Gastbeitrag von Leah von Splitter von Glück
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Gastbeitrag // Eine große Liebe: Fotografie

Leah von Splitter von Glück und ich teilen ein Hobby: die Fotografie. Da ich allerdings lange nicht so viel dafür tue, wie ich gerne möchte, lassen wir doch lieber Leah darüber berichten. Heute erzählt sie uns die Geschichte ihrer großen Liebe.

Die Fotografie, sie ist meine Jugendliebe. Kennengelernt habe ich sie im Gymnasium, als ich mir meine erste Kamera kaufte. Ich bin gleich in die digitale Fotografie eingestiegen. Die analoge kenne ich nur vom Hörensagen und aus Kindheitserinnerungen. Meine erste eigene Kamera – es war eine HP Photosmart 850 – war für mich die schönste, die beste, die tollste. Wenn man verliebt ist, gibt es keinen Raum für Zweifel. Verglichen mit heutigen Standards war sie aber eine Katastrophe. Die Auflösung war schlecht, der optische Zoom begrenzt, die Auslöseverzögerung prekär. Bewegte Objekte – außer Schnecken und Schildkröten – konnte ich damit nicht fotografieren.

Kröten
Als ich nach der Matura – die Schweizer Version des Abiturs – ein Praktikum bei einer Lokalzeitung machte, hatte ich zum ersten Mal eine vernünftige Kamera – eine digitale Spiegelreflex – in der Hand. Sie entfachte meine Leidenschaft von neuem. Mit meiner eigenen Kamera und ihren Schwächen war ich damals frustriert und meine Liebe zur Fotografie deshalb eingerostet.
Vor dem Studium machte ich meine erste große Reise und kaufte mir dafür meine erste eigene Spiegelreflex-Kamera. Es war eine Canon EOS 400D. Sie war nicht nur meine treue Begleiterin in China, sondern später auch in Chile und Südostasien. Ich habe sie innig geliebt, und sie hat mir viel beigebracht. Auch eine neue Sprache: Dank ihr sind Blende, ISO, Brennweite, Verschlusszeit für mich keine Fremdwörter.

Wache
Nach dem Studium war sie in die Jahre gekommen, und ich ersetzte sie durch ein jüngeres Modell. Die EOS 600D. Meine Beziehung zu dieser Kamera war gut, aber weder besonders heftig noch lang. Als ich vor zwei Jahren beschloss, mich intensiver mit Fotografie zu beschäftigen und dafür einen Tag pro Woche die Schulbank zu drücken, begann sie und ihre Unzulänglichkeiten mich zu nerven. Statt einer Partnerin, die in Ordnung ist, wollte ich eine, die mich aus den Socken haut. Leider kann man Kameras im Gegensatz zu Männern nicht in Bars aufreißen und so gab ich viel Geld aus, um eine Vollformat-Spiegelreflex-Kamera – die EOS 6D – mein Eigen zu nennen. Ihr bin ich bis heute treu geblieben. Und um beim Männer-Vergleich zu bleiben: So scharf wie sie ist keiner.
So viel zu meiner Kamera-Geschichte. Da das Technische aber nur den kleineren Teil der Fotografie ausmacht, ist auch meine Liebe zu ihr komplizierter. Wie jede Beziehung ist sie von Hochs und Tiefs, von Harmonie und Uneinigkeiten, von Stillstand und Aufbruch geprägt. Am Ende bleibt jedoch immer die Liebe. Ihr Fundament ist die Fähigkeit, Momente, die nicht länger als einen Wimpernschlag andauern, einzufrieren. Die Fähigkeit zu konservieren, was eigentlich vergänglich sein sollte. Man könnte argumentieren, dass Erinnerungen dies auch tun. Aber Erinnerungen verändern sich mit der Zeit und Erinnerungen kann man niemandem zeigen. Fotografien sind für die Ewigkeit – oder zumindest solange es noch einen Computer gibt, der das Dateiformat lesen kann – und wenn jemand mein Bild betrachtet, sieht er genau das, was ich im Moment, in dem ich abdrückte, durch den Sucher sah.
Bilder sind – wie Erinnerungen auch – subjektiv. Durch den Ausschnitt, die Perspektive, die Brennweite und heutzutage die Bildbearbeitung beeinflusse ich, was der Betrachter wahrnimmt. Durch meine Bilder gewähre ich nicht nur Einblicke in das, was ich erlebt, sondern auch wie ich es erlebt habe. Da objektiver Fotojournalismus nie mein Ziel war, finde ich das gut. Denn es ist die Interpretation des Moments, welche ihm Bedeutung verleiht.
Die Liebe zur Fotografie hat meine Sicht auf die Welt verändert. Da Bildmotive oft im Nebensächlichen verborgen sind, hat sie meine Wahrnehmung für die Schönheit im Alltäglichen geschärft. Halte ich die Kamera in der Hand denke ich, sehe ich in Bildern. Ich sehe keinen Baum, sondern die Struktur seiner Rinde, das satte Grün seiner Blätter, das Muster, welches das blasse Frühlingslicht durch sie auf den Boden wirft. Die Suche nach Motiven fragmentiert die Wahrnehmung. Ich sehe dann die Welt nicht mehr als Ganzes, sondern als Sammlung einzelner Aufnahmen.

