Ein Fußball Stadion
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Fußball-Liebe

Sommer 1996 – mein erstes Jahr auf dem Gymnasium war fast vorbei, der neue Freund meiner Mutter zog bei uns ein und Deutschland wurde Fußball-Europameister, ganz ohne Sommermärchen oder Public Viewing. In diesem Jahr erlebte ich zum ersten Mal die Magie von Fußball und wurde zum Fan. Ich löcherte den neuen Mann im Leben meiner Mutter mit allerlei Fragen und freute mich mit ihm gemeinsam über die Siege der deutschen Nationalmannschaft. Eine Gemeinsamkeit, die ich nach der Scheidung meiner Eltern mit einer neuen Vaterfigur erst finden musste. Fußball war damals „unser Ding“ und ist es bis heute geblieben. Meine Mutter ist regelmäßig für diese 90 Minuten außen vor.

Der erste Stadionbesuch kam sehr viel später und ich war skeptisch. Mein Freund schenkte mir eine Karte und ich dachte sofort an Hooligans, Raufereien, übermäßigen Alkoholkonsum. Und auch wenn wir unspektakuläre Sitzplätze hatten und ich mein erstes Stadion-Tor auf der Toilette erlebte, hat mich dieser Besuch bekehrt. Mehrere Jahre sind wir regelmäßig über 150 km zum Stadion unseres Lieblingsvereins gefahren, um bei allen Heimspielen dabei zu sein. Durch einen Umzug wurde die Entfernung noch größer, trotzdem sind wir so oft es geht im Stadion. Im Urlaub gehen wir in fremde Stadien, vergleichen Gepflogenheiten und Atmosphäre und jubeln oder leiden mit der jeweiligen Heim-Mannschaft.

Ein Fußball Stadion

Foto: Unsplash/Fancy Grave

Und das liebe ich bis heute an Fußball – die Gemeinschaft über alle Altersklassen und Bildungsniveaus hinweg, der Torjubel, bei dem man plötzlich Fremden in den Armen liegt. Selbst die Bierdusche gehört dazu, wenn mal wieder jemand vor Freude (oder Frust) sein Getränk durch die Luft wirft. Eine Fehlentscheidung, eine rote Karte gegen einen unserer Spieler macht uns zu Verbündeten, es wird gepfiffen, gebuht und gegen den Schiri gewettert. Danach geht jeder wieder nach Hause, lebt sein Leben weiter, aber für einen Moment, für diese 90 Minuten waren wir eine Gemeinschaft.

Wo gibt es das schon noch in unserem sauberen, aufgeräumten, durchstrukturierten Leben? Im Büro nur Akademiker, auch im Freundeskreis hat jeder studiert oder sogar promoviert. Mit wem wir eine Freundschaft eingehen, überlegen wir uns gut, mit dem Pöbel, der unsere Häuser baut oder unsere Toiletten putzt, wollen wir nichts zu tun haben. In die gleiche Kategorie fällt der Fußballfan, der samstags um 15:30 Uhr in der Eck-Kneipe sitzt und Bier trinkt oder im Stehblock seine Mannschaft unterstützt. Und doch sind wir in diesem Stehblock alle gleich, haben für diese 90 Minuten das gleiche Ziel, ganz unabhängig von Einkommen, Hautfarbe oder Geschlecht.

Fußball-Fans haben einen schlechten Ruf und Vorurteile bleiben hartnäckig bestehen. Nicht von ungefähr halte ich mich im beruflichen Umfeld oft mit dem Thema zurück, nutze Fußball nicht für Small-Talk mit neuen Business-Kontakten und gerade wenn ich Bekanntschaft mit anderen Frauen schließe, lasse ich das Thema außen vor. Dort stoße ich doch am häufigsten auf Ablehnung und Unverständnis. Und trotzdem sind angeblich ein Viertel aller Stadionbesucher in Deutschland weilblich.

Wo es Vorurteile gegen den Fußballfan allgemein gibt, gibt es noch viel mehr Vorurteile gegen Frauen im Stadion. Ich muss beweisen, dass ich die Abseitsregel verstanden habe und mich rechtfertigen, dass ich nicht nur wegen der hübschen jungen Männer in engen Trikots vor Ort bin. Dafür müssen wir Frauen an der Toilette und am Einlass zum Stadion extra lange anstehen, weil die Vereine immer noch nicht verstanden haben, dass die Zahl der weiblichen Besucher steigt, man die Anzahl der Damentoiletten und weiblichen Sicherheitskräften anpassen müsste. Die Vermarktung von rosa Fan-Ausrüstung, die die Vereins-Farben zugunsten eines „weiblichen“ Einheitsbreis ersetzt, ist nur ein weiteres von vielen Frauen-Klischees, mit denen man im Fußball konfrontiert wird.

Ich habe durch Fußball wichtige Freundschaften geknüpft und Beziehungen gefestigt. Ein gemeinsames Thema, eine geteilte Leidenschaft steigert beim Kennenlernen direkt die Sympathie. In meinem männerdominierten Job bringt mir mein Fußballwissen oft Pluspunkte (nachdem ich ausgelotet habe, wie das Thema beim Gegenüber ankommt). Fußball ist für mich eine Bereicherung in jeder Hinsicht und ich würde gerne mehr von diesen ominösen 25 Prozent weiblichen Stadionbesuchern kennenlernen.

Quellen:

Zeit.de
bpb.de
Spiegel Online

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe „#4 Freaks & Geeks“ des No Robots Magazines. Lies hier kostenlos das komplette Magazin!

Stefanie W.

Stefanie, *1985, lebt mit ihrem Mann, einem unerschöpflichen Wollkorb, einem Netflix-Abo und zu vielen ungelesenen Büchern in Frankfurt.

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