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Gastbeitrag: Margaret Atwood oder die Freundschaft unter Mädchen

Ich mache eine Pause. Deshalb berichtet euch heute Sabine alias Fadenvogel von ihrer großen Liebe zu Schriftstellerin Margaret Atwood.

Schriftsteller sind wie Wasser.
Manche von ihnen sprudeln fröhlich und flach über Steine in einem Bachbett ins Tal,
manche erfrischen wie ein kalter Bergsee,
einige sind große zivilisierte Flüsse, die ganze Regionen mit Frischwasser versorgen,
es gibt unter ihnen Sommerseen und es fahren auf ihnen weiße Segelschiffe in den Sonnenuntergang,
ein paar sind dreckige kleine Pfützen,
manche sind nicht dort wo sie sein sollen,
und einige,
einige wenige sind wie Ozeane.

Margaret Atwood ist ein Ozean.
Margaret Atwood Fadenvogel Katzenauge

Sie wurde in eine andere Zeit hineingeboren. 1939 in Kanada. Sie kennt noch alle Tücken und Spitzen, mit denen Mädchen erzogen werden. Aber nein, so einfach ist es auch wieder nicht.  Sie hatte keine schlechte Kindheit. Ihr Vater war Akademiker, ein Insektenforscher. Ihr Hang zu Biologie kommt mit den Jahren und Büchern immer mehr durch. Sie spricht von der Wildnis in ihrer Kindheit, vom weiten freien Land. Dort wächst sie auf und  lernte die Feinheiten der englischen Sprache, ihrer eigenen Sprache, und wurde darin so gut, dass sie an verschiedenen Universitäten lehrte. Sie schrieb Lyrik. Dies alles vor 1970. Immer noch eine Ewigkeit her.
Danach begann sie, eigene Romane zu veröffentlichen. Ihr erster Titel war „The Edible woman“, die essbare Frau. Sie hat nicht jedes Jahr ein Buch geschrieben, zwischen manchen Titel liegen Jahre. Zuletzt erschien 2013 „MaddAddam“ Die Geschichte von Zeb. Zwischen diesen beiden Titeln liegt mein Ozean.

Margaret Atwoods Thema sind Frauen. Ich meine nicht oberflächliche Schnappschüsse von Frauen, ich meine Geschichten bis ins Mark. Meine Geschichte erschien 1988 und wurde nach einer Glasmurmel benannt. „Cat´s Eye“, Katzenauge.
Die Hauptfigur Elaine kommt in die Stadt ihrer Kindheit zurück, Toronto. Sie ist Malerin und hat eine Ausstellung. Der Leser kommt mit ihr zurück in die Zeit, in der Elaine aufgewachsen ist. Sie ist zur Schule gegangen und hat Freundschaften geführt. Doch wie ein Erwachsener blicken wir nicht auf diese Freundschaften zurück. Wir werden mit ihr zu Mädchen, zu dreizehnjährigen Mädchen und müssen die Grausamkeiten unter dreizehnjährigen Mädchen aushalten, die sich unter die Haut brennen. Elaine hat eine Freundin, die sich in ihre Seele frisst. Cordelia. Es sind alltägliche Dinge, nichts Weltbewegendes. Etwas, was wir als Erwachsene abtun. Als Erwachsene wissen wir, dass es aufhört. Die Macht, die andere über uns besitzen, verschwindet. Sie ist wie der Fluch des Heranwachsens. Für Elaine ist Cordelia nicht verschwunden. Und mit ihren alten Wunden lecken wir unsere. Und erinnern uns wage, wie kalt und grausam kleine Mädchen untereinander sein können.

Ich habe viele Romane von Mrs. Atwood gelesen. Dystopische Zukunftsversionen, Lyrikbände, Geschichten aus früheren Jahrhunderten. Es ist eine gewaltige Sprache, die diese Frau besitzt. Tief und klar und kalt – wie ein Ozean. Man wird immer unweigerlich in die Geschichte mit hineingezogen. Versteht mich nicht falsch, ich schätze die Schriftsteller, die wie ein Bergsee sind: schon tief, aber überschaubar tief. Ich mag es, im Sommer kleinen Bachläufen zu folgen. Es macht halt nicht immer Spaß, mitten im Ozean zu schwimmen. Manchmal ertrinkt man auch darin. Aber so oft ich auch ertrunken bin, diese Frau bleibt die Heldin meines Bücherregals. Auch wenn einige ihrer Romane Jahrzehnte alt sind, bleiben sie bizarr aktuell.

Vielen Dank an Larissa, dass sie mir ermöglicht, einen Beitrag im No Robote Magazin zu veröffentlichen.

Fotos: Sabine Rest

Sabine

Sabine, *1981, ist Mutter von Zwillingen. Als Fadenvogel bloggt sie auf fadenvogel.de über den Vogel in ihrem Kopf, dem Spatz in der Hand, ihren Augenblicken dazwischen.

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In Kategorie: Beiträge, Medien

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Sabine, *1981, ist Mutter von Zwillingen. Als Fadenvogel bloggt sie auf fadenvogel.de über den Vogel in ihrem Kopf, dem Spatz in der Hand, ihren Augenblicken dazwischen.

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