Viehschau
Wie bei der Liebe, ist auch bei der Fotografie das richtige Timing wichitg. Es sind Hundertstelsekunden, die den Unterschied zwischen einem guten und einem schlechten Bild ausmachen. Drückt man zu spät auf den Auslöser, dann ist der spezielle Moment bereits verstrichen – außer man fotografiert Landschaften oder Gebäude, da hat man mehr Zeit – und mit ihm die Chance auf ein gutes Bild. Drückt man im richtigen Moment auf den Auslöser, hat aber die falsche Verschlusszeit eingestellt, sind es erneut Hundertstelsekunden, die über Erfolg oder Misserfolg entscheiden. Mit einem verwackelten, heillos über- oder unterbelichteten Bild kann man nur eines machen: es löschen.
Wenn ich das perfekte Bild sehe, es aber nicht festzuhalten vermag, dann hadere ich mit meiner Liebe und der Fotografie. Wiederholt sich dies innerhalb kurzer Zeit mehrmals, werde ich frustriert. Meist mit meiner Unzulänglichkeit und manchmal mit der der Kamera. Schlimmer ist nur, wenn ich gar keine Ideen habe oder keine Motive finde, die es sich zu fotografieren lohnt.
Das Frustrationspotenzial als Freizeit-Fotografin ist groß. Denn es wird immer Menschen geben, die bessere Bilder machen als man selbst. Wenn dieser Gedanken überhand und einem die Freude am Fotografieren nimmt, dann ist es Zeit für eine Beziehungspause. Man sagt „Absence makes the heart grow fonder“ (auf Deutsch: Die Liebe wächst mit der Entfernung). Das gilt auch für meine Liebe zur Fotografie. Halte ich die Kamera längere Zeit nicht in der Hand, kann ich es kaum erwarten, wieder mit ihr zu arbeiten. Dann wird es auch wieder nebensächlich, dass andere es besser können, solange ich nur mit meinen eigenen Bildern glücklich bin. Denn Liebe lebt nicht durch den Vergleich, Liebe ist was es ist – das wusste schon der Kitsch-Poet Erich Fried.

Spinne

Fotos: © Leah Wunschstein

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 32 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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3 Kommentare

  1. Steffi

    Schöner Artikel – aber AUTSCH, Erich Fried (vermutlich wegen seinem bekanntesten Gedicht „Was es ist“) als Kitsch-Poeten zu bezeichnen. Ich empfehle sehr, mal noch was anderes von ihm zu lesen … lohnt sich!

    • Ich habe mehr als „Was es ist“ von Erich Fried gelesen. Denn eine zeitlang fand ich ganz toll, was er schrieb. Heute kann ich mit seinen Texten aber nichts mehr anfangen. Ist halt Geschmacksache.

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