Hochzeit
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Fünf Hochzeiten und ein Coming-Out

Hochzeit

Foto: Unsplash/Sweet Ice Cream Photography

Im April vor zwanzig Jahren – ja, so lange ist es schon her – stand ich zum ersten Mal vor einem Standesbeamten und gab meiner Verlobten das Ja-Wort. Der Raum war voll mit Verwandten und Freunden beider Familien. Der Standesbeamte hielt eine romantisch-kitschige Ansprache. Alles war Idylle und purer Kitsch. Damals meinte ich, genau zu wissen, was ich da tat und mein Herz war voller Hoffnung, und ja, es war ein wunderschöner Augenblick.

Ein paar Monate davor saß ich in der Küche meiner Eltern, neben mir die Braut und uns gegenüber saß mein Onkel, als Vater von vier verheirateten Kindern war er der Experte, was Planung einer Trauung anging. Vor ihm lag ein Stapel Papier und während er uns mit Fragen löcherte, notierte er mal hier, mal da ein paar Kleinigkeiten und murmelte so tiefgreifendes, wie: „Aha“, „Oh“, „darüber sollten wir noch nachdenken“ und „na Gott sei Dank bin ich hier, um euch zu helfen“. Mein Onkel ist ein ausgesprochen herzlicher Mensch, unglaublich hilfsbereit, und er half uns wirklich viele Fehler zu vermeiden, aber: Ich hätte auf mein Bauchgefühl hören sollen. Was an diesem Abend am Esstisch meiner Eltern geplant wurde, war eine Hochzeit, aber es war nicht meine – es war nicht das, was ich mir wünschte.

Wenn man jung und verliebt ist, dann zeigt sich wirklich, wie blind die Liebe macht. Rückblickend kann ich nicht mehr sagen, warum ich meine erste Frau unbedingt heiraten wollte, aber wie ich schon eingangs sagte: Ich war jung und verliebt. Schon die offizielle Bekanntgabe der Verlobung lief nicht nach unseren Vorstellungen ab. Die Schwiegermutter hatte sich in den Kopf gesetzt, einen kleinen Empfang mit Sekt und kleinen Häppchen zu veranstalten, auf dem ich nach einer kleinen Begrüßung der Gäste und einer Ansprache, offiziell um die Hand ihrer Tochter anhalten sollte. Selbst einundzwanzig Jahre später schüttle ich beim Gedanken daran den Kopf.

Meine erste Hochzeit war ein Riesenspektakel. Fast dreihundert geladene Gäste in einem noblen Hotel mit Restaurant und Ballsaal, einer Band, die moderne, ältere und volkstümliche Lieder im Programm hatte, einem Fotograf für die Porträts und einem für die Veranstaltung selbst. Jedes Detail des Zeitplans, der Sitzordnung, der Gästeliste, des Menüs mitsamt der dazugehörigen Kuchenauswahl war dank meines Onkels minutiös bis ins kleinste geplant. Alles lief reibungslos. Vom Ankleiden der Braut, der Fahrt zum Standesamt, den Fotos danach, der Fahrt zur Kirche, … jedes kleine Detail lief richtig, besser noch: Es lief perfekt. Selbst, als ich an einer Türklinke hängen blieb und mir einen Knopf meines Hemdes abriss, war sofort jemand mit Nähzeug und einem Ersatzknopf da. Mein Onkel ist ein Genie – nur: Es war nicht mein Fest. Weder im Standesamt (Ja-Wort Nummer 1), noch in der Kirche (Ja-Wort Nummer 2) und schon gar nicht das mittlere Volksfest hinterher.

Als ich ein paar Jahre später mit meinem Anwalt, meiner Frau, ihrem Anwalt, meiner Schwiegermutter und deren Hund vor einem mürrischen Richter saß, um mich scheiden zu lassen, schwor ich mir: Sollte ich je wieder heiraten, dann ließe ich mir nicht mehr reinreden. Ich war jung und verliebt. Ja, als ich geschieden wurde, hatte ich bereits eine andere Frau an meiner Seite. Zwischen Trennung und Scheidung lag ein langer Weg, mit vielen Anwaltsbriefen und sehr viel Zeit.

