es sich leisten konnte, der holte sich die Amme praktischerweise ins Haus. Da durften die Kinder Frau Mutter morgens und abends mal guten Tag sagen. Oft auch nicht mehr.
Also seien wir ehrlich: Bis etwa zum ersten Weltkrieg, ja, wahrscheinlich sogar bis nach dem zweiten, war eine Mutter in erster Linie Arbeitskraft, die nebenbei gebar.

Kinder früher

Ein bisschen weniger früher

Wenn Leute davon erzählen, dass Mütter doch „früher“ doch auch ganz für ihre Kinder da waren, dann meinen sie meistens nicht „irgendwann früher“, sondern in ihrer eigenen, verklärten Kindheit. Denn dass Frauen Zeit und Energie für ihre (überschaubare) Kinderschar haben, das ist eigentlich erst seit wenigen Generationen, wenn nicht erst seit wenigen Jahren der Fall. Eine große Erleichterung haben sie sicherlich ab den 1950ern erfahren, als Hausfrausein plötzlich ein Luxus wurde. Die flächendeckende Elektronik erleichterte die Hausarbeit enorm. Nach den Entsagungen des Krieges konnten viele es sich plötzlich leicht machen. Dabei reichte auch ein einfaches Gehalt üblicherweise, um eine Familie zu ernähren. Trotzdem musste jeder Teller von Hand gespült werden, Wäsche gebleicht und Böden geschrubbt werden. Hausarbeit war nun zwar merklich leichter als noch ein, zwei Generationen früher, aber dennoch immer noch eine Vollzeitaufgabe, sieben Tage die Woche. Kinder? Gingen jetzt mehr und länger zur Schule, wurden daneben aber immer noch häufig von Omas oder Nachbarn betreut oder betreuten sich eben weiterhin selbst.

Die Fünfzigerjahre-Ehefrau ist nicht von heute auf morgen verschwunden. Es war ein schleichender Prozess, dass Hausarbeit leichter wurde, die Ansprüche sanken. So waren auch viele der heutigen Omas in den 80ern und 90ern noch Vollzeit mit der Hausarbeit beschäftigt, die in ihrer Priorität über der Kinderbeschäftigung lag. Viele Erwachsene berichten heute noch davon, wie frei und ungebunden sie schon als kleines Kind unterwegs waren. Etwas, das vielen in der „heutigen Welt“ für die jetzigen Kinder nicht mehr sicher erscheint.
Während der Wert der Hausarbeit langsam abnahm, wurden Frauen in den letzten Jahrzehnten dagegen gebildeter. Haben von den Frauen der Ü60-Generation nicht mal ein Viertel Abitur, so sind es heute mehr als die Hälfte. Gleichzeitig können sich es heute nur noch wenige Familien leisten, dauerhaft von einem Gehalt zu leben. Die Arbeitsbelastung von Frauen ist im Haushalt zwar gesunken, dafür wurde sie um die Erwerbsarbeit erweitert. In dieser Entwicklung wurde die Gesellschaft mobiler, dezentraler. Längst ist es nicht mehr üblich, dass Großeltern unterm gleichen Dach oder wenigstens in der Nähe wohnen. Von einem ganzen Dorf, das die Kinder mit erzieht, können viele Eltern nur träumen.

Kinder früher

Kindererziehung ist nicht gleich Kindererziehung

Kommen wir zu einem weiteren Punkt, warum es „früher doch auch ging“: Die Ansprüche an eine gute Kindererziehung sind in den letzten Jahren enorm gestiegen. Kindern wurde lange, lange Zeit jegliches Recht, jedes Bedürfnis abgesprochen. Bis ins Jahr 2000 (!) war es legal, seine Kinder zu schlagen, ja, es wird immer noch darum gestritten, ob Kinderrechte überhaupt ins Grundgesetz gehören. Gerade in den älteren Generationen bestand Erziehung also häufig darin, Kinder mit Strafe und Prügel gefügig zu machen. Selbst heutige Eltern werden es bei sich oder anderen erfahren haben, dass ihre Bedürfnisse gering geschätzt wurden und zuweilen der Kochlöffel gezückt wurde. Glücklicherweise nehme diese Methoden mehr und mehr ab. Was allerdings auch dazu führt, dass Erziehung mehr Aufwand, Energie und Geduld erfordert. Früher bekam ein Kind eben eins hinter die Lauscher, wenn es Muttern bei der Arbeit gestört hat. Heute hängen Mütter geduldig jedes Wäschestück dreimal auf, während das Einjährige nebenbei „hilft“.
Aber auch in anderen Bereichen sind die Anforderungen an Eltern (sprich: Mütter) mehr und mehr gestiegen: Die Konserve, das Wunderwerk der Fünfzigerjahre-Hausfrau? Verpönt. Der Fernseher als Babysitter, wie es lange Zeit normal war? Schlecht für die Entwicklung. Und ja, irgendwo muss es ja auch herkommen, dass Kinder heute sehr viel öfter Abitur machen als noch vor wenigen Jahrzehnten. Und während Mütter dazu getrieben sind, ihre Kinder liebevoll und bedüfnisorientiert mit Engelsgeduld durch den Tag zu begleiten, sie bestmöglich zu fördern und ihnen täglich frisch zu kochen, müssen sie noch ständig gegen das Vorurteil ankämpfen, dass sie verwöhnte kleine Tyrannenkinder heranziehen. Na, schönen Dank auch.

Fassen wir also zusammen: Nein, die aktuellen Anforderungen der Corona-Eltern sind nicht die gleichen wie „früher“. Es ist unbestreitbar, dass das Leben für frühere Generationen hart und schwer war, viel härter als für uns heute. Dennoch hatten Eltern ihre Strukturen, die das Elternsein machbar machten: Unterstützung von Familie oder Fremdbetreuung und die gesellschaftliche Akzeptanz, dass körperliche Züchtigung als Erziehung schon ausreicht.
Für die Eltern unser Generation war Elternsein im Großen und Ganzen auch machbar. Die Anforderungen an uns haben sich verändert, aber auch die Strukturen haben sich gewandelt. Nun sind diese Strukturen allerdings buchstäblich von einem Tag auf den anderen zusammen gebrochen.
Stellen wir uns doch mal vor, wir sagen einer Frau aus dem Jahr 1910, sie soll bitte sofort ihr Dienstmädchen entlassen, die Oma isolieren, Kontakt zur Schwestern und Nachbarinnen abbrechen, die Kinder ins Haus holen, um sie dort liebevoll zu umsorgen, zu bilden und gesund zu ernähren, während sie doch bitte mal von ihrem „Putzfimmel“ lassen soll. Zu viel verlangt? Sie soll aufhören zu jammern. In 100 Jahren geht es doch auch.

Fotos: Unsplash

Larissa//No Robots Magazine
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1 thought on “„Früher ging es doch auch!“”

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