Urban Gardening by impressionista.de
Kommentare 1

Gastbeitrag // Von Biedermeier und Kleingartenparzellen

Christina von Impressionista schreibt normalerweise über Berufseinstieg und Reisen. Heute begibt sie sich aber mal auf anderes Terrain: Urban Gardening.

Mit dem hippen Second-Hand-Kleid, das auch meiner Oma gehört haben könnte, einer Brille, zuletzt gesehen an Politikern in den 70ern, und einem Damenrucksack, der verdächtig an die alte Englischlehrerin erinnert, ziehen wir durch unsere bunte Welt. An der Hand führen wir den Freund spazieren, mit Bart und Holzfäller-Flanellhemd (zuletzt gesehen an Al Borland in Hör mal wer da hämmert). Es gibt so vieles, was sein Comeback feiern darf.
Für ein Arbeitsprojekt recherchierte ich neulich alles Mögliche zu Urban Gardening und dem Phänomen der Kleingärten. Und ja, es ist der wirklich allerletzte Schrei. Der moderne, umweltbewusste Stadtbewohner dürstet nach sinnvoller und unzerstörerischer Beschäftigung; nach Möglichkeiten, etwas Gutes zu tun. Aber bitte mit den eigenen Händen!
Gut, so ganz neu ist das jetzt wahrscheinlich nicht (die ersten deutschen Schrebergärten entstanden um 1800 herum), aber ich finde es dennoch faszinierend. In Köln zum Beispiel werfen sich die Leute auf ellenlange Wartelisten und harren sogar Monate aus, nur um sich eine Kleingartenparzelle am Stadtrand zu sichern.

Längst nicht mehr von gestern: der Schrebergarten

Ich dachte ja immer, das sei nur etwas für Rentner, Rasenfreunde oder Russlanddeutsche, aber er ist so was von zurück: der Schrebergarten. Und nicht nur in Deutschland. Nach dem Zerfall der Sowjetunion, also im wilden Osten der 90er, waren eigene Gärten unabkömmlich, um über die Runden zu kommen – ob für das eigene Abendessen in der sechsköpfigen Familie oder zum Verkaufen auf dem improvisierten Schwarzmarkt. Übrigens gärtnert auch heute noch jeder zweite Moskauer. Das gleiche Phänomen zeigte sich im Deutschland der Nachkriegszeit, oder im heutigen Griechenland. Einst aus der Not geboren, haben die Motive sich aber nun gewandelt – denn der hippe Städter macht das aus Überzeugung. Oder?
Welt.de sagt, mittlerweile sei das Ganze nicht mehr „nur Spaß, sondern könnte Experten zufolge schon bald ein wichtiger Faktor der Lebensmittelproduktion sein.“ Und nicht nur günstiges Biogemüse kann man sich so sichern – auf die Lebensqualität wirkt sich Grün in der Stadt ohnehin positiv aus.
Gärten sind toll, und ich träume selbst von einem eigenen. Mit Petersilie und Komposthaufen, versteht sich. Grün und klimafreundlich zu leben wird für die breite Masse immer wichtiger. Ist das jetzt spießig?