Ein paar Jahre später lief ich hektisch durch Las Vegas. Während meine Freundin beim Frisör saß, versuchte ich, einen Gürtel zu finden, denn ich wollte nicht, dass mir während einer Trauung die Hose runter rutscht. Ja, ich war wieder verlobt. Meine Freundin und ich hatten kurz vor unserem Urlaub beschlossen, in Las Vegas zu heiraten. Diesmal beschloss ich, meine Familie raus zu halten, und sagte vor der Abreise kein Wort. Die eigentliche Planung der Hochzeit begann erst drei Tage davor. Wir hatten unsere amtliche Heiratserlaubnis eingeholt, eine Limousine gemietet, die Kapelle gebucht und die Ringe gekauft. Wir hatten sogar einen Platz in einem Restaurant reserviert, um nach der Trauung gemütlich Essen zu gehen. Eine Stunde vor der Abfahrt zur Kapelle fehlte mir nur noch der Gürtel.

Die Trauung in der Graceland Wedding Chapel dauerte etwa fünf Minuten (nein, kein Elvis-Imitator). Die Fotografin der Kapelle bezeugte unsere Eheschließung, und wir fuhren ins Restaurant. Alles war irgendwie ein wenig improvisiert, leicht chaotisch und meine frisch angetraute Frau und ich hatten einen Riesenspaß. Die Hochzeit (inzwischen meine dritte Trauung) war nur für uns, das tat sehr gut.

Zu Hause gab es Tränen. Die Mütter und Väter waren enttäuscht, denn sie hatten ja bei der Hochzeit nicht dabei sein können. Nun hatte die Trauung in Nevada einen kleinen Haken: Nach österreichischem Recht gilt die Ehe erst, wenn sie beim Standesamt anerkannt wird. Für uns waren wir verheiratet, für den Staat noch nicht. Also überlegten wir und fanden einen Kompromiss – alles für den Frieden in der Familie. Wir planten, ein Jahr nach unserer Hochzeit, noch einmal zu heiraten – diesmal im Kreis der Familie.

Im Frühjahr war die Planung unserer Hochzeit fast abgeschlossen. Es sollte der engste Familienkreis eingeladen werden, ein kleines, sehr gemütliches Restaurant war bereits in unserer Planung favorisiert. Wir planten nach unseren Vorstellungen und ließen Raum für die Verwandtschaft. Bis meine Schwester mit ihrem Freund zum Essen kam und uns eine Frage stellte, mit der wir nicht rechnen konnten: Sie fragten uns, ob es uns etwas ausmachen würde, wenn sie am gleichen Tag heiraten würden, am liebsten mit uns gemeinsam – und plötzlich steckten wir in Planung einer Doppelhochzeit. Die Illusion vom kleinen Kreis zerplatzte, das Restaurant war auch nicht groß genug … auf einmal steckte ich wieder in der Planung einer Zweihundert-Personen-Feier.

Das Fest wurde großartig, die Gäste waren begeistert. Meine Frau und ich trösteten uns damit, dass unsere echte Trauung ja ohnehin in Las Vegas stattgefunden hatte. Nun hatte ich bereits zum vierten Mal das Ja-Wort gegeben, keine Hochzeit glich der anderen, aber auch die zweite Ehe zerbrach.

Als ich meine jetzige Frau kennenlernte, dachte ich nicht daran, dass ich jemals wieder heiraten würde. Unsere Beziehung funktionierte auch ohne Trauschein ganz gut und mit den Kindern war das sehr schnell eine recht große Familie geworden. Bevor wir überhaupt über Hochzeit sprachen, habe ich mich bei meiner Frau geoutet. Ich lebte zwar noch einige Zeit nach außen als Mann, aber ich musste mich ihr gegenüber nicht mehr verstellen. Und ja, irgendwie hätte ich schon gerne mal in einem Brautkleid geheiratet, aber eine kleine Trauung – nur wir und die Kinder – war genau richtig. Es war richtig für uns.

Hochzeiten können sehr unterschiedlich sein. Von der Menge der Gäste, vom Ort der Trauung, so viele Details, die man in Betracht ziehen muss. Rückblickend betrachtet kommt es bei der Planung der perfekten Hochzeit nur auf eines an: Es muss für das Brautpaar stimmen. Sobald man bekannt gibt, dass man heiraten will, prasseln von allen Seiten Vorschläge, Ideen und Wünsche auf das Brautpaar ein. Nur wenige berücksichtigen dabei eines: Es geht eigentlich immer nur um die beiden Menschen, die zueinander Ja sagen wollen.

Dieser Artikel war Teil des No Robots Magazine #6 Rausch.

Nina M.

Nina, *1972, neugierige Bloggerin auf fraupapa.wordpress.com schreibt nicht nur über ihre Regenbogenfamilie.

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