Der gute alte Biedermeier

Eine Kollegin meinte neulich zu mir: „Also die Jugend heutzutage hat nimmt ja geradezu biedermeiersche Züge an. Es ist mittlerweile irgendwie cool geworden altmodisch und spießig zu sein – zugeknöpfte Hemden, selbstgebackenes Dinkelbrot, Flohmarktmöbel … Und Kartoffeln vom Balkon, das gibt’s ja gar nicht!“
Guten Tag Generalisierung, bist du auch schon da! Aber denken wir das doch trotzdem mal weiter: Darf der gute alte Biedermeier sein Comeback feiern?
Laut Wikipedia bezieht sich der Ausdruck Biedermeier zum einen auf die „Kultur und Kunst des Bürgertums (z. B. in der Hausmusik, der Innenarchitektur und auch in der Kleidermode) […]. Als typisch gilt die Flucht ins Idyll und ins Private.
Suchen wir vielleicht nach Rückzugsmöglichkeiten, weg von Bio- und Gammelfleisch- und Datenschutzskandalen? Wollen wir vielleicht, wenn wir schon die Welt im Großen nicht verändern können, wenigstens im Kleinen zurück ins Heimelige, Private und Grüne? Naja, in Teilen mag das stimmen, nur so ganz eben doch nicht. Wir sind natürlich nicht die neuen Biedermeiers.
Aber jede Veränderung, wie z.B. die unhinterfragte und vor allem unnachhaltige Modernisierung aller Lebensbereiche ruft nun mal eine Gegenbewegung hervor. Und manchmal kommt diese in Form von veganen Dinkel-Cupcakes oder aber einer Kleingartenparzelle am Stadtrand. Der letzte Protest im Privaten.
Kein Bock auf Beton und „Vertreten Verboten“.
Aber dafür muss man sich übrigens nicht unbedingt nur auf die langen Schrebergarten-Wartelisten verlassen: Es gibt mittlerweile immer mehr Projekte, die zeigen, dass sogar die Stadt uns ernähren kann. „Stadt macht satt“ zum Beispiel will den Bewohnern zeigen: auch in der Großstadt gibt es mehr zu ernten, als man denkt. Das Citizen Science Projekt mundraub.org kartiert unsere städtische Umgebung und sucht nach Erntemöglichkeiten in der Stadt: Hast du irgendwo einen Brombeerstrauch, einen Obstbaum oder Bärlauch entdeckt? Dann kannst du es in diese Karte eintragen und andere darauf aufmerksam machen (vorausgesetzt es handelt sich nicht um Privatbesitz). Die Kleinstadt Andernach am Rhein ist seit ein paar Jahren stolze „Essbare Stadt“ und pflanzt Obst, Gemüse und Kräuter statt Geranien an Schlossgarten und Co. an. Mit ihrem Motto „Ernten erwünscht statt betreten verboten“ ist die Aktion frei und kostenlos für jedermann.
Forschungsprojekte gibt es ebenfalls en masse, zum Beispiel experimentiert die Roof Water Farm, wie man Berlins Dächer landwirtschaftlich nutzen kann. Manche Projekte sind so erfolgreich, dass sie sich mittlerweile sogar finanziell auf eigenen Beinen stehen und ihre Vision weitertragen, wie die ECF-Farmsystems.

Minze

Was will ich damit sagen?

Es macht uns nicht zu Spießern, wenn wir Grün statt Grau wollen; wenn wir alte Muster hinterfragen, Alternativen suchen und uns vielleicht auch das eine oder andere Gute aus vergessenen Tagen abgucken.
Im Gegenteil: Ist das nicht vielleicht die Zukunft?
Ich habe neulich meine erste eigene Tomate geerntet. Im kleinen Stil, im winzigen Töpfchen auf dem Balkon. Aber wer weiß, vielleicht gibt’s da bei mir bald mehr!

Und du?

Hast du einen Garten? Vielleicht auf dem Balkon? Oder sogar einen Schrebergarten am Stadtrand? Was ist für dich das Tollste an Pflanzen?

Fotos: Christina Wunder

Christina

Christina, *1989, kennt sich mit Neuanfängen aus: Auf Chapter One Mag schreibt sie über Berufeinstieg, Bewerbungen und Berufliche Positionierung.

Letzte Artikel von Christina (Alle anzeigen)

1 Kommentar

  1. Für mich hat es etwas unglaublich befriedigendes, im eigenen Garten (unserer ist ziemlich winzig) zu ernten und alles wachsen zu sehen. Das hätte ich vorher so gar nicht vermutet und da es soviel Freude macht, musste dieses Jahr auch noch die kleine Dachterasse dran glauben und ist jetzt Tomatenambauzone :-). Diese ganzen Urban-Gardening Ideen finde ich total spannend und ich denke, dass das auch wirklich zukunftsträchtig ist und zur (Welt-) Ernährung einen Teil beitragen kann. Interessant in diesem Zusmmenhang auch der Film: 10 milliardwn von F. Thurn. Und zum Biedermeier wird das Ganze nur dann, wenn es Flucht vor den Realitäten der Welt ist, so denke ich jedenfalls.
    Lg und danke für den schönen Artikel,
    Mecki

Schreibe eine Antwort